FUSSBALL: Bernegger kann heute nur gewinnen

Er hat Schweizer Grosseltern, ist in Argentinien aufgewachsen und verdient in Luzern seinen Lebensunterhalt mit seiner grossen Leidenschaft. FCL-Trainer Carlos Bernegger ist in beiden Ländern daheim. Den heutigen WM-Achtelfinal will er einfach nur geniessen.

Jonas von Flüe
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Carlos Bernegger besitzt sowohl den schweizerischen wie auch den argentinischen Pass. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Carlos Bernegger besitzt sowohl den schweizerischen wie auch den argentinischen Pass. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Seine Augen glänzen. Aus einer düsteren Miene wird urplötzlich ein strahlendes Lachen. Carlos Bernegger spricht über Fussball, über die Begeisterung in seiner Heimat. «In Argentinien wird Fussball gelebt und geträumt. Jeder ist Fussballliebhaber. Während 24 Stunden wird nur darüber gesprochen, jede Zeitung berichtet gross über die Spiele – und zwar während des ganzen Jahres.» Der FCL-Trainer erzählt vom Superclásico, dem Duell zwischen den zwei grossen Vereinen von Buenos Aires – Boca Juniors und River Plate. Er schwärmt von der Stimmung im «Bombonera», dem Heimstadion der Boca Juniors. «Wenn ‹La Doce›, der zwölfte Mann, loslegt, vibriert das ganze Stadion. Das musst du unbedingt mal erlebt haben», sagt der Fan von River Plate.

Grenzenlose Leidenschaft

Die grenzenlose Leidenschaft für den Fussball hat Bernegger auch nach 23 Jahren in der Schweiz nicht verloren. Kein Schweizer Trainer jubelt so schön über einen Sieg seiner Mannschaft, keiner gestikuliert an der Seitenlinie so wild. «Die Identifikation mit allem, was man tut, ist typisch argentinisch. Ein Ziel wird mit aller Vehemenz verfolgt», sagt der 45-Jährige, der wegen seiner breiten Palette an Emotionen auch schon als «Vulkan» bezeichnet worden ist. Dieses leidenschaftliche Vorgehen zeichnet auch ihn, den argentinisch-schweizerischen Doppelbürger, aus.

Wunderschöne Kindheit

Vor dem Zweiten Weltkrieg sind Bern­eggers Grosseltern nach Argentinien ausgewandert, 1991 kehrte er, der lange nichts von seinen Schweizer Wurzeln gewusst hatte, als Spieler des FC Winterthur in die Heimat seiner Vorfahren zurück (siehe Box).

Wörter wie «Heimat» und «Zuhause» regen ihn zum Nachdenken an. Wo fühlt er sich zu Hause? Wo ist seine Heimat? «Ich hatte in Argentinien eine wunderschöne Kindheit, meine Idole waren die Weltmeister von 1978. Diese Mannschaft hat mich geprägt. Ich wollte wie Mario Kempes werden, habe ihn versucht zu imitieren.» Doch seine beiden Kinder, die in Luzern zur Schule gehen, wachsen heute in einer ganz anderen Zeit, auf einem anderen Kontinent auf. Als Vater sei er verantwortlich, dass sie gut erzogen werden und sich hier wohl fühlen. «Ich muss ihnen hier ein Zuhause-Gefühl vermitteln, auch wenn ich in ganz anderen Verhältnissen aufgewachsen bin», erklärt er.

In Berneggers Brust schlagen zwei Herzen. Ausgerechnet Argentinien und die Schweiz treffen heute (18.00/SRF 2) aufeinander. Bernegger hat sich schon lange mit dem Gedanken befasst, dass sich die beiden Länder, von denen er Bürger ist, im WM-Achtelfinal gegenüberstehen würden. Er hat gegen neun argentinische Freunde gewettet, dass die Schweiz die Gruppenphase übersteht. «Sie haben Ecuador stärker eingeschätzt, aber ich habe mir dieses Spiel gewünscht», sagt er, denn «was gibt es für die Schweiz Schöneres als ein Duell mit dem grossen Argentinien in einem WM-Achtelfinal? Die ganze Welt wird zuschauen.» Jeder Spieler könne sich im grossen Rampenlicht präsentieren und beste Werbung für sich machen.

Weder Freud noch Leid

Natürlich wird er in diesen Tagen oft gefragt, für welches Team denn sein Herz in diesem Spiel schlage – für das Land, in dem er eine glückliche Kindheit verbracht hat und das er jährlich besucht, oder für jene Nation, die ihm «die Möglichkeit bietet, von meiner grossen Leidenschaft, dem Fussball, zu leben»? Am Balkongeländer der Familie Bernegger hängen beide Flaggen – die argentinische und die schweizerische. Der 45-Jährige will das Dilemma, in dem er und seine Familie heute stecken, gar nicht erst an sich heranlassen. «Ich versuche, das Spiel als Geniesser zu verfolgen. Ich will weder Freude noch Leid verspüren, sondern einfach ein spannendes Spiel sehen», sagt er – eine diplomatisch schweizerische Aussage.

Bernegger weiss aus eigener Erfahrung, was ein Weltmeistertitel für ein Land wie Argentinien bedeuten kann. «Während der WM fühlen sich in Argentinien 40 Millionen Menschen als Nationaltrainer, die jeden Tag über die Taktik und die Aufstellung diskutieren», erzählt er. Ihnen allen würde er eine erfolgreiche «Albiceleste», wie die Nationalmannschaft genannt wird, von Herzen gönnen.

Aber als Ausbildner hat Bernegger eben auch etliche Spieler, die heute in der Schweizer Startformation stehen, begleiten dürfen. Stephan Lichtsteiner und Diego Benaglio hat er in der U 18 der Grasshoppers trainiert, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri durfte er in Basel in seinem Kader haben. «Zu ihnen allen habe ich eine erzieherische Verbindung. Ich weiss, wie viel jeder Einzelne in seine Karriere investiert hat und wie viel die WM bedeutet.» Auch seinen ehemaligen Schützlingen gönnt er eine erfolgreiche Weltmeisterschaft. Ganz ohne Dilemma kommt er halt doch nicht aus.

Wenn heute in São Paulo der Anpfiff ertönt, rechnet die ganze Welt mit einem deutlichen Sieg der Argentinier, die alle vier Jahre zu den Top-Favoriten auf den Weltmeistertitel zählen. Doch Carlos Bernegger, der beide Mannschaften über Jahre verfolgt hat, meint, dass die Schweizer durchaus eine Chance haben, in die Viertelfinals einzuziehen. «Bei den Argentiniern gibt es einen Bruch zwischen der Offensive und der Defensive. Die Superstars arbeiten nicht für die Verteidigung. Die Schweiz hingegen tritt als eine Einheit auf», sagt er. An einem perfekten Tag und mit einem frechen Spiel, ist er überzeugt, könne die Schweiz den Argentiniern ein Bein stellen.

Enormer Druck auf Messi

Auf dem Fussballplatz sei es wie im Alltag: «Die Schweizer sind gut organisiert, die Argentinier improvisieren lieber.» Auf den Südamerikanern, vor allem auf Superstar Messi, lastet ein enormer Druck.

Was passiert, wenn das Team an der Schweiz scheitert? «Dann ist im ganzen Land eine Stimmung wie an einer Beerdigung. Es werden Köpfe rollen.»

Und wie würde es dann Carlos Bernegger gehen? «Egal, wie es ausgeht, ich werde mich sicher nicht als Verlierer fühlen.» Eine schöne Ausgangslage.

Schicken Sie uns Ihre Bilder von der WM

Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat in Brasilien die grosse Chance, das Viertelfinale zu erreichen. Die Fans geniessen das Spiel der Spiele gegen Argentinien zu Hause, bei Freunden, in Sportbars, in Public Viewing oder vielleicht sogar vor Ort in der Arena Corinthians in São Paulo. Senden Sie uns Ihre Bilder, wie Sie das Achtelfinale der Schweizer gegen Messi & Co. verfolgen.