FUSSBALL: Bernegger: «Müssen uns daran gewöhnen, auf Sieg zu spielen»

Trainer Carlos Bernegger (45) hat mit Luzern beim 2:1 gegen Zürich den dritten Sieg in Folge gefeiert. Er spricht über Impulsivität, Improvisation und das Ticket zur Europa League.

Interview Daniel Wyrsch
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Er beschreibt sich selber als Trainer, der «hungrig nach Erfolg und ein bisschen verrückt» ist: Luzerns Carlos Bernegger. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Er beschreibt sich selber als Trainer, der «hungrig nach Erfolg und ein bisschen verrückt» ist: Luzerns Carlos Bernegger. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Carlos Bernegger, Ihre Mannschaft hat in Zürich beim Cupsieger FCZ ab der 30. Minute mit schnellem Aufbauspiel das Spieldiktat übernommen und schliesslich aus einem 0:1-Rückstand einen 2:1-Sieg gemacht. Waren Sie selber beeindruckt vom FCL?

Carlos Bernegger: Wir müssen uns daran gewöhnen, auf Sieg zu spielen. Diese Winnermentalität braucht es. Wenn dann ein Gegner trotzdem besser ist, müssen wir es akzeptieren. Falls wir uns daran gewöhnen, auf diese Art und Weise zu spielen, wird es schwieriger für unsere Gegner. Siegen wir, spielen wir immer strategisch sehr gut, stehen kompakt, machen mit läuferischem Engagement dem Gegner die Wege zu und verteidigen mit Opferbereitschaft. Agieren wir hinten vehement und nützen vorne die Chancen, dann sind wir ein unangenehmer Gegner.

War die Leistungssteigerung gegen Zürich für Sie aussergewöhnlich?

Bernegger: In dieser Phase war das nicht selbstverständlich. Schon in Aarau waren wir mit 0:1 im Rückstand gelegen, am Samstag in Zürich wieder. Zweimal hintereinander haben wir jetzt die Spiele gewendet. Natürlich müssten die Rückstände nicht sein. Wir müssen die richtige Mischung finden, gegen den FCZ standen wir lange zu hoch und mit Abstand zu den Offensivleuten. Prompt kam das Gegentor, und wir verloren die Kontrolle, bis wir unser Verhalten korrigierten, mehr Stabilität ins Spiel brachten und Stück um Stück besser wurden. Hätte Zürich vorher eine seiner drei Torchancen genutzt, hätte der Match einen anderen Verlauf genommen. Aber es ist schon so: Mir hat es unheimlich gefallen, wie im Verlauf der Partie jeder unserer Spieler seine Verantwortung übernommen hat.

Es fällt auf, dass der FCL mit nur 6 Unentschieden, dafür 14 Siegen und 11 Niederlagen zu Buche steht.

Bernegger: Es ist so, wir unternehmen etwas – und ich will nicht auf Unentschieden spielen. Wir haben uns nie versteckt, spielen offensiven Fussball trotz unserer Mängel. Wenn ich sehe, wie viele Unentschieden Basel schon hat, dann ist das krass. So viele Remis würden realistischerweise mehr zum FCL passen, weil wir eine Mannschaft aus dem Mittelfeld der Tabelle sind. Ich finde, es spricht für uns, dass wir ein gewisses Risiko eingehen.

Drei aufeinanderfolgende Siege bringen neun Punkte, welche die Situation in kurzer Zeit verbessert haben.

Bernegger: Ich habe viel mehr Lust, wenn die Mannschaft angreift, nach vorne Druck entwickelt, um Siege und Punkte spielt. Aber ich will kein Scharlatan oder Hasardeur sein. Ich erinnere mich, Sie sagten mir im Herbst nach dem 1:4 in St. Gallen, dass wir mit mehr Realismus spielen sollten. Wir müssen diese andere taktische Ausrichtung ebenfalls in unseren Plan einbeziehen.

Als Luzern mit sieben Niederlagen aus zehn Rückrundenspielen dastand, gab es Stimmen, die Sie als Trainer in Frage stellten. Teilweise sogar aus dem Team. Haben Sie es registriert?

Bernegger: Das spürte ich auf alle Fälle, aber es änderte meine Vorgehensweise nicht, denn ich kenne die Gründe für diese Niederlagen. Die Empfindlichkeiten der Spieler, die schon ein gewisses Alter haben, waren mir bewusst. Das waren harte Momente, die den Gemütszustand einer Mannschaft beeinflussen. Wichtig ist, die richtige Balance zu finden zwischen Autorität und dem richtigen Ton, wie man zum Team spricht.

Stimmt es, dass Sie wegen Ihres Tons von Spielern kritisiert worden sind?

Bernegger: Es gab einige Situationen, in denen Spieler Mühe mit meinem Stil hatten. Mit mir ist ein junger, hungriger Trainer zum FCL gekommen, der ein bisschen verrückt ist und Ziele hat. Wenn ich einen Profi konkret anspreche, kann es manchmal vorkommen, dass ich ihn verbal zu direkt anfasse. Ich habe diese südamerikanische Mentalität, die lautet: Du bist als Trainer alles und nichts. Es braucht ein Gleichgewicht, weil du als Trainer auf die Spieler angewiesen bist.

Also mussten Sie Ihr Temperament zügeln und sich anpassen.

Bernegger: Ich habe mich hier nicht verändert. Vor über zehn Jahren bei den Grasshoppers aber schon. Die Zeit mit dem damaligen GC-Trainer Marcel Koller hat mich extrem geprägt. Damals war ich viel impulsiver gewesen. Ich bin und bleibe authentisch. Dass andere sich kritisch über den Trainer äussern, kommt immer vor. Aber natürlich muss man in dem Moment des grossen Drucks die nötige Belastbarkeit haben, auch mal ruhig bleiben können, damit nicht etwas kaputtgeht.

Ein stets ruhiger, ausgeglichener Carlos Bernegger ist aber unvorstellbar.

Bernegger: Nein, ich will nicht still bleiben. Es gehört dazu, dass alle Ressourcen gebraucht werden. Nicht zu viel Uni, nicht zu viel Strasse.

Wie meinen Sie das?

Bernegger: Uni steht für Theorie, Konzept und Organisation, Strasse für Improvisation. Fussball ist Improvisation, doch eine Mannschaft braucht auch einen Plan. Für den Erfolg braucht es beides zusammen.

Was braucht der FCL noch, dass er im Sommer bei der Qualifikation für die Europa League mitspielen kann?

Bernegger: Nach den Partien gegen Sion und Basel können wir uns darüber Gedanken machen, dann sind noch drei Runden zu spielen. Wir haben erst noch hartes Brot gegessen, da müssen wir jetzt nicht in Euphorie verfallen. Unser Team muss individuell und als Mannschaft unheimlich viel investieren. Gegen Sion wird es am Samstag zu Hause sehr heiss, weil die Walliser definitiv den Klassenerhalt sichern wollen. Ich zähle auf unser Publikum, hoffe auf eine grossartige Unterstützung wie vor einem Jahr, als wir uns mitunter dank der Fans vor dem Abstieg gerettet haben. Dieses Wir-Gefühl können wir gemeinsam mit den Anhängern wieder hinkriegen.