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FUSSBALL: Dave Zibung - der Standhafte

Torhüter David Zibung hat mit dem FCL 385 Meisterschaftsspiele absolviert. Vor der 13. Saison spricht er über seine neue Vaterrolle, über Clubtreue, Glück und Krisen - und wie man wieder aus ihnen herausfindet.
Interview Hans Graber
Immer schön über Wasser bleiben, auch in der am nächsten Samstag beginnenden Saison: FCL-Goalie Dave Zibung im ehemaligen Schiessgelände auf der Luzerner Allmend. (Bild Pius Amrein)

Immer schön über Wasser bleiben, auch in der am nächsten Samstag beginnenden Saison: FCL-Goalie Dave Zibung im ehemaligen Schiessgelände auf der Luzerner Allmend. (Bild Pius Amrein)

Interview Hans Graber

Dave Zibung, wir sind hier im Ristorante Accademia auf der Luzerner Allmend, ein paar Tische entfernt sitzen Ihre Lebenspartnerin und Ihr Töchterchen Jamila. Sind sie jetzt immer dabei, wenn Sie unterwegs sind.

Dave Zibung: Nein, das ist Zufall, wir haben heute trainingsfrei und nutzen das fürs Zusammensein, auch zum gemeinsamen Mittagessen. Aber in der Regel sind Arbeitsplatz und Privatwelt getrennt.

Sie sind seit 26. März Vater. Beteiligen Sie sich an den Aufgaben, die ein Baby mit sich bringt?

Zibung: Sicher! Ich kann ohne Probleme allein einen Tag zur Kleinen schauen. Im Wickeln bin ich sackstark, auch Schöppelen ist kein Problem. Breili nimmt Jamila noch keine, ich habe mir sagen lassen, dass das eine etwas kniffligere Phase geben könnte, aber ich werde mich auch dieser Aufgabe mutig stellen. (lacht)

Wie ist es mit Schlafen?

Zibung: Wir haben das Glück, dass Jamila seit der dritten Woche praktisch durchschläft, jedenfalls bis 5 Uhr. Dann verziehe ich mich ins Gästezimmer, weil Schlaf für mich extrem wichtig ist, im Hinblick aufs Training und die Spiele. Deshalb übernimmt diesen Part fast ausschliesslich meine Partnerin. Das haben wir bereits bei der Babyplanung so vereinbart. Solange meine Karriere läuft, ist es nicht gut möglich, dass ich nachts aufstehe und zum Kind schaue. Der Körper muss erholt sein, um als Spitzensportler Leistung zeigen zu können.

Wie viel Schlaf brauchen Sie denn?

Zibung: Wenn es acht Stunden sind, ist es gut, neun sind überragend.

Können Sie gut schlafen?

Zibung: Ja – ausser nach Spielen. Da ist der Adrenalinspiegel zu hoch, egal, ob Sieg oder Niederlage, egal, ob gute oder schlechte Leistung. Nach Spielen habe ich immer die kürzesten Nächte.

Sie steigen mit der ersten Mannschaft des FC Luzern in die 13. Saison. Sind Sie abergläubisch?

Zibung: Nein, überhaupt nicht. Ich habe auch keine Rituale vor Spielen. Kann sein, dass ich zuerst den linken Handschuh anziehe und dann den rechten, aber das mache ich eher unbewusst, und ich gerate auch nicht in Panik, wenn alles mal ganz anders ist. Ich konzentriere mich auf meine Leistung.

Sie stecken noch mitten in der diesmal auch temperaturmässig sehr heissen Vorbereitungsphase. Müssen Goalies da eigentlich alles mitmachen und bei Glutofenhitze Runden drehen?

Zibung: Streng ist die Vorbereitungsphase immer, nicht nur bei 35 Grad im Sommer oder minus 10 im Winter. Wir Torhüter haben aber ein anderes Programm als Feldspieler. Es macht keinen Sinn, extrem Kondition zu trainieren, wir müssen nicht 12 oder noch mehr Kilometer laufen während eines Spiels.

Wie viele denn ungefähr?

Zibung: Ich habs gerade gestern mit GPS gemessen, im Freundschaftsspiel gegen Winterthur: Es waren 5 Kilometer, manchmal sind es vielleicht etwas mehr, aber kein Vergleich mit Feldspielern. Andererseits sind wir mehr im Kraftraum, und weil wir laufend nach Bällen hechten, müssen wir immer und immer wieder vom Boden aufstehen. Kurzum: Wir Goalies sagen nicht von ungefähr, dass wir es strenger haben. (lacht)

Waren Sie eigentlich immer Goalie?

Zibung: Nein, in meiner ersten Zeit beim FCL, als ich 13, 14 Jahre alt war und in die damalige Migros-Fussballschule kam, wurde ich als Stürmer eingesetzt. Erst als sich mal der Goalie verletzte, ging ich ins Tor und hatte Spass daran. Ich spielte auch bei Hergiswil im Tor, wechselte mit 15 als Goalie zum FCL und kam mit 18 dort in die erste Mannschaft.

Hätten Sie auch als Stürmer Karriere gemacht?

Zibung: Nein, das hätte nicht gereicht. Ich habe dem auch nie nachgetrauert. Natürlich schoss ich gerne Tore, aber noch besser gefiel mir, Tore zu verhindern.

Man kann ja auch beides. Einige Torhüter haben schon ganz spektakuläre und wichtige Tore geschossen.

Zibung: Ich auch! (lacht) In meiner ersten Saison beim FCL 2003/04 versenkte ich im letzten Match gegen La Chaux-de-Fonds beim Stand von 4:0 für uns einen Penalty.

13 Jahre beim selben Verein – das ist heute sehr ungewöhnlich. Sind Sie eine derart treue Seele, oder hat es mit einem Wechsel nicht geklappt?

Zibung: Wenn ich wirklich eine gute Möglichkeit für einen Wechsel zu einem renommierten Club gehabt hätte mit der Aussicht, dort die Nummer 1 zu werden, hätte ich diese Chance wohl gepackt. Aber es hat sich nicht ergeben. Ein Wechsel nur um des Wechsels willen kam nicht in Frage, ebenso wenig ein Wechsel in ein fremdes Land in eine völlig fremde Kultur, nur um dort etwas mehr Geld zu verdienen.

Sind Sie gefrustet, dass es nicht auf die grosse internationale Bühne gereicht hat?

Zibung: Gefrustet ist das falsche Wort. Natürlich macht man sich manchmal Gedanken, ob man dies oder jenes anders hätte machen sollen. Andererseits weiss ich auch, was ich an Luzern habe. Ich bin dem FCL ewig dankbar, dass ich Profifussballer werden konnte, dass ich die Nummer 1 im Tor werden konnte, dass ich jahrelang die Nummer 1 blieb. Das ist ein Privileg. Und für mich ist auch klar: Wenn ich einen Vertrag unterschreibe (Anm. d. Red.: Der aktuelle läuft noch bis 2016), bin ich für die Dauer dieses Vertrags zu 100 Prozent bei diesem Verein. Basta. Ich schaue mich nicht parallel nach anderen Vereinen um.

Werden Sie Ihre Karriere beim FC Luzern beenden?

Zibung: Ich glaube, ja, wenn nicht alles schiefläuft.

Letzte Saison ist für Sie einiges schiefgelaufen, eine Zeit lang im Herbst waren Sie in Ungnade gefallen, bei Fans wie bei den Medien, auch bei unserer Zeitung. Hat das wehgetan?

Zibung: Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, wie das Business läuft. Man hat nicht immer die besten Phasen, und Kritik gehört nun mal dazu. Auch Selbstkritik ist für mich wichtig. Ja, mir sind Fehler passiert, und weil ich kein guter Rückhalt mehr war für meine Mannschaft, konnte ich nachvollziehen, dass man es mit einem anderen Torhüter versucht hat. Ich habe nicht mehr das gebracht, was ich bringen kann und bringen muss. Ich verstand auch die Unzufriedenheit der Fans und kritische Worte in den Medien.

Aber einfach so nimmt man das doch nicht hin.

Zibung: Angenehm war das sicher nicht, ganz im Gegenteil, und ich bin in solchen Zeiten froh um den familiären Rückhalt und die moralische Unterstützung von Kollegen …

… Fussballerkollegen …?

Zibung: Nein, meine besten Kollegen sind bis auf eine Ausnahme nicht mit dem Fussball verbandelt. Das ist auch gut so. Mit Leuten, die selber nicht mittendrin sind, kann man eher ganz offen über seine Gefühle sprechen. Es war im letzten Herbst auch genau jene Zeit, da ich wusste, dass ich erstmals Vater werden würde. Das tat mir gut und lenkte mich ab. Es gibt nicht nur Fussball.

Aber das ist Ihr Job, und plötzlich auf der Ersatzbank zu sein, nagt doch an einem.

Zibung: Das stimmt. Ich sah ein, dass ich noch mehr investieren und noch mehr trainieren muss, um wieder der Rückhalt zu sein, der ich sein will. Das ist mein Anspruch. Sehr wichtig waren für mich auch Goalietrainer Böbner und die beiden Torhüterkollegen Bucchi und Omlin. Und es sind wirklich Kollegen.

Sie waren schnell wieder die unbestrittene Nummer 1 – auch, weil der junge ­Omlin bei seiner Feuertaufe gegen Basel versagt hat.

Zibung: Er hat nicht versagt.

Er hat ein ganz faules Tor kassiert und einen Penalty verschuldet.

Zibung: Ja, es ist in diesem Match sehr unglücklich gelaufen für Jonas. Und es war natürlich Pech, dass das gleich in seinem allerersten Spiel mit der ersten Mannschaft passierte. Aber Rückschläge und Fehler gehören dazu, sie passieren jedem immer wieder mal, und wenn man sie verarbeiten und wegstecken kann, machen sie einen stärker und besser als Erfolge und Schulterklopfen. Ich wünsche Jonas, dass er es packt. Talent hat er zweifellos.

Hand aufs Herz: Hätten Sie es akzeptiert, nur noch die Nummer 2 zu sein und dauernd auf der Bank Platz nehmen zu müssen?

Zibung: Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Was ich aber weiss: Irgendwann wird es so weit sein, irgendwann wird es heissen, dass man nun nicht mehr auf den alten Zibung setzt, sondern einen Jungen vorzieht. Das ist nun mal der Lauf des Fussballs. Ich selber wurde seinerzeit Hausi Hilfiker vorgezogen, der immerhin Bundesliga- und Nationalmannschaftserfahrung aufweisen konnte. Auch beim FCL wird mal ein anderer kommen. Ich bin nun 31. So lange, wie die Karriere gegangen ist, wird sie nicht mehr dauern, und das Durchschnittsalter der Top-Goalies sinkt laufend.

Und die Jungen haben auch immer mehr Tattoos.

Zibung: Ja, aber da muss ich nicht mithalten. (lacht) Mir reicht das eine, das ich seit 15 Jahren am linken Unterschenkel habe: «Lebe deine Träume».

Mitte letzter Saison sah es für Luzern mehr nach Albtraum aus. Der Abstieg drohte. Danach die die grosse Wende. Gibt es Erklärungen für solche Schwankungen einer nahezu identischen Mannschaft, oder ist das wie vieles im Fussball letztlich rätselhaft?

Zibung: Abwärtsspiralen und Aufwärtsspiralen lassen sich im Sport immer wieder beobachten. Sie haben vor allem zu tun mit Selbstvertrauen und mit Vertrauen in Mitspieler und das ganze Team. Unser Beispiel letzte Saison: Wir haben am Anfang super gespielt, aber verloren, super gespielt, aber nur ein Unentschieden, super gespielt, aber verloren. Da schleichen sich allmählich die Zweifel ein. Zweifel an sich selber, Zweifel an den Mitspielern, Zweifel am Team, Zweifel an allem. Wenn aufgrund dieser Zweifel jeder 10 Prozent weniger Leistung bringt, hat man in dieser sehr kompakten Super League keine Chance. Die Abwärtsspirale dreht sich.

Und wie kommt man wieder raus? Kopf verlüften und ein Bier trinken?

Zibung: Ach, das heisst es jeweils, aber mit einem Bier kann man keinen Kopf verlüften, das müssten 10 sein – und das wäre ja auch nicht sonderlich gut.

Was dann?

Zibung: Es braucht schon einen Break. Bei uns war es die Winterpause. Wir sahen einander drei Wochen nicht. Wir sassen als Letzter unter dem Christbaum. Aber wir wussten auch, und es wurde uns dann täglich eingebläut, dass wir noch 18 Spiele haben, um 4 Punkte aufzuholen. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Dann hiess es Ärmel hochkrempeln, trainieren, arbeiten. Extrem, so intensiv wie noch nie. Wir hatten in der Winterpause eine super Vorbereitung, und im ersten Meisterschaftsspiel glückte uns in der 92. Minute der Ausgleich gegen YB. Das war wie eine Initialzündung. Ab da war vieles anders, das Vertrauen kam wieder.

Und das Glück?

Zibung: Glück braucht man, das ist klar, aber obwohl es auch so ein Spruch ist, bin ich überzeugt, dass man sich das Glück durch seriöses Arbeiten verdienen kann beziehungsweise verdienen muss.

Hat es das Glück nicht an sich, dass es sehr ungerecht verteilt ist?

Zibung: Über zwei, drei Spiele gesehen ja, aber ich glaube nicht, dass eine Mannschaft einfach immer nur Pech hat oder immer nur Glück. Ähnlich ist es mit Schiedsrichterentscheiden. Mal wird man benachteiligt, mal bevorteilt.

Regen Sie sich nicht mehr so auf über Benachteiligungen?

Zibung: Doch – aber nicht mehr so lange wie früher. (lacht) Man wird reifer.

Das scheinen einzelne sogenannte Fans nie zu werden.

Zibung: Zunächst: Der FCL hat sensationelle Fans. Wie die uns auch letzte Saison unterstützt haben – bei Heim- wie bei Auswärtsspielen –, das ist wirklich grossartig, und sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir uns auffangen konnten.

Aber es hat trotzdem ziemlich Durchgeknallte darunter.

Zibung: Einverstanden, aber die gibt es in allen Lebensbereichen. Wenn Sie das meinen: Ja, ich bin gegen Pyros, sie sind ja auch verboten. Gewalttätige Ausschreitungen, die meist ausserhalb der Stadien stattfinden, sind nicht zu tolerieren. Aber ich bin ehrlich gesagt gleichwohl etwas ratlos, wie man den Auswüchsen Herr werden soll. Ein Patentrezept scheint es jedenfalls nicht zu geben. Nirgendwo.

Sie haben Maurer gelernt. Könnten Sie es noch?

Zibung: Ja, ich glaube schon, vermutlich nicht mehr so exakt und so gerade wie früher, aber ich wäre schnell wieder drin.

Eine Option für die Zeit nach dem Fussball?

Zibung: Nein, ich wollte einst Hochbauzeichner werden, aber dieser Zug ist abgefahren.

Welcher wartet noch?

Zibung: Ich weiss es echt noch nicht, es gibt mehrere Optionen. Sicher ist nur, dass ich kein Mannschaftstrainer werde, höchstens Goalietrainer. Es ist aber auch denkbar, dass ich etwas machen werde, das gar nichts mit Fussball zu tun hat.

Welches war die ungewöhnlichste Unterlage, auf die Sie jemals ein Autogramm geschrieben haben?

Zibung: Uh ... ich habe glaub schon auf alles geschrieben, selbst auf blanke Hintern. Aber da ist wenigstens die Fläche gross. Viel mühsamer sind so Sachen wie Pingpong-Bällchen. Die vermeintlich kleinen Aufgaben entpuppen sich manchmal als die schwierigsten. Wie im Fussball.

Nur einer ist treuer

David «Dave» Zibung wurde am 10. Januar 1984 in Hergiswil NW geboren, wo er auch als Fussballjunior spielte. Mit dem Fernziel Hochbauzeichner machte er eine Maurerlehre. Mit 15 ging er zum FC Luzern, mit 18 gelang ihm der Sprung in die erste Mannschaft. Dort wurde er bald die Nummer 1. Er blieb immer beim FCL und ist damit hinter Marco Wölfli von den YB Bern – ebenfalls ein Torhüter – der zweittreuste aller aktuellen Super-League-Spieler. Zibung absolvierte für die 1. Mannschaft des FCL bis heute 385 Meisterschaftsspiele, hinzu kamen Einsätze im Schweizer Cup (leider mit drei verlorenen Finals 2005, 2007, 2012) und in der Qualifikation für die Europa League. Dreimal spielte er in der U-21-Nationalmannschaft. Hobbymässig spielt der 1,87 Meter grosse Dave Zibung Golf («leider zu selten, denn das ist recht zeitaufwendig»). Er wohnt mit Lebenspartnerin Joana («eine Heirat ist nicht ausgeschlossen») und Töchterchen Jamila in Schenkon.

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