Geld schiesst keine Tore: In Kriens bekommt der Topverdiener 5000, in Aarau mehr als 10'000 Franken

Verkehrte Welt vor dem Duell im Brügglifeld: Kriens steht trotz kleinem Budget von 1,5 Millionen Franken auf Rang 3 – 10 Punkte vor dem FC Aarau, der über 5 Millionen für die Profimannschaft ausgibt.

Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn
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Der Krienser Tomas Piroch (Mitte) setzt sich entschlossen gegen die Schaffhauser Zarko Sesum und Zoran Markovic durch.

Der Krienser Tomas Piroch (Mitte) setzt sich entschlossen gegen die Schaffhauser Zarko Sesum und Zoran Markovic durch.

Bild: Patrick Hürlimann (Kriens, 21. Februar 2020)

Aarau gegen Kriens. Das sind in der Tabelle zehn Punkte Differenz. Die eine Mannschaft muss aufpassen, nicht in den Abstiegsstrudel zu geraten. Die andere liebäugelt dank einem Punkt Rückstand auf Rang 2 mit der Barrage. Die eine Mannschaft kostet den Klub über 5 Millionen Franken, die andere bloss 1,5 Millionen. Auf der einen Seite zahlt der Hauptsponsor 250’000 Franken, auf der anderen 50’000 Franken. Und Aarau gegen Kriens, das ist auch: Vollprofis gegen Teilzeitprofis. Doch aufgepasst – verkehrte Welt: Wer denkt, dass am Sonntag der stolze FC Aarau als Favorit empfängt, der irrt: Aarau ist es, das zehn Punkte weniger auf dem Konto hat als die Innerschweizer. Aarau ist es, das seit acht Heimspielen auf einen Sieg wartet und mit Kriens auf eine Mannschaft trifft, die drei der vier letzten Auswärtspartien gewinnen konnte. Aarau ist es, das am kommenden Sonntag gegen Kriens die Rolle des Aussenseiters bekleidet.

Ein Vergleich der beiden Klubs, der einerseits beweist, dass in der Challenge League mit bescheidenen Mitteln viel bewegt werden kann. Und andererseits, dass Geld keine Tore schiesst.

Effizienz

Die FC Aarau AG beschäftigt auf der Geschäftsstelle einen Sportchef (Sandro Burki), einen Sport-Koordinator (Roman Hug), einen Geschäftsführer (Roland Baumgartner), einen Marketingleiter (Roger Keusch) sowie drei Personen für die Aufgabenbereiche Finanzen/Ticketing, Personal und Spielbetrieb. Dazu kommt mit Sven Christ ein vollamtlicher Technischer Leiter Nachwuchs, der vom Team Aargau angestellt ist, das wiederum mehrheitlich von der FCA AG finanziert wird.
Der als Verein organisierte SC Kriens (Präsident Werner Baumgartner) hat für die Administration 110 Stellenprozente zur Verfügung. Das Zugpferd im Stadion Kleinfeld heisst Bruno Galliker: Er ist Sportchef, Geschäftsführer und Nachwuchschef in einem. Die Buchhaltung hat der SC Kriens an eine externe Firma ausgelagert.

Kader

Sowohl in Aarau als auch in Kriens besteht das Kader der 1. Mannschaft aus 24 Spielern. Abgesehen von den Jung-Goalies Nicholas Ammeter (19) und Marvin Hübel (16) sowie Abwehrtalent Stevan Lujic (17), die nebenbei ihre Ausbildung absolvieren, beschäftigt der FCA-Vollprofis. Darunter renommierte Namen wie Markus Neumayr, Marco Schneuwly, Elsad Zverotic und François Affolter. Ganz anders die Situation beim SC Kriens: Eine Amateurtruppe, wie es landläufig heisst, ist es nicht, die aktuell die Challenge League aufmischt. Jedoch sind über die Hälfte der 24 Spieler Teilzeitprofis: Studenten, Lehrer, KV-Angestellte usw., die zwischen 30 und 70 Prozent arbeiten. Zwei Spieler, Marijan Urtic und Daniel Fanger, sind bei ihren Arbeitgebern gar 100 Prozent angestellt. Die allermeisten Spieler bei den Zentralschweizern, die sich Vollprofis nennen dürfen, sind von anderen Klubs ausgeliehen und werden auch von diesen bezahlt. Trainiert wird in Kriens nach Feierabend, während im Brügglifeld die Einheiten um 10 Uhr oder 15 Uhr beginnen.

Frappant auch die Unterschiede im Trainerstab. Derjenige des FC Aarau beinhaltet fünf vollamtliche Angestellte: Cheftrainer Patrick Rahmen, Assistent Stephan Keller, Goalietrainer Flamur Tahiraj, Konditionstrainer Norbert Fischer sowie Stürmertrainer Petar Aleksandrov. Tahiraj und Fischer nehmen auch Aufgaben im Nachwuchsbereich wahr. Dazu kommt mit Dirk Wüst ein Osteopath im Teilzeitpensum. Der SC Kriens beschäftigt mit Bruno Berner einen vollamtlichen Cheftrainer, der Rest des Trainerstab- und Betreuerstabs arbeitet Teilzeit oder ehrenamtlich.

Finanzen

Der Hauptsponsor des SC Kriens, ein regionaler Maler- und Gipserbetrieb, zahlt pro Saison 50’000 Franken. Der Grossteil des Budgets ergibt sich aus den Beiträgen von über 100 Kleinsponsoren und Geldgebern, darunter der frühere Schweizer Nationaltrainer Paul Wolfisberg. In dieser Hinsicht und dem Fakt, finanziell unabhängig zu sein, sind sich der SC Kriens und der FC Aarau ähnlich. Letzterer weiss unter anderen mit dem Club 100, den White Socks, dem Verein 2010er und der Sponsorenvereinigung FC Aarau ebenfalls eine grosszügige und treue Gönnerschaft um sich.

Als unsere Zeitung Kriens-Geschäftsführer Galliker auf die Summe anspricht, die der FCA von seinem Hauptsponsor kassiert, staunt er Bauklötze: 250’000 Franken plus Prämien, also fünfmal mehr, überweist KIA Motors Schweiz ins Brügglifeld. Aktuell läuft beim FCA die Suche nach einem Nachfolger in ähnlicher Preisklasse.

Die Unterschiede beim Hauptsponsor widerspiegeln die Klubbudgets, die ebenfalls Welten trennen: Kriens operiert mit rund 1,5 Millionen Franken, die FC Aarau AG gesamthaft mit rund 6 Millionen, wovon 5 in die Profiabteilung fliessen. Entsprechend gross ist die Differenz bei den Löhnen: Gemäss Informationen unserer Zeitung zahlt der SC Kriens keinem Spieler mehr als 5000 Franken pro Monat, die meisten verdienen deutlich weniger und finanzieren ihren Lebensunterhalt mit Hilfe «normaler» Jobs. Gut geht es der guten Handvoll Topverdiener beim FC Aarau, sie erhalten monatlich fünfstellige Beträge. Die Schere zwischen dem höchsten und dem tiefsten Lohn (tiefer vierstelliger Betrag) ist weit geöffnet, was ein Nährboden für Missgunst sein kann, wenn wie aktuell die Leistung der Topverdiener nicht stimmt. Im Gegenteil zum SC Kriens, wo keiner des Geldes wegen spielt.

Aufstockung der Super League

Am 13. März stimmen die 20 Schweizer Profiklubs über die Aufstockung der Super League von 10 auf 12 Teams ab – gültig ab der Saison 2021/22. Der FC Aarau, punkto Finanzkraft und Zuschauerpotenzial irgendwo zwischen Rang 9 und 14 anzusiedeln, ist ein vehementer Befürworter, weil dadurch die Chancen auf den Aufstieg und die Etablierung im Oberhaus steigen.

Eine Vergrösserung der Super League hätte jedoch zur Folge, dass die Challenge League an Attraktivität verliert, wenn zwei namhafte Klubs und Zuschauermagneten verloren gehen. Der SC Kriens, der aktuell einen Punkt hinter dem Barrage-Platz liegt, wird im März zwar die Lizenz für die Super League beantragen. Hauptsächlich jedoch aus dem Grund, im Fall einer Barrage-Qualifikation nicht passen zu müssen.

Langfristig sieht sich der Klub in der Challenge League, im Grossraum Luzern verträgt es neben dem FC Luzern auf Dauer keinen weiteren Super-League-Vertreter. Präsident Baumgartner sagt: «Ich verstehe die Verantwortlichen des FC Aarau, dass sie für die Aufstockung sind. Als Vertreter des SC Kriens stehe ich dem Vorhaben jedoch kritisch gegenüber: Die beiden Zehnerligen funktionieren momentan bestens, warum daran etwas ändern? Wir sind aktuell in einem Hoch, doch das wird sich ändern.» Noch hat sich Baumgartner nicht entschieden, wie er am 13. März abstimmt. Doch darauf, dass eine von insgesamt 14 nötigen Ja-Stimmen aus Kriens kommt, sollte sich der FC Aarau nicht verlassen.

Stadion

Seit Herbst 2018 hat der SC Kriens, worauf der FC Aarau seit fast zwei Jahrzehnten wartet: ein neues Stadion. Die Inbetriebnahme des spartanischen, 4000 Zuschauer fassenden Neubaus im Kleinfeld war für den Verein gemäss Präsident Baumgartner «ein Befreiungsschlag. Endlich haben wir eine passende Infrastruktur für die knapp 800 Aktiven und Junioren». Im Gegensatz zu Thun oder Schaffhausen, wo die neuen Arenen den Fussballklubs finanziell die Luft abschnürt, verdient der SC Kriens damit Geld: Dank des Caterings, das der SC Kriens via die «Kleinfeld AG» selber betreibt und der Mantelnutzung. Auf ähnliche Art und Weise, einfach ein paar Schuhnummern grösser, soll dereinst das neue Stadion des FC Aarau im Torfeld Süd rentieren.

Hinweis: FC Aarau vs SC Kriens, Sonntag 23, Februar, 15 Uhr