FUSSBALL: Die Machtlosigkeit gegenüber Petarden

Im FCL-Heimspiel gegen St. Gallen flogen Petarden vom Gästesektor aufs Feld. Das Dilemma: Mit verschärften Kontrollen würde alles nur schlimmer werden, sagt der Stadionmanager.

Claudio Zanini
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Am vergangenen Sonntag in der Swissporarena beim Spiel Luzern - St. Gallen: Ein Securitymitarbeiter ist daran, die Rauchpetarde vom Spielfeld zu schaffen. (Bild: Philipp Schmidli)

Am vergangenen Sonntag in der Swissporarena beim Spiel Luzern - St. Gallen: Ein Securitymitarbeiter ist daran, die Rauchpetarde vom Spielfeld zu schaffen. (Bild: Philipp Schmidli)

Es passierte kurz nach Spielbeginn. Aus dem Sektor der St. Galler Fans fliegen am vergangenen Sonntag Rauchpetarden auf den Rasen der Swissporarena. Wenig später explodiert ein Böller mit einem lauten Knall.

Von den Sprengkörpern geht grosse Gefahr aus. Dies zeigt der Fall von 2009, als ein Linienrichter auf der Allmend beim Spiel FCL gegen Lugano nach einem Petardenknall schwerwiegend am Gehör verletzt wurde. Auch wenn solche Zwischenfälle im Stadion seither weitestgehend ausblieben und es erst der zweite Böller in der Swissporarena war, stellt sich die Frage, warum es Zuschauern mit Krawall-Vorsatz gelingt, Feuerwerkskörper ins Stadion zu schmuggeln. «Bei 10 000 Personen ist es schlicht unmöglich, sämtliche Matchbesucher, Angestellte und Medienschaffende inbegriffen, wie am Flughafen zu kontrollieren», sagt Stadionmanager Reto Mattmann. Zudem gingen die Täter meist äusserst clever vor – so auch am Sonntag. Bei der Eingangskontrolle zündeten die Ostschweizer Gäste eine erste Petarde.

Während sich der Rauch entwickelte, gelangen Feuerwerkskörper teils ungesehen über den Zaun ins Stadion. Mattmann: «Böller sind einfach zu gefährlich. In letzter Zeit haben wir zwar eine Selbstregulierung festgestellt. Wenn sie jetzt wieder vermehrt auftauchen sollten, wäre das tragisch.»

FCL: Deeskalation statt Repression

Mattmann zeigt auf, in welchem Dilemma sich der FCL befindet. «Wenn die Polizei einschreitet, könnte alles nur noch schlimmer kommen.» Die Strategie lautet deshalb: Deeskalation statt Repression. «Wir wollen die Stimmung nicht unnötig anheizen mit repressiven Kontrollen, aber dennoch mit letzter Konsequenz die Täter eruieren und bestrafen.» Dies dürfte jedoch schwierig werden. Aufgrund des starken Rauchs sind sowohl Petarden- als auch Böllerwerfer auf den Videoaufnahmen versteckt. Zudem versperren Fahnen die Sicht, und «oftmals werden sogar Kleider getauscht, um Verwirrung zu stiften», sagt Mattmann.

Nicht komplett vermeidbar

Unterstützung bei der Tätersuche erhalten die Luzerner von den St. Gallern. Zwei Sicherheitsverantwortliche des FCSG waren selbst mit Kameras im Stadion. «Es ist leider so, dass unsere Fans in Auswärtsspielen deutlich auffälliger sind als im heimischen Stadion», räumt der St. Galler Sicherheitschef Benni Burkart ein. Zuhause in der AFG-Arena herrsche seit geraumer Zeit Ruhe. Dennoch verhängt der FC St. Gallen am meisten Stadionverbote der ganzen Liga. Die St. Galler verfolgen grundsätzlich ein ähnliches Konzept wie die Luzerner. «Einerseits sind wir in regem Austausch mit unseren Fans, veranstalten Diskussionsrunden und Workshops. Andererseits bestrafen wir Pyrotäter rigoros.» So wie es die Liga fordert. Auch Burkart kennt die Tricks, mit welchen Feuerwerkskörper ins Stadion geschmuggelt werden. «Wir können es letztlich nicht komplett vermeiden. Es gibt zu viele Wege.» Der Klub wird mit einer Busse rechnen müssen, die Täter mit Strafanzeigen, Rayon- und Stadionverboten. Der FC St. Gallen würde sich in solchen Fällen vorbehalten, die von der Swiss Football League (SFL) verhängte Busse dem Täter wieder zu verrechnen, sagt Burkart.

Auch der FC Luzern wird als Veranstalter eine Busse im tiefen vierstelligen Bereich aufgebrummt bekommen.

Spielabbruch: Schlechte Idee

Ebenfalls in der Swissporarena anwesend war ein Sicherheitsdelegierter der Swiss Football League (SFL). Sein Bericht über die Vorkommnisse wird er in diesen Tagen dem Disziplinarrichter vorlegen, welcher innerhalb von vier Wochen den Entscheid fällt. Der Disziplinarrichter kann Bussen bis zu 10 000 Franken an Klubs aussprechen oder das Verfahren an die nächste Instanz, die Disziplinarkommission, weiterleiten. «Das ist unser Standardvorgehen in solchen Fällen», sagt Philippe Guggisberg, Kommunikationsverantwortlicher der SFL. Die Inspektoren sind jeweils vor Ort, wenn von Sicherheitsrisiken ausgegangen werden muss, decken aber nicht 100 Prozent der Partien ab. «Ein sofortiger Spielabbruch zu diesem Zeitpunkt, nach einer Minute Spielzeit, wäre keine geeignete Massnahme gewesen», erklärt Guggisberg. «Ein Abbruch hat immer auch Folgen für die Sicherheit im Stadion. So könnte die Stimmung eskalieren, was wiederum zu Panik führen könnte.»

Grundsätzlich liege der Entscheid beim Schiedsrichter. «Als erste Massnahme kann er die Spieler am Mittelkreis versammeln, oder er hat die Möglichkeit, die Teams während eines Unterbruchs in die Kabine zu beordern.» So geschehen beim Spiel Basel - Zürich im August 2015, als aus dem Gästesektor Gegenstände aufs Feld flogen und beinahe Spieler verletzt ­wurden.