Achtung FCL: Carlinhos Júnior ist Luganos Samba-Tänzer 

Der Höhenflug des FC Lugano hängt eng mit einem Spieler zusammen: Carlinhos Júnior. Der brasilianische Künstler trifft derzeit nach Belieben – und macht sich damit interessant für die Topligen. Heute bekommt es der FC Luzern mit ihm zu tun. 

Raphael Gutzwiller
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Dribbel- und abschlussstark: Carlinhos Júnior ist am Ball nur schwer zu stoppen. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus, Bern, 28. April 2019)

Dribbel- und abschlussstark: Carlinhos Júnior ist am Ball nur schwer zu stoppen. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus, Bern, 28. April 2019)

Brasilianische Fussballer haben den Ruf des Zauberers, des Dribbelkünstlers, des Samba-Tänzers mit dem Ball. Keiner verkörperte dies so sehr wie Mané Garrincha, der ein krummes Bein hatte, aber dribbeln konnte wie kein Zweiter. Garrincha wurde 1958 und 1962 Weltmeister mit Brasilien, 1983 verstarb er. In seiner erfolgreichen Karriere spielte er fast ausschliesslich für den Traditionsverein Botafogo.

Als Carlinhos Júnior 2017 zum FC Lugano stiess, kam er ebenfalls von Botafogo. Wobei: Statt beim grossen Botafogo in Rio spielte er bei Botafogo da Paraíba, der kleineren Kopie, die lediglich in der Serie C spielt. Und doch wird Carlinhos Júnior immer wieder mit Garrincha verglichen. Auch Carlinhos ist ein typischer Strassenfussballer, technisch brillant und zudem mit einem guten Abschluss gesegnet. Wenn der Offensivspieler schiesst, gibt es oft Wundertreffer der Marke Tor des Monats. Zuletzt erzielte der 24-Jährige auch einfachere Tore, dafür aber immer öfter. Alleine in den vergangenen drei Spielen netzte Carlinhos Júnior fünfmal ein. Damit steht er in dieser Saison insgesamt bei 13 Ligatreffern und 4 Torvorlagen. Der Künstler ist derzeit einer der Hauptgründe, warum die Tessiner eine starke Rückrunde spielen. Seit neun Partien hat Lugano nicht mehr verloren.

Auch der Vater war ein Profi

In bescheidenen Verhältnissen in Rio aufgewachsen, ist für Carlinhos schon früh klar, was er einmal werden möchte: Fussballer. «Klar ging ich zur Schule. Aber der Fussball stand immer im Zentrum», erzählt er. Das lag auch an seinem Vater: Carlo Nunes war selber einst Fussballprofi gewesen, hatte eine durchschnittliche Karriere in Brasilien gemacht. «Mein Vater ist für mich ein grosses Vorbild. Ich denke, dass es für mich ein grosser Vorteil ist, dass er einst auch Fussballprofi war. Er versteht mich.»

Als sich 2017 Júniors Traum von Europa erfüllt, ist der sportliche Unterschied zwischen der Serie C Brasiliens und der Schweizer Super League nicht das grösste Problem für ihn. Er zeigt sich selbstbewusst:

«Ich war immer überzeugt, dass ich das Niveau für die europäischen Ligen habe.»

 Tatsächlich fasst er rasch Fuss, spielt regelmässig. Mühe hat er lediglich ein bisschen mit dem taktischeren Fussball in der Schweiz, das Leben daneben entpuppt sich für Carlinhos jedoch als deutlich grössere Herausforderung. Erstmals muss er sich weit weg von zu Hause zurechtfinden. «Ich sprach nicht Italienisch, kann auch nicht Englisch und hatte deshalb Verständigungsprobleme.» Diese Probleme sind inzwischen gelöst, Carlinhos hat Italienisch gelernt. Und gegenwärtig hat der Single-Mann sein vertrautes Umfeld ganz nah bei sich. «Mein Vater, mein Bruder und mein bester Freund sind zu Besuch. Dank ihnen fühle ich mich gut.» Gut fühlt sich Carlinhos auch unter Trainer Fabio Celestini. «Er gibt uns in der Offensive viele Freiheiten», sagt der Brasilianer. Zusammen mit Armando Sadiku und Alexander Gerndt bildet er ein gefährliches Sturmtrio.

Wechselt er bald für 3 Millionen in eine Topliga?

Es ist jedoch anzunehmen, dass Carlinhos nicht mehr lange in Lugano für die Musik sorgen wird. Schon im letzten Sommer gab es Spekulationen, wonach er das Tessin hätte verlassen sollen. Eher überraschend verlängerte er dann seinen Vertrag sogar bis 2021. Dennoch machen nach den starken Leistungen in dieser Saison erneut Abganggerüchte die Runde. Angeblich haben sich mehrere Vereine aus Italien, Spanien und Belgien erkundigt. In der Zeitung «Blick» liess sich Carlinhos’ Agent Paulo Affonso so zitieren: «Carlinhos hat sich grossartig entwickelt. Er ist bereit für eine neue Herausforderung.»

Der Spieler selber sagt, dass er noch nicht wisse, ob er in Lugano bleibe.

«Derzeit fokussiere ich mich auf die letzte Phase der Meisterschaft. Und dann werden wir sehen.»

Er betont, dass er sich in Lugano wohlfühle, macht gleichzeitig aber kein Geheimnis daraus, dass er in einer grösseren Liga spielen möchte. «Mein Ziel ist es, in einem Verein in den Top-5-Ligen zu spielen.» Aktuell beträgt Carlinhos’ Marktwert gemäss Schätzungen von Transfermarkt.com 2 Millionen Euro, Lugano-Präsident Angelo Renzetti wird ihn aber kaum unter 3 Millionen Euro ziehen lassen. Im Duell am Sonntag (16.00) zwischen Lugano und Luzern dürften die Innerschweizer gewarnt sein vor Carlinhos Júnior, dem Mané Garrincha von Lugano.

«Wir konzentrieren uns auf die Barrage» – FCL blendet Europa aus

Dem FC Luzern bietet sich die Möglichkeit, mit einem Sieg in Lugano die Weichen Richtung Europa League zu stellen. Ziel bleibe es aber, nichts mit der Barrage zu tun zu haben, sagt Trainer Thomas Häberli. Derweil stellt sich die Frage, ob Marvin Schulz den FCL-Vertrag verlängert.
Raphael Gutzwiller