FUSSBALL: Carlos Bernegger müsste sich bei diesem Jordanier vorstellen

Luzerns Trainer Carlos Bernegger (45) überlegt intensiv, ob er zu 1860 München wechseln will. Dort hat Investor Hasan Ismaik (37) seit drei Jahren das Sagen. Und: 1860 heisst auch «Chaosklub».

Daniel Wyrsch
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Hasan Ismaik (links) in der Allianz-Arena in München. (Bild: Keystone)

Hasan Ismaik (links) in der Allianz-Arena in München. (Bild: Keystone)

Hasan Ismaik (37) ist ein jordanischer Geschäftsmann und Sportinvestor mit Wohnsitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). 2011 ist er bei dem damals vor einer Insolvenz stehenden TSV 1860 München eingestiegen. Für umgerechnet rund 22 Millionen Franken erhielt er 60 Prozent der Aktien. Weil im deutschen Fussball die 50+1-Regel gilt, hält er als Ausländer trotzdem nur 49 Prozent der Stimmrechte. Allerdings dürfte es der Deutschen Fussballliga (DFL) schwerfallen, zu kontrollieren und zu verhindern, dass faktisch doch Ismaik den Münchner Traditionsverein als eigentlicher Mehrheitsaktionär führt. Umso mehr, als kein anderer Klub der höchsten zwei Spielklassen von einem ausländischen Investor geführt wird.

Der Statthalter von Ismaik bei den Sechzigern ist Hamadi Iraki. Heute ist Ismaiks Cousin und Vertrauter viel näher bei der Vereinsleitung der «Löwen» als unter dem vorherigen Präsidenten Dieter Schneider (66). Dieser hatte Ende März 2013 entnervt und unter gesundheitlichen Problemen leidend das Handtuch geworfen.

Eine Entlassungswelle

Seit Schneiders Nachfolger Gerhard Mayrhofer (52) am 14. Juli 2013 ins Amt gewählt worden ist, hat bei den Sechzigern eine Entlassungswelle von Führungskräften eingesetzt. In knapp zehn Monaten mussten ein Geschäftsführer, zwei Trainer und ein Sportdirektor den Klub vorzeitig verlassen. Hintergrund: Besitzer Ismaik will Erfolg haben und stolz sein können auf die «Löwen», die 1966 deutscher Meister geworden waren (mit dem letztes Jahr verstorbenen Timo Konietzka im Sturm). Salopp ausgedrückt heisst das Motto des Jordaniers sinngemäss: «Wenn schon Geld verbrennen, dann muss es Spass machen.» Die Resultate haben ihm lange keine Freude bereitet, statt des geforderten Aufstiegs in die Bundesliga hat 1860 in den Jahren unter Ismaik in der 2. Bundesliga nur die Plätze 9, 6, 6 belegt und steht nun eine Runde vor Schluss der laufenden Saison auf Rang 7 (siehe Grafik unten rechts).

Nur die Bundesliga zählt

Der Verein ist allerdings in der Stadt München nach wie vor beliebter als der grosse FC Bayern München, mit dem die Sechziger seit 2005 die unbeliebte Allianz-Arena teilen müssen. Auch der nach 21 Jahren abtretende sozialdemokratische Oberbürgermeister Christian Ude (66) spricht von seiner «nach wie vor leidenschaftlichen Liebe zu den ‹Löwen›». Seit zehn Jahren möchten die «Blauen» nun schon zurück zu den «Roten» (Bayern) in die Bundesliga. Der «sehr nervöse Verein, der immer wieder durch Streit in der Führung blockiert wird», wie «Abendzeitung»-Sportreporter Filippo Cataldo die Verhältnisse beschreibt, wird in München auch als «unser Chaosklub» beschimpft.

Seit drei Jahren sind die Sechziger abhängig davon, wie viel Geld ihnen Ismaik überweist. Zum Glück für 1860 ist der Investor inzwischen CEO der Arabtec, der grössten Baufirma am Persischen Golf. Die Firma führt praktisch alle Bauprojekte in Abu Dhabi. Also verdient Ismaik, der dank seiner Funktion mit der Königsfamilie der VAE verbandelt ist, noch viel mehr Millionen als früher.

Gut zu wissen für Luzerns Trainer Carlos Bernegger (45) ist, falls er auf das verlockende Angebot aus München eingeht, dass Ismaik seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommt. Auf jeden Fall ist bisher das versprochene Geld immer auf die Konten der Sechziger überwiesen worden, auch wenn oft erst am letzten Tag, wie es heisst.

Pflichtvorstellung in Abu Dhabi

Seit Januar ist Markus Rejek Geschäftsführer von 1860. Zuvor arbeitete er für Borussia Dortmund als Leiter der Marketingabteilung. Vor knapp fünf Wochen ist der frühere Profi Gerhard Poschner (44, ehemals Stuttgart, Dortmund und 1860) zum neuen Sportdirektor ernannt worden. Bevor er sein Amt angetreten hat, musste er sechseinhalb Stunden nach Abu Dhabi fliegen, um sich bei Ismaik vorzustellen. Es ist nicht so, dass der Investor den Daumen rauf oder runter macht und damit wie einst Julius Cäsar über Sein oder Nichtsein eines Kandidaten entscheidet, aber der Besitzer möchte wissen, wer als leitender Angestellter auf seiner Lohnliste steht. Bernegger muss wissen, sollte er den Münchnern zusagen, dass er nach dem Saisonende in der Super League sicher einen Flug nach Abu Dhabi und zurück auf dem Pflichtprogramm haben wird. Zwischen 30 und 120 Minuten soll diese Visite im Büro von Ismaik dauern.

Poschners Wahl

FCL-Trainer Bernegger könnte plötzlich eine Hauptrolle spielen in «1001 Nacht». Er darf damit rechnen, dass er bei einer Annahme des Angebots statt geschätzte 300 000 Franken wie in Luzern das Doppelte in Bayerns Landeshauptstadt verdienen würde. Verdanken müsste er diese einmalige Gelegenheit, als namenloser Trainer im Ausland, Sportchef Poschner. Schon im Januar im Trainingslager in Marbella (Sp) ist Bernegger von Vereinsscouts beobachtet worden. Doch warum will Poschner einen unbekannten Fussballlehrer aus der Schweiz in die 2. Bundesliga holen? Neben seiner offensiv ausgerichteten Spielweise sind es die Sprachen Deutsch und Spanisch (für neue junge Spieler aus Spanien), die Leidenschaft sowie Autorität von Bernegger, welche die Verantwortlichen – und Fans – faszinieren. «Bernegger würde die Sehnsucht der Anhänger nach dem früheren ‹Löwen›-Dompteur Werner Lorant stillen. Die Sechziger mögen Leute mit Temperamentsausbrüchen», sagt Cataldo von der «Abendzeitung».

Bernegger entscheidet sich bald

1860-Sportchef Poschner teilte dem Münchner «Merkur» gestern mit: «Diese Woche wird es keine Entscheidung mehr geben.» Und am frühen Abend meldete sich Carlos Bernegger auf unsere Anfrage. Er sei mit der Familie an einem schönen Platz mit Blick auf den Vierwaldstättersee und die Berge gewesen. «Ich bin mittendrin im Entscheidungsprozess, brauche sicher noch eine Nacht und genug Ruhe, um alles zu überlegen.» Er wolle nicht allzu lange warten in dieser Situation, sagte der Schweiz-Argentinier. Dank dem «Entlebucher Kopf» seiner Vorfahren könne er unaufgeregt abwägen.