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Der unbequeme Pragmatiker René Weiler

René Weiler (44) wird neuer Trainer beim FC Luzern. Er war Schweizer Nationalspieler, belgischer Meister mit Anderlecht und Lucien Favre schwört auf ihn. Doch wer ist René Weiler wirklich? Ein Porträt.
Nicola Berger
Signalisiert neu beim FCL die Marschroute: Trainer René Weiler. (Bild: Laurie Dieffembacq/Freshfocus (Brügge, 14. Mai 2017))

Signalisiert neu beim FCL die Marschroute: Trainer René Weiler. (Bild: Laurie Dieffembacq/Freshfocus (Brügge, 14. Mai 2017))

«Brutale Wahrheiten sind mir lieber als tröstende Lügen.» René Weiler hat diesen Satz einmal gesagt, und er verrät viel darüber, wie der Trainer und Mensch ­Weiler funktioniert. Weiler, 44, abgeschlossenes Kommunikationsstudium und zweieinhalb Jahrzehnte Erfahrung im Profifussball, ist ein Mann der klaren Worte, ein Querdenker auch, dessen Horizont über die Cornerfahne hinausragt. Er mag sich seit einer Ewigkeit in diesem Geschäft befinden, aber er überhöht die Bedeutung des Fussballs nicht künstlich – im Gegenteil. Er sagt seit langem, er könne sich vorstellen, mit allem abzuschliessen und in Zürich eine Bar zu eröffnen.

Weiler ist von einem Schlag, der selten geworden ist im modernen Fussball. Er sagt, was er denkt, schert sich nicht um Konventionen, begibt sich nicht in eine Abhängigkeit mit Spielerberatern und versteckt sich nicht hinter den immer gleichen Phrasen. Der Winterthurer kann ziemlich unverblümt sein im Umgang mit Spielern, Vorgesetzten und Journalisten, er lässt sich wenig gefallen, und manchmal ist von ihm dann eine dieser brutalen Wahrheiten zu hören. Das hat ihm den Ruf eingetragen, unbequem und kompliziert zu sein. Nur: Warum ist dieser Umstand so negativ behaftet? Lucien Favre ist kompliziert, Josip Guardiola auch.

Favre ist ein alter Copain Weilers, das Duo kennt und schätzt sich seit langem; der Romand bot Weiler gar an, ihn als Assistenten zu Borussia Dortmund mitzunehmen. Mit Favre, dem weit herum besten Schweizer Trainer, teilt Weiler die wichtige Eigenschaft, ein Team begeistern zu können. Für eine Spielidee, ein Konzept, eine grössere Sache. Er ist keiner dieser jungen Konzepttrainer, die am Laptop stundenlang Spielzüge sezieren.

Er muss nicht mehr jeden Konflikt offen austragen

Weiler ist pragmatisch, er vertraut nicht einem fixen System, sondern seiner Intuition. Sie hat ihn in letzter Zeit selten getäuscht; der gewiefte Kommunikator traf bei seinen letzten drei Stationen, bei Anderlecht, in Nürnberg und in Aarau, fast immer den richtigen Ton, der Erfolg gab ihm Recht. Die Zeitschrift «Sport-Bild» verglich ihn mit Thomas Tuchel, und dem belgischen Rekordmeister Anderlecht war Weiler im Sommer 2016 eine Ablösesumme von 800 000 Euro wert.

Das Engagement in Luzern überrascht darum, eigentlich ist Weiler für den FCL überqualifiziert; man nahm an, er würde in eine grosse Liga wechseln, als eine Art Erbe Favres. Auch Weiler dachte das – noch im Winter hatte er das Interesse des FCL abgeblockt. Ein bisschen wirkte es ja immer, als wolle Weiler mit seiner Trainerkarriere Verpasstes nachholen. Als Aktiver hatte er in den frühen 1990er-Jahren zu den talentiertesten Fussballern im Land gehört, er schaffte es gar in die Nationalmannschaft. Doch er vermochte sein Potenzial nie auszureizen, nach mehreren Verletzungen musste er seine Spielerkarriere bereits 2001 beenden.

Bald versuchte er sich erstmals als Trainer – und kurz darauf als Sportchef in St. Gallen, wo er sich mit dem Geldgeber Edgar Oehler überwarf, welcher ihm via Boulevard beschied, er tauge «bestenfalls zur Sekretärin». Es war eine turbulente Zeit, einmal erhielt Weiler gar eine Morddrohung, aber sie machte Weiler stärker, weiser vielleicht auch, weil er lernte, nicht mehr jeden Konflikt offen auszutragen. Was für die Stelle in Luzern und insbesondere den Umgang mit dem Investor Bernhard Alpstaeg möglicherweise eine wertvolle Lektion ist.

Ein Angebot aus Saudi-­Arabien lehnte Weiler ab

Dass Weiler im FCL gelandet ist, hat viel mit dem Sportchef Remo Meyer zu tun, der den Coach lange bearbeitete. Meyers Glück war, dass der Markt für Weiler erstaunlich wenig hergab. Kontakte zu YB und Leeds United konkretisierten sich nicht. Offerten aus Deutschland und England blieben aus, weshalb Weiler sich kürzlich von seinem Agenten trennte, dem Bruder des deutschen Nationalspielers Ilkay Gündogan. Zuletzt lehnte Weiler ein Angebot von Al-Shabab in Saudi-Arabien ab, sein Jahressalär dort hätte mehr als 1,5 Millionen Franken betragen. Weiler hätte weiter abwarten können, sein Vertrag bei Anderlecht wäre bis 2019 gültig gewesen. Doch Geld war nie sein Antrieb, und er hat diesen Arbeitseifer, vererbt vom verstorbenen Vater, einem Wirtschaftsfahnder der Zürcher Kantonspolizei.

Die Frage ist, ob aus dem FCL und Weiler eine Symbiose entstehen kann. Als Weiler im November 2014 Trainer in Nürnberg wurde, rieten ihm viele in seinem Umfeld von diesem Schritt ab: Nürnberg sei ein Hort der Intrigen, fast frei von sportlicher Substanz, und trotzdem mit chronisch überhöhter Erwartungshaltung. Weiler führte ein mittelmässig besetztes Nürnberg in der zweiten Bundesliga auf den dritten Platz, es gelang ihm, in der Region so etwas wie eine Euphorie zu entfachen. In Luzern ist die Ausgangslage dreieinhalb Jahre später vergleichbar. Wieder trifft Weiler in einer begeisterungsfähigen Region auf einen stolzen Traditionsklub, der wachgeküsst werden will. Dem Trainer kann das gelingen, es muss sogar sein Anspruch sein. Auch wenn er im Bezug auf sein Kader zunächst möglicherweise ein paar brutale Wahrheiten zu verkünden hat.

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