SPITZENKAMPF: Zuger Elchtest

Nach Verlustpunkten ist der EVZ Leader der NLA – doch in den Duellen mit den beiden anderen Topklubs sieht die Bilanz schlecht aus. Gelingt den Zugern heute der erste Sieg gegen Meister Bern?

Andreas Ineichen
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Die rechte Hand macht Timo Helbling Sorgen, sein Einsatz heute gegen Bern ist fraglich. (Bild: Daniela Frutiger/Freshfocus (Zürich, 13. November 2016))

Die rechte Hand macht Timo Helbling Sorgen, sein Einsatz heute gegen Bern ist fraglich. (Bild: Daniela Frutiger/Freshfocus (Zürich, 13. November 2016))

Andreas Ineichen

andreas.ineichen@luzernerzeitung.ch

«Es geht momentan nicht anders», sagt der frisch geduschte Timo Helbling lächelnd und reicht zur Begrüssung die linke Hand. Die andere Pranke, und das darf man im Fall des kräftigen EVZ-Verteidigers (100 kg, verteilt auf 1,90 m Körpergrösse) so ausdrücken, bereitet dem 35-Jährigen seit letztem Sonntag Schmerzen. Im Spiel gegen Lugano (4:0) hat ihn ein Schuss an der rechten Hand getroffen, über seinen heutigen Einsatz gegen Bern (19.45, Bossard-Arena) wird nach dem Warm-up am Spieltag entschieden. Positiv stimmt Helb­ling, dass es im Training vom Freitag etwas besser ging, «auch wenn ich zu wenig Kraft hatte, um den Stock zu halten».

Kann er das heute noch immer nicht, ist er nach Robin Grossmann (Oberkörper) und Dominik Schlumpf (Verbüssen der ersten von drei Spielsperren) der dritte gestandene EVZ-Verteidiger, der ausfällt. Sich fit spritzen zu lassen, macht in Helblings Fall keinen Sinn: «Mir bereitet eine grosse Fläche auf der Handoberseite Schmerzen. Da müsste man die ganze Hand unempfindlich machen. Aber so kann man auch nicht spielen», erklärt er. Fehlen den Zugern drei Verteidiger, rücken Tobias Fohrler und Florian Schmuckli nach. Spielt Helbling, will Trainer Harold Kreis einen von beiden aus dem Zuger NLB-Team nachziehen.

Warum er immer besser wird wie guter Wein

Helbling brennt natürlich darauf, beim Kräftemessen gegen die Berner dabei zu sein, gegen den Klub, «mit dem ich das grösste Highlight meiner Karriere feiern durfte, und erst noch auf eine schier unvergessliche Art und Weise». Es war sein erster Meistertitel überhaupt, nachdem es lange danach aussah, als ob der SCB die Playoffs verpassen würde. Aber dann schaffte er von Platz 8 aus ein Meisterstück für die Ewigkeit. «Mir sind viele schöne Erinnerungen geblieben, auch Freundschaften, die zwar an Intensität verlieren, wenn man den Klub wechselt, aber die Zeit überdauern bis zum nächsten Zusammentreffen», sagt Helbling. Er hat nach dem Meistertitel den Klub gewechselt. Aber nicht nach Kloten, wo er ursprünglich unterschrieben hatte. Sondern zum EV Zug, der zur Stelle war, als die Flughafenstädter in finanzielle Turbulenzen geraten waren. «Für mich war Zug die noch bessere Alternative», sagt Helbling.

Passt, auch für Zug. Mit 2 Toren und 13 Assists in 35 Spielen ist er hinter Königstransfer Rafael Diaz der bislang zweitproduktivste EVZ-Verteidiger, und seine Karriere scheint es so zu halten wie guter Wein. Je älter, umso besser. «Die Fähigkeiten hatte ich schon immer, nur dauerte es bei mir länger, um sie miteinander in Einklang zu bringen», erklärt Helbling und ergänzt mit einem Lächeln: «Es ist halt schwieriger, wenn man mehrere Fähigkeiten zu einem Ganzen zusammenbringen muss.»

Einer der Ersten mit Personal Trainer

Doch seine Basis ist seine Physis, seine Athletik. «Spieler in einem fortgeschrittenen Alter erreichen ihr Karrierenende, wenn sie schon seit einiger Zeit keine Fortschritte mehr machen konnten. Dann sehen sie schlecht aus gegenüber jungen Talenten, die mit aller Macht nachrücken.» Ihm hingegen sage sein Gefühl und seine Erfahrung, dass er sich noch immer steigern könne. Den Grund, den er dafür ins Feld führt, scheint ein nachvollziehbarer zu sein: «Vor zehn Jahren war ich einer der Ersten überhaupt, die neben dem Klubtraining die Zusammenarbeit mit einem Personal Trainer aufnahmen. Robin Städler heisst er und hat schon die grossen Karrieren von Jonas Hiller, Jörg Abderhalden und Sarah Meier eng begleitet. Von ihm weiss ich, was ich brauche, um ­effizient zu trainieren.» Seine unvermindert guten läuferischen und stetig besser werdenden offensiven Fähigkeiten sind also nicht dem Zufall geschuldet.

Auch wenn Helblings persönliche Leistung kaum Angriffsfläche für wackere Sprüche der ehemaligen Teamkollegen bietet – jene seines Arbeitgebers tut es halt doch. Gegen die auf Platz 2 liegenden ZSC Lions, Qualifikationssieger der letzten drei Jahre, hat der EV Zug abschliessend drei der vier Qualifikationsspiele verloren. Gegen den Leader und Titelverteidiger SCB sieht es bei zwei Niederlagen vor dem dritten Duell nicht ermutigender aus. Doch Helbling schränkt ein: «Gegen die Zürcher haben wir jüngst beim 1:7 und gegen die Berner im letzten September beim 4:7 die schlechtesten Saisonleistungen erbracht. Ziehen wir diese ab, sehe ich vor allem noch eine Niederlage nach Penaltyschiessen im Hallenstadion und eine 0:3-Heimniederlage gegen Bern, die Goalie Leonardo Genoni herbeigeführt hat, weil er in unserem dominanten Startdrittel einfach alles kratzte.»

Für Helbling ist Zug ein Titelkandidat

Anders ausgedrückt: Helbling sieht trotz Statistik keinen Qualitätsunterschied zwischen seinem Team und den Branchenleadern aus Zürich und Bern. «Wir haben alles, was es zum grossen Coup braucht», sagt er im Brustton der Überzeugung: «Wir haben ein starkes Fundament mit der besten Defensive vor einem starken Goalie, ein vorzügliches Boxplay und vier Linien, die Tore schiessen können», ehe er innehält und ergänzt: «Auch unser Powerplay wird immer besser. Und während andere Teams vielleicht Spieler haben, die wissen, wie man Meister wird, so sind wir ganz bestimmt hungriger.»

Sein Chef Harold Kreis analysiert die bisherigen Duelle mit den zwei Spitzenklubs so: «In den grossen Spielen gegen die Zürcher und Berner ist es uns noch nicht konsequent gelungen, mit viel Selbstvertrauen und wenig Respekt zu agieren – und zwar über 60 Spielminuten lang.»

Mit einem Timo Helbling im Aufgebot wäre es wohl leichter, den bisherigen Eindruck gegen die Berner zu korrigieren. Zum Abschied streckt Helbling wieder die linke Hand aus und sagt mit einem Lächeln: «Ich halte die rechte Hand in den nächsten Stunden so lange aus dem Fenster, wie es nur geht, um sie zu kühlen.» Die Sprüche seiner früheren Teamkollegen möchte er am Samstag nur zu gerne auf dem Eis der Bossard-Arena abkühlen.