KOLUMNE
Eine 1:25-Niederlage, die sich wie ein Sieg anfühlt

Das Final SC Bern gegen ZSC Lions ging als letztes Cupspiel im Schweizer Eishockey in die Geschichte ein. Der Wettbewerb ist tot, die Erinnerungen bleiben. Eine Anekdote aus der Walliser Provinz.

Philipp Zurfluh
Philipp Zurfluh
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Die EVZ-Spieler jubeln nach einem Treffer.

Die EVZ-Spieler jubeln nach einem Treffer.

Bild: Keystone

«Schön, bist du hier!» Es sind Worte, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben, bis heute haften blieben, wohl für immer. Die Aussage, die sich an den Chronisten dieses Textes richtet, stammt von Flavian Wyer, der während seiner Äusserung der glücklichste Mensch auf der Welt ist. Die Augen leuchten. Flavian wer? Eine berechtigte Frage. Der 31-Jährige ist Captain beim EHC Raron. Raron? Der 2.-Ligist aus dem Oberwallis ist nur eingefleischten Szenekennern ein Begriff. Spätestens seit dem 4. Oktober 2020 nicht mehr. An diesem Sonntagnachmittag zerzaust der EV Zug den Klub aus der fünfthöchsten Spielklasse in der 1. Runde des Schweizer Eishockey-Cups mit 25:1. Historisch. Ein Schützenfest. Für die Walliser ist das Resultat Nebensache. Sie sind in Feierlaune.

Ein Profiklub zu Gast in der Provinz, das fesselt. Trotz Corona strömen 700 Fans in die Lonza-Arena nach Visp, weil das Stadion der Raroner nur Stehplätze hat. Es herrscht eine tolle Atmosphäre beim geschichtsträchtigsten Spiel der Klubgeschichte. Die Zuschauer sind begeistert. Sprechchöre hallen durch das Rund. Dass «David» gegen «Goliath» nach 71 Sekunden mit 0:3 zurückliegt, tut der Stimmung keinen Abbruch. Das Publikum beklatscht jede gelungene Aktion und unterstützt die tapfer kämpfenden Walliser.

Nach 22 Minuten bezwingt Captain Wyer Nati-Goalie Leonardo Genoni. Der Stürmer beschenkt sich gleich selber. Einen Tag später feiert er Geburtstag. Die Spieler fallen sich um den Hals, als wären sie Weltmeister. Die Stimmung ist auf dem Siedepunkt. Szenen, die unter die Haut gehen und eindrücklich zeigen, welche unermessliche Bedeutung und Symbolkraft ein solches Duell mit einem übermächtigen Gegner hat. Die Regie spielt nach dem zweiten Drittel nochmals den Ehrentreffer des Underdogs auf dem Videowürfel ein. Ehrfürchtig und stolz richten sich die Blicke der Amateure nach oben. Glückliche Gesichter, so weit das Auge reicht. Nicht nur auf dem Eis. Kinder und Erwachsene ergattern sich später das eine oder andere Autogramm der EVZ-Profis.

Solche Hockeymärchen sind passé. Der Cup ist nach sieben Jahren wieder beerdigt. Vorbei ist es mit Überraschungen, Exploits und Sensationen, die den Cup-Charakter etikettieren. Von grossen Vereinen oft verschmäht und als unnötige und zusätzliche Belastung abgekanzelt, für die Kleinen eine Gelegenheit, sich in den Medien einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Klar: Der sportliche Wert des Wettbewerbs hält sich in Grenzen, doch für die ehrenamtlich geführten unterklassigen Vereine bedeuten Spiele gegen die «Goliaths» nicht nur wichtige finanzielle Einnahmen, welche die leeren Vereinskassen füllen, sondern unersetzbare Gratiswerbung. Sie bleibt ihnen in Zukunft verwehrt.

Zurück zu den eingangs erwähnten Worten von Flavian Wyer: Sie zeugen von Dank und Wertschätzung. Die Walliser durften sich im medialen Scheinwerferlicht präsentieren. Solche und ähnliche Episoden gehören der Vergangenheit an. Was bleibt, sind die unvergesslichen Erinnerungen.