Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Interview

Hockey-Meisterkeeper Lars Weibel: «Sobald ein Goalie auf verschiedenen Hochzeiten tanzt, wird es schwierig»

Der ehemalige Meistergoalie Lars Weibel sagt, warum der Torhüter in den Playoffs der wichtigste Spieler ist, wie er die Leistung von EVZ-Keeper Tobias Stephan sieht und was ihm in seiner Karriere geholfen hat.
Sven Aregger
Goalie Tobias Stephan (Nr. 51): mehr als ein sicherer Rückhalt für den EV Zug. (Bild: Alexandra Wey/Keystone, Zug, 9. März 2019)

Goalie Tobias Stephan (Nr. 51): mehr als ein sicherer Rückhalt für den EV Zug. (Bild: Alexandra Wey/Keystone, Zug, 9. März 2019)

Ist der Goalie der wichtigste Spieler im Eishockey?

Lars Weibel.

Lars Weibel.

Lars Weibel: Er ist ein wichtiger Spieler im Hockey und der wichtigste Spieler in den Playoffs.

Inwiefern?

In den Playoffs zählt nur noch das Hier und Jetzt, die nächste Situation. Ein Goalie braucht im richtigen Moment den Big Save, was ein Spiel grundlegend beeinflussen kann. Wenn ein Feldspieler etwas falsch macht, kann vielleicht ein Kollege noch korrigierend eingreifen. Aber beim Goalie gibt es nur Schwarz und Weiss: Er hält den Puck oder eben nicht.

Als Angestellter des EV Zug beobachten Sie EVZ-Keeper Tobias Stephan genau. Was sagen Sie zu seinen Leistungen in den Viertelfinals?

Aufgrund seiner unglaublichen Konstanz in der Qualifikation sehe ich noch gewisses Steigerungspotenzial. Es spricht aber für den Goalie und die ganze Mannschaft, wenn noch nicht alle Leistungsträger ihr Maximum erreicht haben und die Viertelfinalserie gegen Lugano dennoch mit 4:0-Siegen ausgeht.

Lars Weibel: Meistergoalie, Academy-Leiter und TV-Experte

Der Schwyzer Lars Weibel (44) hat 1989 bei den Rapperswil-Jona Lakers seine professionelle Goaliekarriere begonnen. Mit Lugano (1999) und Davos (2002) holte er den Meistertitel. Zudem gewann der 44-fache Schweizer Internationale zweimal den Spengler-Cup mit dem HCD. Von 2004 bis 2009 spielte Weibel im EV Zug, wo er von Trainer Doug Shedden ausgemustert wurde. 2010 beendete er in Köln seine Karriere. 2013 kehrte er zum EVZ zurück und übernahm verschiedene Aufgaben im Marketingbereich, heute ist er Leiter des Zuger Nachwuchskonzepts The Hockey Academy. Zudem ist er als Eishockey-Experte für das Schweizer Fernsehen tätig.

Es besteht der Eindruck, dass sich die Abpraller bei Stephan seit der Verletzungspause gehäuft haben.

Möglich, aber beim Thema Abpraller muss man differenzieren. Ein Beispiel: Früher wehrte ein Goalie einen flachen Schuss von links möglichst weit nach rechts ab. Doch die Stürmer haben dazugelernt und warten nun am weiten Pfosten auf den Abpraller. Deshalb lenkt der Goalie die Scheibe heute bewusst nach vorne zum Verteidiger. Oder zurück zum Spieler, der geschossen hat. Dann ist der Torhüter nämlich bereits in der richtigen Position und muss sich nicht mehr verschieben. Ich stimme zu, dass Stephan in den Viertelfinals noch nicht das Level abgerufen hat, das man von ihm gewohnt ist. Ein Grund ist sicher der längere verletzungsbedingte Ausfall.

Hinzu kommt der Druck. Stephan wird immer wieder damit konfrontiert, dass er noch nie einen Titel geholt hat. Kann das einen Torhüter aus dem Konzept bringen?

Ja, das kann passieren. Aber bei Tobi habe ich diese Befürchtung nicht. Er ist ein smarter, grossartiger Sportler und sieht solche Dinge als Herausforderung. Hier in Zug würden ihm alle den Titel von Herzen gönnen, er bringt dafür auch die nötige Ruhe und Ausstrahlung mit. Doch letztlich muss er selber den Beweis erbringen, dass er ein Meistergoalie ist. Niemand kann ihm diese Last abnehmen.

Mit Sandro Aeschlimann stünde eine gute Alternative bereit. Ist ein Goaliewechsel in den Playoff sinnvoll?

Da muss man situativ entscheiden. Im Moment erübrigt sich die Diskussion, weil sich Zug mit lauter Siegen für die Halbfinals qualifiziert hat. Für das Team ist es aber beruhigend zu wissen, dass ein guter Backup-Goalie zur Verfügung steht – gerade mit Blick auf eine mögliche Verletzung. Das hat man in der Qualifikation gesehen, als Tobias Stephan ausgefallen war und durch Sandro Aeschlimann sehr gut vertreten wurde. Das gibt auch Tobi eine gewisse Sicherheit. Er weiss: Sollte er einmal eine Grippe erwischen, würde die Mannschaft nicht gleich auseinanderfallen.

Welche Rolle spielt der Kopf in den Playoffs?

Schätzungsweise zu 70 Prozent wird Hockey zwischen den Ohren gespielt, beim Goalie dürfte die Zahl noch höher liegen. Technisch und athletisch sind in der National League alle Torhüter auf Topniveau. In den Playoffs geht es vor allem ums Selbstvertrauen. Die Frage ist, wie ein Goalie eine mässige Leistung oder einen Fehler verarbeitet und wie stark er zurückkommt.

Wie geht ein Torhüter mit Rückschlägen um?

Wie Tobi habe auch ich in meiner Karriere immer wieder gehört, dass ich nicht zum Playoff-Goalie tauge. Ich hatte erst Erfolg, als ich mich nur noch darauf fokussierte, was ich selber beeinflussen konnte. So bündelte ich die Energie für Spitzenleistungen. Geholfen haben mir auch Mind-Games: Ich sagte mir beispielsweise, dass ich in Bern vor 16 000 Zuschauern die ersten fünf Minuten ohne Gegentor überstehe. Dann kamen die nächsten fünf Minuten. Oder ich nahm mir vor: In dieser doppelten Unterzahl lasse ich nichts zu, das wird meine Mannschaft beflügeln. Solche kleine Aufgaben waren für mich der Schlüssel zum Erfolg. Aber ein allgemein gültiges Rezept gibt es nicht, jeder Goalie tickt anders.

In den Playoffs werden die Torhüter von den Clubs abgeschirmt. Wie haben Sie das selber in Ihrer Aktivlaufbahn erlebt?

Wenn man nach einem Titelgewinn zurückschaut, realisiert man erst, dass man sich die ganze Zeit in einem Tunnel befunden hat. Training, Mittagessen, Hinlegen, Spiel: An diesen Tagesablauf erinnere ich mich gut. Man ist auf einer Mission. Das hat nichts damit zu tun, dass ein Torhüter von negativen äusseren Einflüssen beschützt werden muss. Vielmehr ist Goaltending heutzutage Lifestyle.

Das heisst?

Nur wenn ein Goalie 24 Stunden für seinen Beruf lebt, kann er 90 Spiele in der Saison auf höchstem Niveau bestreiten. Sobald er auf verschiedenen Hochzeiten tanzt, wird es schwierig. Nehmen wir Henrik Lundqvist von den New York Rangers, jahrelang einer der besten Keeper weltweit. Und jetzt: Gast bei Saturday Night Life, Besuch von Fashion Shows, Stippvisite an den US Open. Was geschieht? Die Leistungskurve zeigt nach unten.

Was war der Schlüsselmoment in Ihrer Karriere?

In meiner Zeit in Lugano, ungefährt mit 25, hat mir ein Spieler ziemlich deutlich die Leviten gelesen. Ich kapierte endlich, dass ich der Mannschaft nur helfen konnte, wenn ich mich selbstkritisch hinterfragte und nicht die Schuld bei den Vorderleuten oder der Taktik suchte. Ich musste den Hebel bei mir selber ansetzen.

Sie wurden dann Schweizer Meister mit Lugano und Davos. Es heisst, es brauche einen überragenden Goalie für den Titelgewinn. Richtig?

Richtig. Doch die Frage ist, wie man «überragend» definiert. Für mich ist ein Goalie nicht unbedingt überragend, nur weil er kein Gegentor zulässt und die beste Statistik hat. Ein überragender Torhüter gibt der Mannschaft eine Identität, er ist auf den Punkt bereit und strahlt Ruhe aus. Ein überragender Goalie steckt ein 1:5 weg und antwortet mit Charakter und Präsenz. Er hat die Fernbedienung in der Hand und kann jederzeit wieder auf den richtigen Knopf drücken. Ein überragender Goalie braucht auch eine intakte Mannschaft, es ist ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis.

In Zug sind Sie Chef des Ausbildungsprogramms The Hockey Academy. Mit Luca Hollenstein und Gianluca Zaetta verfügt der EVZ über zwei Zukunftsversprechen auf der Goalieposition. Wie weit sind sie in ihrer Entwicklung?

Sehr weit für ihr Alter. Sie sind erst 19-jährig, kommen dank unseres Konzepts aber schon regelmässig in der Swiss League zum Einsatz, während Gleichaltrige bei den Eliten spielen. Abgesehen von ihrem Potenzial sind die beiden auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung schon weit. Darauf legen wir in unserer Organisation grossen Wert. Persönlichkeit ist für eine erfolgreiche Laufbahn genauso wichtig wie Talent. Ihr Weg ist immer noch lang. Aber wenn nicht Hollenstein und Zaetta die besten Voraussetzungen haben, wer dann?

Playoffs Viertelfinals

Best of seven. 6. Runde. Donnerstag, 20.00: Genève-Servette – Bern (Stand: 2:3) (SRF 2). SCL Tigers – Lausanne (Stand: 2:3) (SRF info).
Abstiegsrunde. 5. Runde. Donnerstag, 20.00: Davos – Fribourg-Gottéron. ZSC Lions – Rapperswil Jona-Lakers.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.