Kommentar

Jetzt muss der EVZ das nächste Zeichen setzen

Sportreporter Sven Aregger analysiert die Qualifikation des EV Zug und findet: Ob sich mit dem Pokalgewinn nachhaltig eine Gewinnermentalität eta­bliert, muss sich erst noch weisen.

Sven Aregger
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Im Cupfinal Anfang Februar gegen die Rapperswil-Jona Lakers gab es einen Moment, der viel aussagt darüber, wie wichtig dem EV Zug dieser Sieg war: Der Zuger Stürmer Reto Suri hatte soeben zum vorentscheidenden 4:1 getroffen, als er seinen Emotionen freien Lauf liess. Er schrie seine Freude heraus, den Mund weit offen, den Oberkörper nach vorne gerichtet. In seinem Blick lagen Erleichterung, aber auch Entschlossenheit und unbedingter Siegeswille.

Der Zuger Stürmer Reto Suri zeigt im Cupfinal gegen Rapperswil-Jona Lakers seine Freude nach einem Tor. (Bild: Thomas Oswald/Freshfocus (Rapperswil, 3. Februar 2019))

Der Zuger Stürmer Reto Suri zeigt im Cupfinal gegen Rapperswil-Jona Lakers seine Freude nach einem Tor. (Bild: Thomas Oswald/Freshfocus (Rapperswil, 3. Februar 2019))

Man kann Suris Mimik und Gestik symbolisch auf den ganzen Klub übertragen. Mit dem 5:1-Erfolg in Rapperswil hatte Zug zwar «nur» den Cup gewonnen, einen Wettbewerb, der im Schweizer Eishockey einen untergeordneten Stellenwert geniesst. Aber für Zug ging es um mehr: Es ging darum, ein Zeichen zu setzen. Den Zentralschweizern war ja nachgesagt worden, dass sie keine entscheidenden Spiele gewinnen können. Mit dem Cupsieg konnte der EVZ diese These fürs erste widerlegen, 21 lange Jahre nach dem bislang einzigen Meister­titel holte er wieder einen Pokal. Und auch in der Meisterschaft traten die Zentralschweizer lange wie ein Spitzenteam auf.

Doch die Schlussphase der Qualifikation trübt die eigentlich erfreuliche Bilanz. Weil die Playoff-Teilnahme und der 2. Platz schon früh feststanden, schraubte der EVZ mental und physisch einige Prozente zurück. Das bekam er gerade gegen die Teams am Strich zu spüren – aus den letzten sieben Spielen resultierten nur noch zwei Siege. Droht den Zugern nach dem bitteren Viertelfinal-Ausscheiden im Vorjahr gegen die ZSC Lions abermals ein schnelles Saisonende? Die Baisse muss nichts Schlechtes bedeuten, wenn man die Saison 2016/2017 als Massstab nimmt. Damals verlor der EVZ sechs der letzten acht Qualifikationsspiele und schaffte es danach in den Final.

Aber es gibt auch Parallelen zum letzten Frühling: Wiederum trifft Zug als Tabellenzweiter auf ein Team, das sein Potenzial lange nicht ausgeschöpft hat. Diesmal ist es der HC Lugano. Der Vorjahresfinalist ist allein schon kraft seines Talentes ein Anwärter auf den Titel. Und in den vergangenen Wochen haben die Tessiner gezeigt, welches Potenzial in ihnen steckt.

Dan Tangnes steht also vor seiner ersten richtig grossen Prüfung als Zuger Headcoach. Der 40-jährige Norweger ist mit dem schwedischen Klub Lindöping dreimal in den Playoff-Viertelfinals gescheitert. In Zug soll er den Spagat zwischen Nachwuchsförderung und sportlichem Erfolg bewältigen. Bisher hat er die Vorgaben der Organisation mehr als erfüllt. Tangnes verordnete der Mannschaft ein attraktives, auf Scheibenbesitz orientiertes und aggressives Spielsystem. Er gab jungen Spielern das Vertrauen und verhalf gleichzeitig stagnierenden Routiniers zu neuem Elan.

EVZ-Trainer Dan Tangnes spricht zu seinen Spielern. (Bild: Alexandra Wey / Keystone, Zug, 19. Februar 2019)

EVZ-Trainer Dan Tangnes spricht zu seinen Spielern. (Bild: Alexandra Wey / Keystone, Zug, 19. Februar 2019)

Trotz Verletzungssorgen bei den Ausländern spielte der EVZ eine erstaunlich stabile Qualifikation. Das Team liess sich auch nicht verunsichern, als der schwedische Topflügel Viktor Stalberg den Klub mitten in der Saison verliess. Klagen über verletzte Spieler, wie es noch unter Tan­gnes’ Vorgänger Harold Kreis gang und gäbe war, konnte man nie vernehmen. Stattdessen überzeugte der EVZ als funktionierendes Kollektiv mit vier ziemlich ausgeglichenen Linien. Zudem verteilte Tangnes die Eiszeiten gleichmässiger, in der Mannschaft sollten daher genug Energie­reserven vorhanden sein.

Tangnes ist ein kluger Kommunikator mit klaren Vorstellungen und Affinität zu modernen Trainingsmethoden. Damit scheint er der richtige Mann zu sein für den EV Zug, der in wenigen Jahren die Metamorphose vom etwas angestaubten Provinzverein zur angesehenen Vorzeigeorganisation vollzogen hat. Mit der Hockey Academy, dem Farmteam und dem Sportzentrum OYM, das der gut­situierte Präsident Hans-Peter Strebel in Cham realisieren lässt und das Spitzenathletik und Wissenschaft auf neue Weise verbindet, verfügt der EVZ über die Strukturen für eine glänzende Zukunft. Wie attraktiv der Klub inzwischen für Topspieler der Liga ist, beweisen die Transfers für die nächste Saison: Leonardo Genoni, der beste Schweizer Goalie, und Grégory Hofmann, der erfolgreichste Schweizer Skorer, sollen Zug in den kommenden Jahren zum regelmässigen Titelfavoriten machen. Der Nebeneffekt: Die öffentliche Aufmerksamkeit und die Erwartungen werden steigen.

Aktuell sind noch nicht alle Blicke in die Zentralschweiz gerichtet, und vielleicht liegt genau hier die grosse Chance. Dafür müssen die ambitionierten Zuger aber als Kollektiv wieder so souverän und zielsicher auftreten, wie sie es in der Qualifikation lange vorgemacht haben. Und sie brauchen einen Tobias Stephan in bester Verfassung, wenn sie gegen Luganos offensive Feuerkraft bestehen wollen. Nach seiner Verletzungspause hat sich der Goalie ein paar schwächere Auftritte erlaubt. Der 35-Jährige Stephan, dem der fehlende Meistertitel immer wieder vorgehalten wird, weiss nur allzu gut: Am Ende entscheiden die Playoffs dar­über, ob eine Saison zufriedenstellend war oder nicht. Daran wird sich auch Trainer Tangnes messen lassen müssen.

EVZ-Torhüter Tobias Stephan verhindert ein Tor. (Bild: Peter Klaunzer / Keystone, Bern, 12. Januar 2019)

EVZ-Torhüter Tobias Stephan verhindert ein Tor. (Bild: Peter Klaunzer / Keystone, Bern, 12. Januar 2019)

Der Cupsieg jedenfalls soll erst der Anfang gewesen sein, die Zuger wollen mehr. Ob sich mit dem Pokalgewinn nachhaltig eine Winnermentalität eta­bliert, muss sich erst noch weisen. Es ist aber gut möglich, dass wir Reto Suri auch in den Playoffs in Jubelpose sehen werden – obschon sich sein künftiger Arbeitgeber Lugano kaum darüber freuen würde.