FUSSBALL: Begegnung mit einem Besessenen

Mit starker Hand und Entschlossenheit hat Carlos Bernegger (44) den FCL in ruhige Gewässer geführt. Der smarte Fussballlehrer ist für den Klub immer mehr auch ein Glücksfall. Ein Porträt.

Nicola Berger
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Carlos Bernegger hat sich beim FC Luzern innert kurzer Zeit einen guten Ruf erarbeitet. (Bild Philipp Schmidli)

Carlos Bernegger hat sich beim FC Luzern innert kurzer Zeit einen guten Ruf erarbeitet. (Bild Philipp Schmidli)

22 Jahre lebt Carlos Bernegger inzwischen in der Schweiz, sein Deutsch ist nahezu perfekt, aber der Begriff «Gleichgültigkeit» scheint in seinem Wortschatz zu fehlen, anders ist sein Wesen nicht zu erklären. Man beobachtet den Argentinier an der Seitenlinie. Wild gestikulierend, emotional, leidend. Man sieht Bernegger im Training. Er ist: akribisch, unerbittlich, fordernd. Man erlebt den Coach im persönlichen Gespräch. Er ist: aufmerksam, wach, herausfordernd.

Und für den FC Luzern immer mehr auch: ein Glücksfall. Beim FCL gibt es ja eine Tradition von Blendern und Sonnenkönigen, und vielleicht kommt Bernegger in der Zentralschweiz gerade darum überall so gut an, weil ihm das Selbstdarstellerische fehlt, er fleissig und bescheiden ist.

Die Eigenschaften hat Bernegger in die Wiege gelegt bekommen, in Bell Ville, 200 Kilometer von Cordoba entfernt, wo Bernegger in den 70er-Jahren als Sohn einer Klavierlehrerin und eines Postbeamten aufwuchs. Früh faszinierte ihn der Fussball. Oft schaute er sich mit seinem Bruder Spiele im TV an, kritzelte ganze Notizblöcke mit Beobachtungen voll – und verglich seine Analysen am nächsten Tag mit jenen der Zeitungen.

In der Zeit von Menotti und Videla

Es war die Zeit von César Luis Menottis goldener Generation um Mario Kempes, aber eben auch der Diktatur von Jorge Videlas Militärjunta. Die Wirtschaft war schwach, die Mittel knapp, und so gaben Berneggers Eltern dem Sohn mit auf den Weg: Der einzige Weg zum Erfolg führt über harte Arbeit.

Dieses Mantra hat Bernegger bis heute verinnerlicht. Er ist ein fordernder, unnachgiebiger Trainer, intern aber beliebt, weil er über den Spielfeldrand hinausschaut und neben der Taktik fürs nächste Spiel auch bestrebt ist, andere Werte zu vermitteln. Beispielsweise disziplinierte er schon Spieler, weil es ihm missfiel, dass sie ihren persönlichen Luxus zur Schau stellten. Bernegger sagt: «Es ist ein Privileg, Profi-Fussballer zu sein. Andere müssen härter arbeiten und verdienen weniger. Man muss keine Schuhe für 500 Franken kaufen, ein Paar für 50 Franken tut es doch auch.»

Ausgezeichneter Ruf bei Spielern

Vor seinem Wechsel nach Luzern im letzten April arbeitete Bernegger lange als Nachwuchscoach. Angebote hatte es immer gegeben, aus Thun etwa, aber Bernegger zögerte stets, er fühlte sich nicht bereit. Dass er sich ausgerechnet den FCL mit seinem unruhigen Umfeld als erstes Versuchslabor im Profifussball aussuchte, erstaunte. Nach fast zehn Monaten Amtszeit lässt sich jedoch sagen: Die Anstellung hat sich für beide Seiten gelohnt.

In der Vorrunde führte Bernegger den FCL auf Platz 2 und hat sich innert kurzer Zeit einen Namen gemacht – als Ausbildner und gewiefter Taktiker, als fähiger Fussballlehrer. Ein einflussreicher Spielervermittler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, sagt: «Bernegger geniesst unter den Spielern einen sehr guten Ruf. Er ist Luzerns grösster Trumpf auf dem Transfermarkt.»

Für den FCL ist das ein Segen, denn beim Buhlen um Verstärkungen fehlen dem Klub oft die Argumente. Das Geld fliesst anderswo in raueren Mengen, weshalb Blau-Weiss die Verwandlung vom Mittelfeld- zum Spitzenklub Mühe bereitet.

Bernegger macht viele Dinge richtig in diesen Tagen, es gibt in und um den FCL kaum jemand, der ein schlechtes Wort über ihn verliert.

Wie lange lodert das Feuer?

Wer sich mit dem Fussballlehrer auseinandersetzt, muss sich indes unweigerlich fragen: Wie lange kann er so weiter machen? Mit dieser landesweit unerreichten Authentizität, bei der man als Spieler wie als Journalist jederzeit mit einem Ausbruch rechnen muss, weil er sich so viele Gedanken macht und jede Bemerkung oder Handlung sein südländisches Temperament in Fahrt bringen kann? Kann er auf Dauer so detailversessen sein, sich für alles im Klub aufrichtig interessieren und jeden Tag als leuchtendes Beispiel vorausgehen? Oder muss man den Gaucho irgendwann vor sich selber schützen, weil das in ihm lodernde Feuer sonst irgendwann wegen Überreizungen erlischt? Bernegger hat sich die Frage auch schon gestellt, er antwortet: «Ich weiss nicht, ob die Energie ewig halten wird, aber ich kann darauf keine Rücksicht nehmen. Der Fussball ist ein schnelllebiges Geschäft und ich will für jeden Verein jeden Tag das Beste erreichen.»

Träumen von der Arbeit beim FCL

Die Diskussion ist wohl müssig, denn Bernegger kann nicht anders, er ist ein im positiven Sinn Besessener, und sein Schicksal ist es, dass er ausgerechnet im nie vollkommenen Spiel des Fussballs nach Perfektion strebt. Das geht so weit, dass ihn die Arbeit in Luzern bis in seine Träume verfolgt. Er gesteht: «Es kommt immer wieder vor, dass ich von Aufstellungen oder Spielsituationen träume. Ich träume, esse und trinke den FCL.»

Und wann schaltet er ab? Kann er das überhaupt? Bernegger verzieht etwas das Gesicht und sagt: «Es fällt mir schwer. Wenn ich zum Beispiel ein Buch lese, handelt es oft von Psychologie, und dann muss ich automatisch an meine Mannschaft denken.»

Am kommenden Sonntag (13.45) startet der FCL in der Swissporarena gegen GC in die Rückrunde. Carlos Bernegger freut sich darauf, dass es wieder losgeht. Er sagt, er habe da ein paar Ideen.