FUSSBALL: «Die Wut setze ich positiv um»

Michael Frey (21) wechselt leihweise bis Ende Saison von Lille nach Luzern. Er stand gestern erstmals für den FCL im Einsatz – und fühlt sich im Team schon wohl.

Daniel Wyrsch
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Erstmals im FCL-Dress: Michael Frey gestern beim Warmlaufen. (Bild Philipp Schmidli)

Erstmals im FCL-Dress: Michael Frey gestern beim Warmlaufen. (Bild Philipp Schmidli)

Daniel Wyrsch

Der 1,89 Meter grosse und 89 Kilo schwere Michael Frey (21) kam im Testspiel gegen Challenge-League-Klub Wohlen (0:1, siehe Kasten ganz rechts) während der letzten 28 Minuten zum Einsatz. Der Berner aus Münsingen mit der Rückennummer 9 ist mit seiner Leistung bereits recht zufrieden. «Nach Startschwierigkeiten in den ersten Minuten ist es mir ganz flott gelaufen. Zweimal kam ich aus guter Position sogar zum Abschluss.» Frey freut sich: «Ich fühle mich richtig wohl in diesem Team.» Aus YB-Zeiten hat er schon Christian Schneuwly und François Affolter sowie eher flüchtig Marco Schneuwly gekannt. Noch erfreulicher ist seine zweite Feststellung: «Ich bin schon wieder voll im Spielmodus drin.»

Operiert vom «Viehdoktor»

Elf Monate hatte Frey letztes Jahr nicht gespielt. In einem Meisterschaftsspiel der Ligue 1 mit der LOSC Lille hatte er fast exakt vor Jahresfrist einen Bruch im Knöchel am rechten Fuss erlitten. Er musste sofort operiert werden. Weil der erste chirurgische Eingriff schieflief, spielte er seither nicht mehr für Lille. Jetzt will der Stürmer nicht mehr zurückblicken. «Die Geschichte ist vorbei. Aber die Wut setze ich jetzt positiv in Leistungen auf dem Platz um. Der Ärger reicht für den Rest meiner Karriere.» In einem Interview hatte Frey dem Vereinsarzt schwere Vorwürfe gemacht und ihn einen «Viehdoktor» genannt.

Zumindest bis zum Ende der laufenden Saison hat er nun beim FC Luzern die Chance auf eine Neulancierung der Laufbahn. Gestern hat Frey einen Leihvertrag bis zum 30. Juni 2016 unterschrieben. Besitzerklub bleibt bis zum Sommer 2018 weiterhin Lille. «Ob ich dann wieder zu den Franzosen zurückkehre oder nicht, steht in den Sternen. Das weiss man im Fussball nie.»

Babbel und die gute Ausgangslage

Frey ist froh, kann er jetzt wieder Fussball spielen. Der Gedanke an seinen neuen Klub und die Mannschaft macht ihn glücklich. Als er gestern Vormittag in seiner frisch bezogenen Wohnung in einem der beiden Allmend-Hochhäuser aufwachte, habe er mit grosser Freude und Zuversicht an den FCL gedacht. Trainer Markus Babbel und die gute Ausgangslage mit Platz 4 in der Meisterschaft und dem Cup-Halbfinal am 2. März zu Hause gegen Lugano seien ausschlaggebend gewesen, dass er trotz anderen Angeboten den Innerschweizern den Zuschlag gegeben habe.

Auch mit seinem früheren Klub YB war er in Kontakt. Doch das Interesse der Berner sei längst nicht derart konkret wie jenes der Luzerner gewesen.

Kein schlechtes Gewissen wegen YB

Vor seinem Weggang nach Lille im Herbst 2014 hatte er bei den Gelbschwarzen als das Gesicht der neuen YB-Generation gegolten. Fürchtet er sich nicht, in den beiden Spielen mit Luzern von den Berner Fans ausgepfiffen zu werden? Völlig entspannt antwortet Frey: «Das werden wir dann sehen, wie die Leute reagieren. Doch habe ich kein schlechtes Gewissen gegenüber von YB. Was für mich jetzt zählt, ist einzig und allein der FC Luzern.»

Frey gilt als äusserst ehrgeiziger Profi. Hat er vielleicht sogar ein Aufgebot von Nationaltrainer Vladimir Petkovic für die EM im Sommer in Frankreich im Hinterkopf? Oder zumindest eines für die U 21? Er winkt ab: «Ich will jetzt 120 Prozent geben, um meinen Anteil an einer erfolgreichen Luzerner Rückrunde zu haben. Frühere Erfolge bei YB oder für Lille zählen nichts mehr. Ich fange wieder bei null an.» Da bleibe kein Platz für Gedanken an die Schweizer Nationalmannschaft. Weder für das A-Nationalteam noch für die U 21.

Körperlich fühlt er sich 100-prozentig leistungsfähig. «Ich habe enorm viel investiert in meine Fitness, das zahlt sich jetzt aus. Ich bin absolut parat.»

Alleinsein hat ihn stärker gemacht

Er will unbedingt wieder Treffer schiessen. «Für dieses unbeschreiblich schöne Gefühl nach einem erfolgreichen Torschuss nimmt man die ganze Schinderei gerne in Kauf.» In Lille waren es zwei Tore in der Meisterschaft und ein Treffer im Liga-Cup. «Ob vor 50 000 Zuschauern im Stadion von Lille oder vor 10 000 bis 15 000 Leuten hier in der Luzerner Arena, das ist egal», sagt der junge Mann, dessen Freundin in Bern lebt. In Lille war er oft allein. «Ich lernte, mich mit mir selber zu beschäftigen. Das hat mich stärker und ruhiger gemacht. Wenn du das Alleinsein überwindest, kannst du dich überall durchsetzen.»

Farbenfrohes Bild des Hobbymalers

Zu seinen Hauptbeschäftigungen in der langen Verletzungszeit in Frankreich gehörte es, Bleistiftzeichnungen zu machen. Frey hat beachtliche Werke zu Stande gebracht. Schliesslich verbrachte er früher in Bern zwei Jahre an einer Kunstschule und ist mit der Technik vertraut. Nun hat er das Zeichnungspapier aber in eine Schublade gelegt. Seine ganze Schaffenskraft gehöre dem Fussball, betont er. Doch wenn er ein Bild über seine aktuelle sportliche Situation malen müsste, hätte Frey eine Idee: «Ich würde ausschliesslich meine hellen, fröhlichen Farbstifte verwenden. Die dunklen, tristen Farben habe ich hinter mir gelassen.»