FUSSBALL: Alex Frei vertraut seinem Bauchgefühl

Alex Frei (33) hat als Profi viele Geschichten erlebt, welche ihn prägten. Die erste mit 21 in Luzern unter Andy Egli. Der neue FCL-Sportdirektor Frei erinnert sich.

Daniel Wyrsch
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«Schaut her, dieser Bauch fällt die meisten meiner Entscheidungen», scheint Alex Frei (rechts) den Reportern zu sagen. (Bild: Pius Amrein)

«Schaut her, dieser Bauch fällt die meisten meiner Entscheidungen», scheint Alex Frei (rechts) den Reportern zu sagen. (Bild: Pius Amrein)

Alex Frei war am Dienstagnachmittag der gefragteste Mann bei den Schweizer Medien. Der neue Sportdirektor des FC Luzern und bis zum 14. April Noch-Profi des FC Basel hatte einen weit über einstündigen Interview-Marathon im Mediencenter der Swissporarena hinter sich. Der 33-jährige Baselbieter musste dabei viel reden, war entsprechend durstig und trank viel Wasser.

Bevor er den Ort seiner ersten Medienkonferenz in Luzern verliess, stellte er sich zu den Printjournalisten hin. Angesprochen auf das herausfordernde Amt, meinte Frei: «Ich habe vom ersten Gespräch an mit den Luzerner Verantwortlichen ein gutes Gefühl gehabt.» Er lächelte dabei zufrieden. Einer der erfolgreichsten Fussballer des Landes freut sich auf die Rückkehr in die Innerschweiz. «Das ist eine unglaubliche Chance für mich», hatte er zuvor vor der FCL-Rekordzahl von 50 Medienschaffenden betont. Im kleinen Kreis meinte er, dass er sich in seiner Karriere immer auf sein Bauchgefühl habe verlassen können; als er am Anfang der Karriere von Luzern zu Servette wechselte, später aus Genf zu Stade Rennes nach Frankreich zog, anschliessend zu Borussia Dortmund und abschliessend zum FC Basel. «Nur zweimal habe ich in meiner Karriere nicht auf mein Bauchgefühl gehört», verriet Frei.

Spuck-Affäre: Die Order «Lügen»

Zuerst dachte er an die EM 2004 in Portugal. An die Spuck-Affäre. Im Gruppenspiel gegen England (0:3) in Coimbra lief die 77. Minute. Frei spuckte dem Engländer Steven Gerrard Speichel in den Nacken. Unbeachtet vom Schiedsrichter, nicht aber von den TV-Kameras. «Ich hatte meine Emotionen nicht im Griff», erklärte Frei den Vorfall in seiner im November 2012 erschienenen Biografie «Alex Frei – König des Strafraums»*, die bisher 7000 Mal verkauft worden ist und das ungebrochen grosse öffentliche Interesse an diesem polarisierenden Fussballer zeigt.

Zur Spuck-Affäre sagt er heute: «Für den Akt musste ich Kritik einstecken, geradestehen und mich entschuldigen. Für den Rest nicht.» Er meinte die damalige Verbandsführung, die ihm die klare Order auferlegt hatte, zu lügen. Die Bilder des Schweizers, der steif und fest behauptete, er habe nicht gespuckt, ging um die halbe Welt. Die Sequenz, die das Gegenteil bewies, später auch. Frei soll deshalb heute noch gekränkt sein, er, der zu Hause gelernt hatte, die Wahrheit zu sagen.

Die andere Sache, bei der er nicht auf seine innere Stimme hörte, betrifft ebenfalls die Nationalmannschaft. Das EM-Qualifikationsspiel im Oktober 2010 in Basel gegen Wales (4:1). Frei wurde vom eigenen Publikum ausgepfiffen. Als ihn Ottmar Hitzfeld zwölf Minuten vor Schluss auswechselte, klatschten die Leute auf der Haupttribüne des St.-Jakob-Parks zwar. Nicht aber einige unverbesserliche Fans. Ihr Pfeifkonzert übertönte alles. «Die Pfiffe haben mir so weh getan», erzählt der Rekordtorschütze (42 Tore in 84 Länderspielen) in seinem Buch. Statt sofort zurückzutreten, «habe ich mich gegen mein innerstes Gefühl überzeugen lassen». Nach einem 0:0 in Bulgarien beendete der Captain Anfang April 2011 dann doch seine Nationalteamkarriere.

Strafaufgabe: Aufsatz schreiben

Als Frei noch ein wenig bekannter Fussballer war und am Anfang seiner Karriere stand, hatte er ein prägendes Erlebnis mit Andy Egli. Eineinhalb Jahre waren sie schon ein erfolgreiches Duo beim FCL gewesen, das Verhältnis zwischen dem torgefährlichen Jungstürmer und seinem Mentor und Trainer frei von jeglichen Störungen. Im Sommer 2000 änderte die Wetterlage. Der 21-jährige Frei kam erstmals in den erweiterten Kreis der A-Nationalmannschaft und war auf dem Sprung, in der heimischen Liga ein Star zu werden. Der Jungprofi begann sich zu verkrampfen, traf das Tor nicht mehr. Egli war der Meinung, der Stürmer suche die Schuld vorwiegend bei den anderen.

Ende Oktober 2000 gab Frei unserer Zeitung ein kritisches Interview. «Ich kämpfe gegen innere Widerstände», wurde der Angreifer zitiert. Als Egli den Artikel las, war er empört. Nach einem weiteren Disput beorderte er Frei in sein Büro, dort musste der junge Mann einen Aufsatz schreiben. Mit dem von Egli vorgegebenen Titel: «Wenn ich heute glaube, schon ein Star zu sein, werde ich nie ein Star.» Frei meint heute: «Damals habe ich nicht verstanden, warum ein Fussballer einen Aufsatz schreiben muss. Heute weiss ich, was der Trainer damit bezwecken wollte.» Frei, der ab dem Amtsantritt am 15. April in Luzern auch dem Nachwuchs vorsteht: «Es würde dem einen oder anderen Jungprofi heute durchaus gut tun, er müsste das Gleiche tun.»

Mit Egli ist Frei längst im Reinen. «Alle meine Entscheide im Fussball bespreche ich mit Andy.» Egli habe ihm geraten, die Chance in Luzern zu packen. Entschieden hat aber Freis Bauchgefühl.

Hinweis

* Biografie «Alex Frei – König des Strafraums» von Marcel Rohr (191 Seiten, mit vielen Bildern, gebunden 29.80 Franken) im Stämpfli-Verlag.