EISHOCKEY: Pierre-Marc Bouchard könnte der nächste Liga-Topskorer sein

Der EVZ-Zuzug Pierre-Marc Bouchard (30) hat in den ersten fünf Partien acht Skorerpunkte produziert. Könnte aus dem Kanadier der vierte EVZ-Topskorer der letzten fünf Jahre erwachsen?

Nicola Berger
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Pierre-Marc Bouchard, im Topskorer-Dress des EV Zug, läuft Juraj Simek von Servette davon. (Bild: Photopress/Salvatore Di Nolfi)

Pierre-Marc Bouchard, im Topskorer-Dress des EV Zug, läuft Juraj Simek von Servette davon. (Bild: Photopress/Salvatore Di Nolfi)

Seit einigen Tagen befinden sich die Vorbereitungen auf die neue NHL-Saison in vollem Gang; in den Trainingscamps der 30 NHL-Organisationen versuchen allerlei Akteure, sich für einen Vertrag aufzudrängen – darunter der Zuger Verteidiger Rafael Diaz (28) in Calgary.

Pierre-Marc Bouchard (30) hätte diesen Weg ebenfalls wählen können, aber er entschloss sich für eine andere Abzweigung, als er im Sommer an der grossen, unausweichlichen Kreuzung jeder Karriere angelangte: dem Scheideweg. Bouchard steht im engen Kabinentrakt der Les-Vernets-Halle, es ist Samstagabend, wenige Minuten zuvor hat er seinen fünften Treffer erzielt in ebenso vielen Einsätzen. Der Kanadier sagt: «Ich bin glücklich, hier zu sein. An die NHL denke ich nicht einmal.»

Von Zug zurück in die NHL?

Das ist nicht selbstverständlich für einen, der 614-mal aufgelaufen ist in der besten Liga der Welt; der übliche Reflex im Business ist ja, möglichst lange in Nordamerika auszuharren, das Ende der NHL-Laufbahn nicht wahrhaben zu wollen. Bouchard aber sagt, er hätte schon während der letzten Spielzeit über einen Wechsel nach Europa sinniert. 2 Millionen Dollar verdiente er während der Saison 2013/14, aber das Geld hat ihn nicht glücklich gemacht. Erst fanden die New York Islanders keine Verwendung mehr für ihn im NHL-Team, dann ereilte ihn bei den Chicago Blackhawks das gleiche Schicksal. Die Konsequenz waren 44 Einsätze im charmefreien Umfeld der AHL, die ja so etwas wie das Stiefkind der glamourösen NHL darstellt. In der Farmteamliga spielte Bouchard zuvor nur einmal: 2004/05 während des Lockouts, in Houston, mit den später in Ambri engagierten Kirby Law, Ray Giroux und Stéphane Veilleux.

Die AHL also ist weitgehend unbekanntes Territorium für den Québecois, aber das gilt auch für Europa. Der EV Zug ist seine erste Station auf dem alten Kontinent, hier will er sich Schwung holen, um im nächsten Sommer doch noch einmal an die Türe der NHL zu klopfen.

Das Jahr in der Bossard-Arena begreift er auch als Mission; er möchte es noch einmal allen beweisen. Dass er nicht verletzungsanfällig und noch immer produktiv ist. Dass man noch immer auf ihn zählen kann.

Bouchard klagt nicht

In seinen besten Jahren ist er ein Star gewesen, bei den Minnesota Wild, 2007/08 hatte 63 Punkte produziert – mehr als Jonathan Toews und Brad Richards. Sein Stern würde vermutlich noch immer leuchten, womöglich würde er mit Nino Niederreiter eine gefürchtete Flügelzange bilden, hätten ihm über die Jahre nicht Hirnerschütterungen zugesetzt. Die Saison 2009/10 verpasste er deswegen praktisch komplett, und danach erreichte er sein Rendement nie mehr.

Es gibt gerade eine Reihe von ehemaligen NHL-Kräften, es sind über 200, welche die Liga in Minneapolis vor Gericht zerren und Schadenersatz geltend machen. Es geht um die Folgeschäden der nicht enden wollenden Flut an Hirnerschütterungen, unter den Klägern befindet sich unter anderem der ZSC-Verteidiger Marc-André Bergeron, mit dem Bouchard freundschaftlich verbunden ist. Bouchards Leidensgeschichte würde sich vermutlich als Paradebeispiel eignen, aber er hat sich der Klage nicht angeschlossen. Vielleicht, weil er das unanständig fände, nach Saläreinkünften von 29,22 Millionen Dollar während der letzten Dekade. Sicher aber, weil seine Gedanken um andere Themenwelten kreisen.

Steigerungspotenzial vorhanden

Seine Konzentration liegt auf dem EVZ, Bouchard möchte beweisen, dass er – mit erst 30 Jahren – noch nicht zum alten Eisen gehört. Bislang gelingt ihm das formidabel, mit fünf Toren und drei Assists aus den ersten fünf Partien ist er im EVZ der beste Skorer. Der starke Start hatte so nicht erwartet werden können, denn nach einem Leisteneingriff im Sommer fehlte ihm in den Champions-League-Spielen die Spritzigkeit, der Trainingsrückstand machte sich bemerkbar. Trainer Harold Kreis sagt: «Er steigert sich von Spiel zu Spiel.»

Nach den exzellenten Darbietungen mit je einer Doublette gegen Lausanne und die ZSC Lions stellt sich die Frage: Wo liegt sein Limit? Kann er nach Glen Metropolit, Damien Brunner und Linus Omark der vierte Zuger Liga-Topskorer in den letzten fünf Jahren werden? «Ja», findet Björn Christen (34), wegen des verletzungsbedingten Ausfalls von Dario Bürgler seit Wochenfrist Bouchards Linienkollege. Der Berner sagt: «Er ist ein unglaublich begabter Spieler. Seine Übersicht und der Torriecher sind vom Feinsten. Und ich denke, dass er noch besser werden wird, sobald er sich in der neuen Liga zurechtgefunden hat.»

Dieser Einschätzung schliesst sich Bouchard an. Er sagt: «Ich bin noch nicht bei 100 Prozent.» Es klingt wie eine Drohung.

Die Punkteausbeute der letzten drei EVZ-Ligatopskorer nach fünf Spielen:

2010/11: Glen Metropolit (Ka), 4 Tore/2 Assists. Am Ende 47 Spiele/53 Punkte.

2011/12: Damien Brunner (Sz), 6 Tore/4 Assists. Am Ende 45 Spiele/60 Punkte

2012/13: Linus Omark (Sd), 1 Tor/3 Assists. Am Ende 48 Spiele/69 Punkte

Aktuelle Skorerliste der NLA

1. Roman Wick (ZSC Lions) 11 Punkte (5 Tore/6 Assists). 2. Nicklas Danielsson (Rapperswil-Jona Lakers) 9 (2/7). 3. Pierre-Marc Bouchard (Zug) und Fredrik Pettersson (Lugano) je 8 (5/3). 5. Daniel Rubin (Genève-Servette) 8 (4/4). 6. Luca Cunti (ZSC Lions) 8 (3/5). 7. Mikael Johansson (Rapperswil-Jona Lakers) 8 (0/8). 8. Niklas Persson (Rapperswil-Jona Lakers) und Julien Sprunger (Fribourg-Gottéron) je 7 (4/3). 10. Daniel Sondell (Zug), Ville Koistinen (Davos) und Dario Simion (Davos) je 7 (2/5).