Kolumne
Fünf Spielsperren für EVZ-Stürmer Fabrice Herzog sind eine faktische Doppelbestrafung

Der ehemalige Einzelrichter äussert sich zum Fall Herzog und der Strafzumessung bei Wiederholungstätern.

Reto Steinmann
Reto Steinmann
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Im Spiel vom 30. Oktober in Freiburg verirrte sich der Stock von EVZ-Stürmer Fabrice Herzog in der Höhe und traf den gegnerischen Spieler Mauro Dufner im Schulter-/Nackenbereich. Weil Herzog in den letzten Jahren mehrmals gebüsst sowie gesperrt worden war, erzeugte der Fall ein erhebliches Echo. Wie üblich in solchen Angelegenheiten hatte die Objektivität einen schweren Stand. Die Volksgerichte waren schnell installiert und sogleich zur Stelle beim Formulieren der gerechten Sanktion. Je nach Couleur der Vereinsbrille und der Zuordnung des Spielers auf der Sympathie-Antipathie-Achse schwankten die Meinungen über die Aktion von Herzog zwischen harmlos und hässlich.

Damit einhergehend differierten auch die Ansichten betreffend die angemessene Sanktion inklusive Berücksichtigung des Status als «Wiederholungstäter». Sein Image in Verbindung mit der medialen Vorverurteilung wurde Herzog schliesslich zum Verhängnis. Der Einzelrichter reihte die Aktion in die Kategorie 2 «mittelschwere Fälle» (das Strafmass in dieser Kategorie beträgt zwei bis vier Spielsperren) ein und bestrafte Herzog mit fünf Spielsperren; zwei davon als Sanktion für die Aktion gegen Dufner, drei für sein Vorleben.

Die Art und Weise der vorgenommenen Strafzumessung und dadurch im Ergebnis auch die Sanktion ist nicht korrekt. Die Strafzumessung in der Eishockey-Verbandsjustiz folgt grundsätzlich derjenigen der staatlichen Strafjustiz; die Sanktion orientiert sich vorwiegend am Verschulden und enthält nebst Tat- auch Täterkomponenten. Die früheren Regelverletzungen von Herzog als Täterkomponenten erhielten bei der Zumessung der Strafe ein höheres Gewicht als der Vorfall in Freiburg selbst. Im Ergebnis ist dies ein Missverhältnis zwischen Vorfall und Vorleben, zu bezeichnen als faktische Doppelbestrafung.

Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts darf eine Vorstrafe (oder auch mehrere) nicht derart straferhöhend berücksichtigt werden, dass der Täter ein zweites Mal für die bereits abgeurteilte Tat bestraft wird. Das Bundesgericht bestimmt weiter, dass der Umstand, vorbelastet zu sein, einem Beschuldigten nur verhältnismässig angelastet werden darf. Stossend ist auch, dass die Grundsätze der Strafzumessung durch die Verbandsjustiz nicht in einem von den Klubs an der Generalversammlung (früher Liga-Versammlung) abgesegneten Reglement enthalten sind, sondern sich an den durch die Einzelrichter selbst erstellten Praxisrichtlinien orientieren. Notabene Richtlinien, die dann trotz dieser Bezeichnung offensichtlich als verbindliche Vorgaben angesehen werden. Eine solche rechtliche Grundlage erscheint angesichts ihrer erheblichen Bedeutung als sehr problematisch.

Üblich nach solchen Vorfällen sind auch die Diskussionen, wie sich die Klubs als Arbeitgeber schützen könnten vor temporären Denkpausen ihrer Spieler auf dem Eis. Vollständige Lohnstopps während der Dauer einer Sperre analog dem US-Teamsport sind hier nicht möglich, weil sie dem Wesen des Arbeitsvertrags widersprechen. Allerdings könnten Lohnreduktionen für solche Fälle in die Arbeitsverträge aufgenommen werden. Zwecks Erzeugung der entsprechenden Wirkung wäre indes erforderlich, dass sämtliche Klubs bereit wären, ihre Arbeitsverträge zu ergänzen.

Weil es sich bei einer Sperre gewöhnlich um eine vom Arbeitnehmer selbst verschuldete Arbeitsunfähigkeit handelt, sieht auch das Gesetz die Möglichkeit des wegfallenden Lohnanspruchs vor (Schulbeispiel in den Lehrbüchern: Untersuchungshaft während eines Strafverfahrens). Allerdings entstünde für die Klubs in solchen Fällen eventuell das Risiko, vom Spieler vor Gericht geschleppt zu werden. Mehr noch: Es würde wohl ungleich schwieriger, einen solchen Spieler, auf welchen man möglicherweise (noch) angewiesen ist, bei Laune zu halten. Fazit: Weil die Spieler nach wie vor am längeren Hebel sitzen, ist es für die Klubs schwierig, ihnen gegenüber zusätzlich adäquat zu reagieren auf Sanktionen der Verbandsjustiz.

*Reto Steinmann ist langjähriger Eishockeyjournalist, war von 2004 bis 2016 Einzelrichter für Swiss Ice Hockey und praktiziert als Rechtsanwalt (mit Schwergewicht Strafrecht) und Notar in Zug

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