FUSSBALL: Babbel: «Ich bin nie im Selbstmitleid versunken»

Seit zehn Tagen ist Markus Babbel (42) Trainer des FC Luzern. Der Bayer wurde 1996 Europameister, hat 2001 dem Tod ins Auge geschaut und hat eine Vorliebe für Rockmusik.

Interview Jonas von Flüe und Daniel Wyrsch
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2014
Markus Babbel am Dienstagnachmittag vor der Swissporarena. (Bild: Maria Schmid / Neue LZ)

2014 Markus Babbel am Dienstagnachmittag vor der Swissporarena. (Bild: Maria Schmid / Neue LZ)

Markus Babbel, nach dem Spiel des FC Luzern gegen Vaduz wurde in der Swissporarena der Song «You’ll Never Walk Alone» gespielt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Vereinshymne Ihres Ex-Vereins FC Liverpool hörten?

Markus Babbel: Zum einen freut es mich immer, dieses Lied zu hören, weil ich das grosse Glück hatte, für diesen grossartigen Verein zu spielen. Zum anderen passt das Lied perfekt zum FC Liverpool, aber auch zum FC Luzern. Denn in der Geschichte gab es nicht immer nur Sonnenseiten. Ähnlich erleben wir es momentan hier beim FCL. Wir sind in einer Phase, in der wir alle zusammenstehen müssen. Ich wünschte mir, dass man dieses Lied nicht nur singt und gut findet, sondern dass man das auch ein Stück weit lebt, gerade jetzt, wenn es nicht gut läuft, und dass man im und um den Verein eine «Jetzt erst recht»-Mentalität entwickelt. Wir müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen, damit wir in der Super League bleiben.

Ziehen in Liverpool denn alle an einem Strang?

Babbel: Na klar, das wird dort so gelebt. Ich durfte ein Teil der Vereinsgeschichte sein, und das hat mir die Augen geöffnet, wie wichtig die Unterstützung der Fans ist – gerade in einer solch schwierigen Zeit, wie wir sie momentan durchmachen. Fan von Bayern München oder Real Madrid kann doch jeder sein. Aber die wahren Fans halten zum Verein, wenn es nicht gut läuft.

Wenn man Sie so von Liverpool schwärmen hört, könnte man meinen, dass Sie in England die schönste Zeit Ihrer Karriere hatten ...

Babbel: Definitiv. Ich konnte leider nur ein Jahr für Liverpool spielen. Aber das war mit Abstand das Eindrücklichste, was ich als Profi erleben durfte. Der Fussball, die Fankultur und der Verein haben mich sehr geprägt. Das war höchst beeindruckend. Zudem waren wir erfolgreich, haben 2001 den FA-Cup und den Uefa-Pokal gewonnen.

Aber in Liverpool erlebten Sie auch die schwierigste Zeit Ihres Lebens. Im Herbst 2001 wurde bei Ihnen eine gefährliche Nervenentzündung diagnostiziert. Sie waren ab dem Knie abwärts und an den Händen taub, sassen monatelang im Rollstuhl und haben über ein Jahr kein Fussball-Spiel bestritten ...

Babbel: Aber auch da hat sich der Verein sensationell verhalten. Ich war in Bayern, in Bad Aibling, in der Reha und bekam Besuch von beiden Co-Trainern. Die sind nach München geflogen, dort ins Taxi gestiegen, haben geschaut, wie es mir geht, und sind nach zwei Stunden mit dem Taxi wieder zu dem 100 Kilometer entfernten Flughafen und zurück nach England. Damals wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Da kann man nur Chapeau sagen.

Was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal den Ausdruck Guillain-Barré-Syndrom gehört haben?

Babbel: Ich hatte keine Ahnung, was das sein soll. Aber auch Glück, dass ich sofort zum richtigen Arzt gegangen bin. Nach 30 Sekunden hatte ich eine Diagnose. Weil ich zuvor am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt war, produzierte mein Immunsystem Antikörper gegen dieses Virus. Doch mein Körper merkte nicht, dass das Virus weg war, und hat weiter Antikörper produziert, die meine Nerven angegriffen haben. Das kann gar zu einem Atemstillstand führen, was bei mir zum Glück nie der Fall war. Irgendwann hat mein Körper registriert, dass das Virus weg war. Das Schlimmste war, dass ich nicht wusste, wie lange diese Krankheit mich belasten würde. Es war mir aber immer klar, dass ich irgendwann mal wieder Fussball spielen würde. Das hat mir in dieser schwierigen Zeit auch geholfen. Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich es schaffe. Ich habe bei Bayern München und Liverpool gelernt, immer zu fighten, nie aufzugeben und nicht im Selbstmitleid zu versinken. Ich bin zwar nie mehr auf 100 Prozent meines Leistungsvermögens gekommen, aber zu 90 Prozent hat es noch gereicht. Erst im Nachhinein habe ich realisiert, wie viel Glück ich hatte.

Etwa 5 Prozent aller am Guillain-Barré-Syndrom erkrankten Menschen sterben daran. Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

Babbel: Nein, nie! Aber klar fand ich es komisch, dass ich in der Nacht alle drei Stunden aufgeweckt wurde, um das Lungenvolumen zu messen. Wenn die Atmung ausgesetzt hätte, wäre Feierabend gewesen. Damals habe ich aber nie an den Tod gedacht.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie sich dank der Krankheit nun besser in verletzte Spieler hineinversetzen können. Hilft Ihnen diese Erfahrung nun als Trainer?

Babbel: Ja, klar. Mein Motto ist «Jeder Schaden muss ja einen Nutzen haben». Ich konnte zum Beispiel bei Hertha Berlin Patrick Ebert, der sich das Kreuzband gerissen hat, genau aufzeigen, dass er bald wieder bei 90 Prozent seines Leistungsvermögens sein wird, aber nicht daran zerbrechen darf, dass er nicht sofort wieder der Alte ist. Ich habe dasselbe erlebt. Ich könnte jammern, dass mich die Krankheit zwei Jahre zurückgeworfen hat, aber nehme lieber das Positive daraus.

Sie haben Ihre zweite Frau Silke damals in der Reha kennen gelernt, sind Vater von vier Kindern. Wie wichtig ist die Familie für Sie?

Babbel: Sie ist das Allerwichtigste. Speziell meine Eltern. Egal, was ist, sie sind für mich da. Ausser ich würde ganz grossen Mist bauen, aber das habe ich ja nicht vor. (lacht) Auch meine Kinder bedeuten mir viel. Sie sind ein extremer Halt, sie lenken mich von allen Sorgen ab. Bei ihnen ist immer ein Lachen mit dabei.

Sie haben zwei Jahre keinen Verein trainiert, waren bei Ihren Kindern in Bayern. Ist das für sie nicht hart, dass sie ihren Vater jetzt weniger sehen?

Babbel: Für die Kinder ist es blöd, kein Thema. Sie sehen ihren Papa nun nicht mehr jeden Tag, und ich weiss auch gar nicht, wann ich das nächste Mal zu ihnen fahre. Ich habe sie sozusagen von einem auf den anderen Tag verlassen. Aber sie haben sich auch mit mir gefreut, dass ich nun wieder Arbeit gefunden habe.

Wollten Sie die Kinder nicht mit nach Luzern nehmen?

Babbel: Ich lebe ja von meiner zweiten Frau getrennt, die Kinder wohnen bei ihr. Deswegen hat sich diese Frage gar nie gestellt. Natürlich hätte ich sie lieber täglich um mich herum, weil ich bei ihnen perfekt abschalten kann und es schön wäre, abends nach Hause zu kommen und sie zu sehen. Aber wir haben uns schon früher, als ich in Berlin Trainer war, dazu entschieden, dass die Familie in Bayern bleibt, weil die Kinder dort eingeschult wurden. Ob das jetzt die bessere Lösung war, weiss ich nicht. Es gibt wohl kein Patentrezept für eine Familie, deren Vater beruflich viel unterwegs ist. Aber ich bin ja nicht allein nach Luzern gekommen. Meine Lebenspartnerin hat mich begleitet. Momentan wohnen wir noch im Hotel, haben aber bereits in Luzern eine Wohnung gefunden, die wir Mitte November beziehen werden.

Sie sind ja ein grosser Fan von Rockmusik. Da werden Ihre Nachbarn aber wenig Freude haben ...

Babbel: (lacht) Das wird kein Problem sein, denn am liebsten drehe ich die Musik im Auto so richtig laut auf. Oder gehe an Konzerte. Ich werde zum Beispiel nie vergessen, wie ich Black Sabbath mit Ozzy Osbourne live gesehen habe. Oder Prodigy. Ich mag auch Die Fantastischen Vier, obwohl Hip-Hop eigentlich nicht so mein Ding ist. Und natürlich die Toten Hosen. Frontmann Campino und ich sind gute Freunde.

Wie kam es denn dazu?

Babbel: Er ist halber Engländer und grosser Liverpool-Fan. So haben wir uns kennen gelernt. Durch mich kriegt er ­einen Einblick ins Fussball-Business und ich durch ihn in das faszinierende Musik-Business.

Obwohl es ein Lied gibt, in dem er singt, dass er nie zum FC Bayern gehen würde?

Babbel: Er ist halt Fan von Fortuna Düsseldorf. Doch als wir 2000 Meister wurden, haben die Toten Hosen uns mit einer Flugzeug-Botschaft gratuliert.

In den Konzerten mischen Sie sich dann unter das Volk?

Babbel: Campino schaut, dass ich immer einen Platz in der Nähe der Technik erhalte, denn da ist die Akustik am besten. Aber ja, an anderen Konzerten stehe ich mitten im Publikum. Da werde ich zwar ab und zu erkannt, aber immer mit einem Lächeln gegrüsst und ab und zu um ein Foto gebeten. Rocker sehen zwar böse aus, die meisten sind aber ganz nett. (lacht)

2001
Babbel gewinnt mit Liverpool den Uefa-Cup (hier im Halbfinal gegen den FC Barcelona). (Bild: Keystone)

2001 Babbel gewinnt mit Liverpool den Uefa-Cup (hier im Halbfinal gegen den FC Barcelona). (Bild: Keystone)

2001
Im Herbst fesselt Markus Babbel eine Nervenentzündung an den Rollstuhl. Es folgt eine lange Reha in Bayern. (Bild: EPA PHOTO DPA/PETER KNEFFEL)

2001 Im Herbst fesselt Markus Babbel eine Nervenentzündung an den Rollstuhl. Es folgt eine lange Reha in Bayern. (Bild: EPA PHOTO DPA/PETER KNEFFEL)