FUSSBALL: Die Rückkehr des «Vulkans»

Carlos Bernegger kehrt am Sonntag (16.00) erstmals seit seiner Zeit beim FC Luzern an die Seitenlinie in der Swisspor-Arena zurück. Als Trainer des Schlusslichts GC hat er einen schwierigen Job.

Daniel Wyrsch
Drucken
Teilen
Carlos Bernegger beim Saisonauftaktspiel gegen den FC Zürich, das mit 0:2 verloren ging. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 23. Juli 2017))

Carlos Bernegger beim Saisonauftaktspiel gegen den FC Zürich, das mit 0:2 verloren ging. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 23. Juli 2017))

Daniel Wyrsch

daniel.wyrsch@luzernerzeitung.ch

Carlos Bernegger ist ein besonderer Trainer, ein feuriger Schweiz-Argentinier mit grosselterlichen Wurzeln im Entlebuch und im St. Galler Rheintal. Beim 48-Jährigen können die lateinamerikanischen Emotionen hochgehen, aber mit genügend Distanz analysiert er eine Sache wie ein Schweizer Ökonom.

Carlos Bernegger gehört zu den eher raren Menschen im Fussballgeschäft, die sich interessieren, wie es dem Gesprächspartner und dessen Familie geht. So funktioniert der Familienmensch Bernegger, der seit bald viereinhalb Jahren mit seiner Ehefrau, Sohn Kevin (14) und Tochter Sofia (10) in Luzern lebt. «Meine Familie fühlt sich hier sehr wohl», schwärmt er von der Stadt am See, «in welcher der Fussball und der Verein immer ein Thema sind.»

Trotzdem weiss der GC-Trainer nicht, ob er mit der Familie in Luzern sesshaft bleibt. «Im Moment kann ich die Frage nicht beantworten.» Er begründet dies mit dem Anfahrtsweg nach Zürich, der mit Geduld und Zeitaufwand verbunden ist. Von aussen betrachtet, herrscht bei seinem Arbeitgeber eine turbulente Si­tuation, in der die Zukunft für einen Trainer nicht planbar ist. Der Rekordmeister ist wieder einmal in Schieflage geraten, bevor die Meisterschaft so richtig angefangen hat. Die ersten beiden Spiele (0:2 im Derby gegen Zürich, 0:4 gegen YB) haben die Grasshoppers verloren, ohne selber getroffen zu haben.

Fast nur unbekannte Verpflichtungen

Mit Munas Dabbur (Rückkehr zu RB Salzburg) und Caio (zu Maccabi Haifa) verliessen die beiden mit Abstand besten Skorer die Zürcher. Dazu wechselte kürzlich das eigene Verteidigertalent Jan Bamert (19) zum FC Sion. Anstelle von Dabbur, Caio und Bamert sind viele unbekannte Spieler aus dem Ausland zu GC gestossen. Die Neuen heissen Djuricin (Ferencvaros/HUN), Souleyman Doumbia (Bari), Fasko (Ruzomberok/SVK), Avdijaj (Vaduz) und Jeffren (Eupen/BEL), der einst bei Barcelona spielte. Der österreichische Nationalgoalie Heinz Lindner, der von der Ersatzbank Eintracht Frankfurts kommt, ist der hier bekannteste Neuzugang. Er soll nach der klaren Heimniederlage gegen YB einer der wenigen GC-Spieler gewesen sein, der in deutscher Sprache die Reporterfragen beantworten konnte, stellte ein Radiojournalist fest. Zehn Ausländer hatten am Ende des Matchs für GC auf dem Platz gestanden.

Erlebt Bernegger bei den Zürchern einen ähnlich radikalen Umbruch wie vor drei Jahren in Luzern, der ihn schliesslich den Job kostete? Der glatzköpfige Mann, der als Vulkan an der Seitenlinie bekannt ist, gibt eine wohlüberlegte Antwort: «Es gibt eine schöne Redewendung: Arbeit macht froh. In diesem Sinn freue ich mich auf die bevorstehende Arbeit sowie Weiterentwicklung unserer Mannschaft.»

Nachdem Bernegger den FCL 2013 sicher vor dem Abstieg gerettet und 2014 auf Platz 4 und in die Europa-League-Qualifikation geführt hatte, wurde er Anfang Oktober 2014 auf dem letzten Rang entlassen. Sein Nachfolger in Luzern ist Markus Babbel, der bis heute im Amt ist.

Als Bernegger vergangenen Frühling wieder ein Engagement als Super-League-Trainer fand, rettete er GC souverän vor dem Abstieg. Am 22. April besiegten die Zürcher im Letzigrund den FCL 4:1. Die GC-Torschützen hiessen Caio (2), Dabbur und Bamert. Wie erwähnt, stehen alle drei Profis dem Coach nicht mehr zur Verfügung. Was gibt Bernegger die Zuversicht, dass sein Team trotz der negativen Vorzeichen morgen Sonntag in Luzern erstmals in dieser Saison punktet? «Unser Wettkampfglück, viel Bewegung und die ­Bereitschaft, alles für einen Sieg zu geben.»

Bernegger und der Dialog mit den FCL-Fans

Doch bei aller Coolness vor der ersten Rückehr seit seiner FCL-Zeit an die Seitenlinie in der Swiss­por-Arena muss die Frage gestellt sein: Wie emotional ist dieses Comeback für ihn? «Es gibt verschiedene Formen von Emotionen, aber im Grossen und Ganzen bewerte ich meine Rückkehr in die Swisspor-Arena als positiv emotional. Ich freue mich auf das Spiel.»

Vielleicht wird Carlos Bernegger während der Partie zum Vulkan, wenn seine Mannschaft dagegenhalten und der Spielausgang auf Messers Schneide sein könnte. Dann wäre sogar vorstellbar, dass der Südamerikaner wie während seines FCL-Engagements mit dem Publikum auf der Haupttribüne in Dialog tritt. Ein Revival dieses verbalen Schlagabtausches mit Fans ist möglich.

Bernegger hat bereits vor Monaten auf den Match in Luzern hingefiebert. Der emotionale wie empathische Mann liebt die Luzerner Arena und die Fans. «Im FCL-Stadion mit seiner tollen Atmosphäre würde ich immer wieder gerne spielen», sagte er damals.