Interview

FCL-Coach Celestini: «Ich spiele nie eine Rolle, bin immer ich, Fabio»

Der neue FCL-Trainer Fabio Celestini spricht über seine Art der Teamführung, einen ehrlichen und offenen Umgang sowie die Mentalität.

Daniel Wyrsch aus Marbella
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Luzern-Trainer Fabio Celestini (Mitte) bei einer Trainingseinheit mit seinen Spielern.

Luzern-Trainer Fabio Celestini (Mitte) bei einer Trainingseinheit mit seinen Spielern.

Bild: Martin Meienberger/Freshfocus (Marbella, 14. Januar 2020)

Seit zwölf Tagen arbeiten Sie mit dem Kader des FC Luzern. Welches sind die ersten Erkenntnisse über die Mannschaft und die Spieler?

Fabio Celestini: Ich habe eine Mannschaft kennen gelernt, die sehr gut arbeitet und die Hierarchie anerkennt. Die Spieler sind neugierig und interessiert, sie wollen weiterkommen. Es herrscht eine hervorragende Einstellung im Training, die Jungs sind sehr aufmerksam bei der Sache. Meine Erwartungen haben sich bestätigt. Es ist bisher ein echtes Vergnügen, mit den Spielern zu trainieren.

Es muss ein gutes Gefühl sein, wenn man feststellen kann, dass das Team voll mitzieht.

Das ist so. Sie sind aktiv, bieten sich an, haben den Willen, die Vorgaben gut zu erfüllen und zu verstehen. Es gibt Abläufe, die sie gut umgesetzt haben, für andere Dinge brauchen sie offensichtlich noch etwas Zeit. Aber insgesamt sind wir auf einem guten Weg.

Als Lugano-Trainer haben Sie in einem Interview festgestellt, dass die Mentalität der Deutschschweizer Fussballer eine andere sei als jene der Westschweizer und Tessiner. Wurde diese These beim FCL bislang bestätigt?

Natürlich. Der grosse Unterschied ist, dass die Luzerner Spieler zum Training kommen, um zu arbeiten. Sie hören sehr diszipliniert zu, was der Coach von ihnen verlangt und ihnen vermittelt. In der Romandie schauen die Spieler mehr, was der Trainer macht oder nicht macht. Sie überlegen sich solche Dinge. Hier ist mehr Bereitschaft, die Auf­gaben zu verstehen. Wenn es Fragen gibt, stellen die Spieler Fragen – und weiter geht’s. So ist es derzeit sehr angenehm, miteinander zu arbeiten.

Wie war das im Tessin bei Lugano?

Die Tessiner Mentalität ist sehr nahe bei jener der Romandie, halt mehr die lateinische Art. Und man spürt die Nähe zu Italien, im Tessin herrscht auch eine Kultur der Taktik. Wenn wir mit Lugano defensiv gut organisiert waren, schätzten die Zuschauer das, und der Präsident fand dieses Spiel ebenfalls schön. In Lausanne war das defensive Taktieren schwieriger, denn die Leute wollten, dass wir mehr attackieren und nach vorne spielen.

Luzern liegt fast genau zwischen Lausanne und Lugano im Zentrum.

Die Innerschweiz. Ich denke echt, dass die Luzerner von beiden Seiten ein bisschen was übernommen haben. Sicher die Taktik. Ich glaube, Luzern ist ein wenig eine Mélange von allem, was die Schweiz ausmacht. Aber insgesamt ist die Einstellung in der Deutschschweiz doch eine andere. Die Spieler haben einen grossen Willen für das laufintensive Spiel und sind zweikampfstark.

Am Samstag ging das Trainingslager des FCL in Marbella zu Ende. Der Klub (im Bild David Mistrafovic) macht sich auf den Weg zurück in die Schweiz.
74 Bilder
Sportchef Remo Meyer verlässt das Hotel nach dem Trainingslager des FCL.
Konditionstrainer Christian Schmidt und Darian Males im Gespräch.
Ashvin Balaruban unterwegs in Richtung Schweiz.
Das FCL-Team gibt am Check-In das Gepäck auf.
Lazar Cirkovic verlässt das Hotel.
Blessing Eleke und Sportphysiotherapeut Roger Sager.
Salah Aziz Binous und Team-Manager Dante Carecci.
Vize-Präsident Josef Bieri, Pascal Schürpf und Christian Schwegler am Flughafen Malaga.
Darian Males macht sich auf die Heimreise.
Luzerns Darian Males (links) gegen Ionut Larie von Gaz Metan Medias.
Luzerns Silvan Sidler (rechts) gegen Stephan Draghici von Gaz Metan Medias.
Luzerns Ibrahima Ndiaye (oben) ist schneller am Ball.
Voller Einsatz: Luzerns Ryder Matos.
Assistenztrainer Genesio Colatrella (links) und Trainer Fabio Celestini auf dem Weg zum Testspiel.
In einheitlichem Luzerner Blau gehen die Spieler marschieren die Spieler durch Marbellas Strassen.
Strahlender Sonnenschein auf dem Weg zum Training.
Torhüter Marius Müller wird gefordert.
Shkelqim Demhasaj und David Mistrafovic während einem der beiden an Tag 7 absolvierten Trainings.
Eric Tia Chef.
Torhüter David Zibung.
Blessing Eleke (hinten) und Lino Lang im Zweikampf.
Sportphysiotherapeut Marco Dobler läuft mit Lazar Cirkovic mit.
Dehnen an der Sonne – Blessing Eleke machts vor.
Assistenztrainer Genesio Colatrella hat seine Spieler im Blick.
Postkarte aus dem Trainingslager? Könnt passen. Vorne (v.l.): Shkelqim Demhasaj, Idriz Voca, Lorik Emini und Eric Tia Chef. Hinten (v.l.): Pascal Schuerpf, Lino Lang, Torhueter Simon Enzler, Marco Burch, Marvin Schulz, Ashvin Balaruban und Blessing Eleke.
Er ist der Torhüter-Trainer: Lorenzo Bucchi.
Lorik Emini zeigt sein Können beim Fussball-Tennis.
Shkelqim Demhasaj und Idriz Voca.
Er hat den Ball erwischt: Marco Burch (Mitte) beim Fussball-Tennis mit Lorik Emini (links) und Ibrahima Ndiaye.
Das gibt ein Kopfballduell zwischen Marco Burch und Eric Tia Chef.
Fokus auf den Ball: Eric Tia Chef (v.l.), Marco Burch und Ibrahima Ndiaye üben sich im Fussball-Tennis.
Lino Lang.
Silvan Sidler spielt beim Fussball-Tennis einen Kopfball.
Auch der Ex-Fussballprofi und Talentmanager Claudio Lustenberger spielt mit.
Fussball spielen am Ping-Pong Tisch? Ja, das geht, wie Idriz Voca, beobachtet von Shkelqim Demhasaj, Lazar Cirkovic (verdeckt), Stefan Knezevic, Ryder Matos und Marvin Schulz beweist.
Auch Materialwartin Petra Suter ist mit ins Traningslager gereist.
Die atemberaubende Trainings-Kulisse.
Blessing Eleke.
Silvan Sidler und Idriz Voca.
Es wird nicht nur auf dem Platz trainiert, sondern auch im Kraftraum.
Alter Bekannter: Ex-FCL-Spieler Michael Frey ist mit dem 1. FC Nürnberg im Trainingslager in Marbella.
Das Training ist beendet.
Torhüter Marius Müller.
Torhüter Marius Müller.
Lorik Emini und Marvin Schulz zeigen vollen Einsatz.
Assistenztrainer Genesio Colatrella (links) und Trainer Fabio Celestini tüfteln an der Taktik.
Tsiy William Ndenge spielt den Ball.
Hat den Überblick: Trainer Fabio Celestini (rechts) mit Konditionstrainer Christian Schmidt.
Shkelqim Demhasaj, Lorik Emini und Ashvin Balaruban beim Sonntagstraining.
Die Luzern-Goalies unter sich: David Zibung (links) und Marius Müller im Training.
Goalie Marius Müller verteilt die Bälle.
Darian Males und Ashvin Balaruban geben sich keine Blösse.
Darian Males und Shkelqim Demhasaj beim Zweikampf im Training.
Eric Tia Chef bekommt Anweisungen von Assistenztrainer Genesio Colatrella .
Stefan Knezevic (Mitte) gegen Ezekiel Henty von Puskas.
Luzerns Blessing Eleke (links) kann von Roland Szolnoki von Puskas nicht mehr gestoppt werden.
Luzerns Ibrahima Ndiaye (rechts) gegen Adam Gyurcso von Puskas.
Blessing Eleke setzt sich gegen zwei ungarische Spieler durch.
Torhüter Simon Enzler.
Trainer Fabio Celestini, Talentmanager Claudio Lustenberger und Assistenztrainer Genesio Colatrella.
Pascal Schürpf.
Otar Kakabadze, Marvin Schulz und Pascal Schürpf.
Kopfball Eric Tia Chef.
Trainer Fabio Celestini gibt Anweisungen.
Der FC Luzern beim Training auf dem Trainingsplatz La Dama de Noche.
Stefan Knezevic und Shkelqim Demhasaj kommen im Hotel an.
Ibrahima Ndiaye bei der Ankunft im Hotel.
Otar Kakabadse sitzt im Flugzeug neben Darian Males.
Lazar Cirkovic, Otar Kakabadse, Stefan Knezevic und Shkelqim Demhasaj freuen sich aufs Trainingslager.
Warten am Flughafen Zürich: Lazar Cirkovic, Shkelqim Demhasaj (hinten), Idriz Voca und Otar Kakabadze.
Anstehen am Flughafen in Zürich.
Ibrahima Ndiaye, Idriz Voca und Eric Tia Chef verladen ihr Gepäck.
Blessing Eleke verlässt die Swissporarena frühmorgens.

Am Samstag ging das Trainingslager des FCL in Marbella zu Ende. Der Klub (im Bild David Mistrafovic) macht sich auf den Weg zurück in die Schweiz.

Martin Meienberger
18. Januar 2020

Führen Sie das Team wie hier in Marbella immer sehr eng und machen viele Einzelgespräche?

Das ist meine Art zu trainieren. Ich mag es, nahe bei den Spielern zu sein, ich mag es, sie zu führen. Aber ich will auch ihre Meinung hören, darum frage ich immer mal wieder nach, um zu wissen, ob sie alles verstanden haben. Sie müssen überzeugt sein von ihren Aktionen oder eine andere Lösung suchen. Für mich ist es wichtig, die Leute zu spüren. Das ist meine lateinische Art, darum berühre ich sie mit der Hand an der Schulter, für Deutschschweizer ist das eher ungewohnt. Ich brauche diesen Kontakt. Ich will eine positive und konstruktive Zusammenarbeit sowie eine gute Stimmung haben. Das gilt auch nach einem verlorenen Spiel. Ich will, dass wir darüber diskutieren und die Fehler ansprechen, aber nicht, dass die Spieler traurig und negativ sind und so zum nächsten Spiel erscheinen. Mir ist es zudem wichtig, ehrlich miteinander umzugehen. Darum spiele ich nie eine Rolle, weder bei der Arbeit noch zu Hause, ich bin immer ich, Fabio.

Man hört selbst von FCL-Profis, Luzern sei ein Team, dessen Spieler der Trainer an die Hand nehmen müsse. Sehen Sie das gleich?

Am Anfang schon ein bisschen. Auch um zu erklären, wie ich die Dinge möchte. Aber meine Idee, wie wir Fussball spielen wollen, ist das nicht. Zuerst muss ich die Spieler von meinem Plan überzeugen, aber dann kommt der Tag, an dem die Mannschaft selber erkennt, wie sie spielen muss. Dann weiss sie, in welchem Rahmen wir uns bewegen. Das ist ein genialer Moment, den ich mit dem Team in Lugano und auch in Lausanne erlebt habe. Die Spieler auf dem Platz müssen spüren, wann sie Pressing spielen müssen, wann sie Freiräume zum Kontern vorfinden.

Haben Sie schon einen Chef, der dieses Gespür hat und das Team auf dem Rasen dirigieren kann?

Das ist ein Prozess, so weit sind wir noch nicht. Interessant ist auch, wenn wir elf Captains auf dem Feld haben. Es darf nicht sein, dass zehn fragen, wo der Captain ist – dann verlieren wir. Die Instrumente bekommen die Spieler mit, sie müssen zusammen agieren, alle miteinander. Der Plan geht nicht auf, wenn Einzelne nicht mitmachen.

Sie sind offensichtlich mit dem Trainingslager zufrieden. Gab es mit dem Team spezielle Erlebnisse?

Die Bedingungen sind sehr gut, ich bin sehr zufrieden. Auch mit dem Staff passt es, sie machen ihre Arbeit gut, alles ist organisiert. Obwohl ich lernen muss, mich noch besser auf Deutsch zu erklären, haben wir keine Kommunikationsprobleme. Wir verstehen uns, vor allem auf dem Platz ist die Sprache universell und klar – und mein Deutsch wird besser. Alles läuft normal, aber etwas fand ich trotzdem besonders.

Was fanden Sie speziell?

Wenn meinen Spielern im Training ein Missgeschick passiert, schauen sie ernst und sind verärgert. In Lugano und Lausanne mussten die Profis lachen. Inzwischen habe ich sie so weit, dass sie im Videostudium über ihre Fehler schmunzeln. Das soll so sein, man kann auch zu hart mit sich ins Gericht gehen.

Aber Sie sind auch immer fleissig.

Wenn man von den Mitarbeitern Leistung verlangt, muss man selber bereit sein, sein Bestes zu geben. Bei allem Streben – die Stimmung ist ebenso wichtig. Man soll die Dinge mit Humor nehmen. Es kann aber auch bei mir vorkommen, dass ich verbissen schaue, selbst wenn wir ein Tor erzielt haben. Dann ist es möglich, dass ich nicht juble, weil ich schon an die nächste Aktion denke.

Sie machen Ihren Job gerne.

Ich mag meine Arbeit. Aber selbstverständlich ist nicht alles angenehm im Trainerjob. Wenn ich einem Spieler sagen muss, dass er nicht zum Einsatz kommt, ist das keine schöne Aufgabe. Ich schicke aber nicht einen Assistenten oder sonst jemand hin, um ihm das mitzuteilen, sondern spreche direkt mit dem Spieler. Ich bin nicht ein Cheftrainer, der die unangenehmen Dinge delegiert. Ich bin ein Verantwortlicher, der offen zu seinen Entscheiden steht.

Welches Ziel haben Sie mit Luzern?

In der jetzigen Situation will ich mit der Mannschaft das Bestmögliche herausholen, meine Spielidee zum Funktionieren bringen und junge Spieler integrieren. Ein konkretes Ziel nenne ich, wenn wir die neue Saison planen.

Fabio Celestini: Kochen, tanzen und boxen zum Entspannen

Seine Angehörigen leben an verschiedenen Orten der Welt

Als Fabio Celestini Trainer von Lausanne-Sport war, setzte er sich bei seinem Stammklub enorm ein. Nach dem Aufstieg in die Super League 2016 unternahm er alles, um mit der bescheiden bestückten Equipe die Klasse zu halten. Ein Jahr mit Erfolg. Aber: «Ich machte zu viel, das war ein grosser Fehler. Ein Trainer kann nicht 20 Stunden am Tag nur an Fussball denken.» An seiner zweiten Station in der Super League veränderte er vieles: «In Lugano hatte ich eine super Energie», erzählt der 44-jährige Schweizer Ex-Internationale. Er sei oft zum Monte Bré hochgegangen, dort genoss er den wunderschönen Ausblick über Lugano und den See.

Zum Ausgleich betreibt Celestini zudem drei Hobbys. «Während ich koche, relaxe ich in der Küche und höre dazu Musik.» Der Italo-Romand ist auch ein leidenschaftlicher Tänzer und geht gerne ins Boxtraining. «Wenn ich tanze oder boxe, muss ich konzentriert sein und kann so unmöglich an Fussball denken. Beide Freizeitbeschäftigungen helfen mir, während zweier, dreier Stunden von der Arbeit Abstand zu nehmen und viel Energie zu tanken.»

Der neue Trainer wird aber auch in Luzern viel arbeiten. Wenn er zu Hause in der Wohnung ist, hat er sich eine Regel vorgenommen. Die lautet, das Handy abzuschalten und nur kurz vor dem Schlafengehen noch einmal einzuschalten, «jedoch nur auf wichtige Dinge zu antworten». Celestini wird künftig in einer Wohnung in Luzern leben.

Fabio Celestini hat zwei Kinder (18 und 20) aus erster Ehe. Eines studiert in Montréal, das andere in Lausanne. Seine jetzige Frau lebt mit der kleinen Tochter in Panama. «Und meine Eltern sind in Italien. Die Familie ist auf dem Globus verteilt, ich muss schauen, dass ich alle sehen kann.» Für ihn sei das aber «kein immenses Problem».

Zurück zum Fussball: Am meisten geprägt haben ihn die Trainer Bernd Schuster, Michael Laudrup und Michel bei Getafe und Levante sowie Alain Perrin in Marseille, sagt Celestini. Die lehrreichste Zeit habe er nicht bei OM in Frankreich, sondern in Spanien erlebt. (dw)