FUSSBALL: Appetit auf eine erfolgreiche Zeit

Jakob Jantscher ist ein 25-Jähriger mit viel, sehr viel Lebenserfahrung. Er wurde in Österreich Meister, stieg in Holland ab, war in Russland im Kriegsgebiet. 2011 verlor er seinen Vater.

Jonas von Flüe
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Jakob Jantscher beisst im Haus Österreich in Luzern genüsslich in eine Mozart-Kugel. «Ich mag aber nur die ohne Marzipan», sagt er. (Bild Philipp Schmidli)

Jakob Jantscher beisst im Haus Österreich in Luzern genüsslich in eine Mozart-Kugel. «Ich mag aber nur die ohne Marzipan», sagt er. (Bild Philipp Schmidli)

Jakob Jantscher streift durch das Haus Österreich. Im mitten in Luzern liegenden Spezialgeschäft, das vor allem österreichische Spezialitäten anbietet, findet er sofort Produkte, die in seiner Heimat hergestellt werden. Steirischen Weisswein zum Beispiel. Die Steiermark ist die zweitgrösste Weinbauregion Österreichs. «Den berühmten steirischen Backhendlsalat gibts hier wohl nicht», sagt er, der in der steirischen Landeshauptstadt Graz aufgewachsen ist, schmunzelnd in seinem typischen österreichischen Dialekt. Jantscher steuert für den Fotografen die berühmten Mozart-Kugeln an, die er während seiner rund zwei Jahre in Salzburg schätzen lernte. «Ich mag aber nur die ohne Marzipan», sagt er und beisst genüsslich in das Praliné.

Der Österreicher hat vor eineinhalb Wochen beim FC Luzern einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Noch wohnt er mit seiner Frau Andrada und einem kleinen West Highland White Terrier im Hotel, doch bald will das junge Ehepaar eine Wohnung beziehen. In Horw und Hergiswil haben sie sich bereits drei Wohnungen angeschaut. Ein Bankkonto hat er unterdessen in Luzern eröffnet. «Nun brauche ich noch eine Schweizer Handynummer und ein Auto», sagt Jantscher. Er plant, länger zu bleiben.

Der Schock im November 2011

In Luzern will er endlich wieder über eine längere Zeit konstant erfolgreich Fussball spielen und sich richtig wohlfühlen. Denn die letzten Jahre im Leben des jungen Österreichers waren sehr turbulent und von Hochs und vielen Tiefs geprägt.

Im November 2011 versucht Jantscher, damals bei Red Bull Salzburg engagiert, nach einer 0:3-Niederlage gegen Mattersburg seinen Vater Walter telefonisch zu erreichen – erfolglos. Wenige Stunden später erfährt er, dass sein Vater unerwartet verstorben ist. Ein Schock für Jantscher und die ganze Familie. Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr, wie es war. «Ich bin ihm sehr dankbar für alles, was er für mich gemacht hat. Er war immer mein erster Ansprechpartner und hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin», sagt Jantscher.

Er sei an jenem Novembertag von einem Tag auf den andern um einige Jahre älter und reifer geworden. «Du realisierst plötzlich, was für eine riesige Verantwortung er gegenüber unserer Familie hatte, merkst, was er alles für Aufgaben übernommen hat, damit es uns gut geht.»

Der damals 22-Jährige zieht sich für drei Wochen in die Trost spendende Wärme der Familie zurück. Diese Zeit habe er gebraucht, um die Trauer zuzulassen. Plötzlich ist er es, der einen grossen Teil der Verantwortung für die Familie übernehmen muss. Er unterstützt seine Familie finanziell. «Damals habe ich auch realisiert, was für ein Riesenprivileg ich habe, Fussballer zu sein», sagt er. Sein Vater wäre bestimmt stolz, was er, Jantscher junior, in den letzten Jahren geschafft hat, ist er überzeugt.

Jugendliebe reist immer mit

Nie von seiner Seite weicht in dieser schwierigen Zeit seine Jugendliebe Andrada, mit der er seit acht Jahren zusammen ist und die er vor einem Jahr geheiratet hat. Sie ist dabei, als er drei Wochen nach dem Schicksalsschlag das Training in Salzburg wieder aufnimmt und im darauffolgenden Sommer nicht nur Torschützenkönig der österreichischen Bundesliga, sondern auch Meister wird. «Der Fussball hat mir die Ablenkung gebracht, die ich in dieser schwierigen Zeit gebraucht habe», erzählt ­Jantscher.

Andrada reist mit ihm auch nach Moskau, wohin er im September 2012 für eine Saison ausgeliehen wird. In Russland sei es sehr schwierig gewesen, sich wohlzufühlen. «Meine Frau und unser Hund haben mir dann Geborgenheit und ein Heimatgefühl gegeben, was sehr wichtig war.» In der einen Saison bei Dynamo Moskau lief es ihm sportlich sehr gut. Doch der Alltag in der 12-Millionen-Metropole ist für Westeuropäer kompliziert. Alltägliche Dinge, wie der Einkauf von Lebensmitteln oder die Autofahrt zum Trainingsgelände, seien eine echte Herausforderung gewesen. «Wenn man die russische Sprache nicht beherrscht, ist man verloren, denn nur wenige Russen sprechen englisch», erzählt Jantscher.

Besonders «eingefahren» sind ihm die Auswärtsreisen nach Machatschkala und ins tschetschenische Grosny, wo bis 2009 Krieg herrschte. In beiden Städten ist die russische Armee allgegenwärtig. «Wenn alle 200 Meter ein Soldat mit einer Kalaschnikow dasteht, bekommt man schon ein mulmiges Gefühl», sagt Jantscher. Einmal erlebt er, wie ein Soldat Warnschüsse abgibt, weil ein Auto eine Sicherheitslinie überfahren hat. Solche Szenen vergesse man nicht. Der Österreicher ist immer froh, wenn er nach den Auswärtsspielen wieder in den Flieger nach Moskau steigen kann.

16 Entlassungen in Holland

Weil er sich aber in Moskau nie richtig wohlfühlt und seine Frau wegen der fehlenden Sprachkenntnisse keine Arbeit findet, kehrt Jantscher im Sommer 2013 nach Salzburg zurück, wo ihm aber zu einem Wechsel geraten wird. Kurz vor der Schliessung des Transferfensters wechselt er nach Nijmegen in die holländische Ehrendivision.

Auf ein sportlich erfolgreiches Jahr in Moskau folgt in Holland sein bisheriger Tiefpunkt als Fussballer. Der Traditionsverein verliert den Kampf gegen den Abstieg, Jantscher muss mit ansehen, wie am Tag nach dem verpassten Ligaerhalt 16 Personen auf der Geschäftsstelle entlassen werden. «Ich habe die Sonnen- und die Schattenseite des Fussballs erlebt. In Holland wurde mir bewusst, wie viele Leute von den Leistungen der Mannschaften abhängig sind. Diese Entlassungen gingen mir nahe», erzählt er. Doch auch diese Erfahrung will er nicht missen. Er habe bei jeder seiner Stationen viel lernen können, ist Jantscher überzeugt.

Silvester mit Christian Schwegler

Und nun sitzt der Österreicher also in einem Café in Luzern und erzählt von seinen Zukunftsplänen: Er will sich unter Trainer Carlos Bernegger weiterentwickeln, ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft werden und sich mit guten Leistungen wieder für die österreichische Nationalmannschaft empfehlen. Er habe auch Kontakte zu einem Verein aus der ersten und mehreren Klubs aus der zweiten deutschen Bundesliga gehabt. Doch nur der FCL habe ihm das Gefühl gegeben, richtig interessiert zu sein. Und überall, wo er sich umgehört hat, wurde nur positiv über die Schweizer Liga, über den Klub und über die Region gesprochen. Der österreichische Nationaltrainer Marcel Koller kennt Bernegger aus gemeinsamen GC-Zeiten, mit dem Ettiswiler Christian Schwegler hat er in Salzburg zusammengespielt und vor einigen Jahren in Luzern Silvester gefeiert.

Morgen Auftritt in Emmenbrücke

Jantscher und seine Frau Andrada fühlen sich bereits wohl in der Innerschweiz. Er, weil er von der Mannschaft gut aufgenommen worden ist. Sie, weil sie dank der Sprache zuversichtlich ist, bald einen Job zu finden. Beide, weil sie auf Spaziergängen mit ihrem Hund bereits entdeckt haben, wie schön die Region ist.

Morgen Samstag (16 Uhr, Gersag) dürfte Jakob Jantscher in Emmenbrücke im Testspiel gegen Spartak Moskau (mit Ex-FCL-Trainer Murat Yakin) sein Debüt im FCL-Trikot geben. Bei seiner Premiere wird er speziell motiviert sein: Spartak ist der Erzfeind von Dynamo Moskau. Das hat er nicht vergessen.