FUSSBALL: Ein Duo holt Luzern aus der Not

Der FC Luzern ist seit jeher als unruhiger Klub bekannt gewesen. Aber so viel Personal wie in dieser Saison wurde in der 112-jährigen Historie nie verschlissen. Ein Rückblick in Häppchen.

Daniel Wyrsch
Drucken
Teilen
Sie sind die Hoffnungsträger auf eine bessere sportliche Zukunft des FC Luzern: Sportchef Alex Frei (links) und der Trainer-Vulkan Carlos Bernegger. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Sie sind die Hoffnungsträger auf eine bessere sportliche Zukunft des FC Luzern: Sportchef Alex Frei (links) und der Trainer-Vulkan Carlos Bernegger. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Der Reisende

Murat Yakin (38) war Anfang Saison Trainer beim FC Luzern. Wie jetzt Uli Forte (39) bei GC glaubte Yakin wohl nicht daran, die hervorragende Vorsaison bestätigen zu können. GC hätte den früheren Spieler gerne als Trainer zurückgeholt, auch der damalige YB-Präsident Benno Oertig sah sich schon mit Yakin auf Bildern in Illustrierten. Doch Yakin kam nicht aus dem Vertrag heraus, wie er im Nachhinein zugibt. Und er habe das auch nicht gewollt, weil der Cupfinal bevorstand, wurde Yakin gestern in der «Sonntagszeitung» zitiert. «Nein, ich bin froh, dass ich in Luzern geblieben bin», sagte er lächelnd. «So konnten mich die Luzerner kurz darauf entlassen.» Nach einem Fehlstart mit 3 Punkten aus 6 Spielen. Der Jungtrainer kehrte zwei Monate später zurück zum FC Basel, wo er seine grössten Erfolge als Spieler gefeiert hatte. Am Samstag hat er nach zwei im Penaltyschiessen verlorenen Cupfinals (mit Luzern und Basel) endlich seinen ersten Titel gewonnen – er ist Meistertrainer des FCB.

Der Zauderer

Heinz Hermann (55) begann am 1. Mai 2012 als Sportchef beim FCL. Yakin mochte es nicht, dass ihm ein Vorgesetzter vor die Nase gesetzt wurde. Schliesslich hatte er in der erfolgreichen Vorsaison praktisch alle Freiheiten bei der Zusammenstellung der Mannschaft. Rekordnationalspieler Hermann tat sich schwer in der neuen Rolle. Vier Jahre lang war er nicht mehr im Fussball tätig gewesen, aktuelle Kontakte fehlten ihm. Die finanziellen Mittel waren beschränkt. Statt zu reden, zauderte er. Gegen aussen gewann er den Machtkampf gegen Yakin, doch Hermann hatte in entscheidenden Fragen nichts zu sagen. Yakins Nachfolger holten andere. Drei Tage vor dem Rückrundenstart trennte man sich von Hermann.

Der Verfolgte

2001 war Ryszard Komornicki (54) schon einmal beim FCL. In den fünf Spielen gewann er einen Punkt. In der zweiten Amtszeit sind es aus 20 Spielen 19 Punkte geworden. Dazu kam das Verpassen der Gruppenspiele in der Europa League und das Erstrunden-Aus im Cup gegen Delémont. Als der FCL in der Liga unter ihm zehn Spiele in Serie sieglos geblieben war, kam das Ende für «Koko». Eines, das er seit seiner Vorstellung voraussagte. Komornicki ist ein anständiger Mensch. Er fühlte sich im nervösen Umfeld des Klubs unwohl. «Das ist ein Intriganten-Stadl», sagte er schon früh zu Eingeweihten. Statt unterstützt fühlte er sich verfolgt.

Der Polterer

Sicher nicht zur Beruhigung der Lage hat Hauptinvestor Bernhard Alpstaeg (68) beigetragen. Seit einem Interview mit unserer Zeitung Ende September 2012 hat er als Polterer aus der Zentralschweiz nationalen Prominentenstatus erreicht. Über den 118-fachen Nationalspieler Heinz Hermann und den 40-fachen polnischen Nationalspieler und WM-Teilnehmer von Mexiko 1986, Komornicki, sagte er, sie hätten keine Ahnung von Fussball. Doch nicht genug damit: Alpstaeg gab weitere Interviews, bezeichnete Ex-FCL-Trainer Yakin als «Joggeli-Bueb», der nun wieder zurück bei Mama in Basel sei. Für Nichtbeteiligte gabs zahlreiche Gelegenheiten, um über den Swisspor-Patron zu schmunzeln. Zuletzt, als er sich mit herablassenden Aussagen über die langen Haare von Hermann und FCL-Aufstiegstrainer René van Eck zum schweizweit belächelten Frisuren-Spezialisten aufschwang. Für die FCL-Verantwortlichen dagegen war das permanente Medientheater des wichtigsten Geldgebers in höchstem Mass unangenehm.

Der Ausgeglichene

Hätte der FCL in dieser Phase einen impulsiven und emotionalen Präsidenten gehabt, es wäre wahrscheinlich zum Bruch mit Hauptaktionär und Stadion-Namensgeber Alpstaeg gekommen. Doch Mike Hauser (41) gibt zwar zu, dass er sich in seinen schlimmsten Träumen nicht hätte vorstellen können, was er in seinem ersten Amtsjahr an der FCL-Spitze durchmachen musste, aber er behielt auch in den schwierigsten Momenten die Contenance. Ob im TV-Studio während der Livesendung «Sportpanorama» oder sonst wo in der Öffentlichkeit blieb der Hotelier konfrontiert mit Alpstaegs Verbalattacken unaufgeregt und ausgeglichen. Kritiker sagen, Hauser mangle es an Charisma. Ihm selbst geht es um die Sache, um den Verein und nicht um seine Person. Im sehr schwierigen ersten Jahr war Hauser der genau richtige Klubchef. Nicht vorzustellen, was abgegangen wäre, wenn er verbal um sich geschlagen hätte.

Der Hitzkopf

Einen Tritt versetzte dafür Mittelstürmer Dimitar Rangelov (30) seinem Gegenspieler in den Hintern. Es war kurz vor der Pause, und Luzern war in Belgien auf Kurs in die Gruppenspiele der Europa League. Der Bulgare musste für die Tätlichkeit vom Platz, der FCL verlor schliesslich in Unterzahl 0:2 und schied aus. Von Ex-Präsident Walter Stierli bekam Rangelov eine mündliche Abreibung und die Schuld für den verpassten Geldregen von über 2 Millionen Franken. Notabene in der Kabine vor den Mitspielern. Davon soll sich der bulgarische Nationalspieler nicht mehr erholt haben. In einem Training gab er Jérôme Thiesson einen Kopfstoss, sodass dieser in zahnärztliche Behandlung musste. In der Winterpause stiess Rangelov einen jungen «Blick»-Journalisten in den Pool des Luzerner Hallenbades. Nur Tore schoss er keine mehr. Seine Saisonbilanz ist schwach: ein Penaltytor in der Liga, ein Tor in der Europa League.

Der Hoffnungsträger

Rangelovs neuer sportlicher Chef kennt ihn aus gemeinsamen Profitagen bei Borussia Dortmund. Alex Frei (33) ist überzeugt von den fussballerischen Fähigkeiten des Stürmers. Er gibt ihm den bestmöglichen Zuspruch. Frei, am 15. April direkt nach Abschluss seiner Profikarriere beim FC Basel zum FCL gekommen, ist der Hoffnungsträger eines interessanten Projekts. Nachdem er seinen Ex-Trainer aus Basel, Heiko Vogel, nicht für die Aufgabe in Luzern gewinnen konnte, entschied er sich für Basels U-21-Trainer Carlos Bernegger und dürfte – nach heutigem Stand – einen Glücksgriff gemacht haben. Erstaunlich ist, dass Frei beim FCL nur eine dreimonatige Kündigungsfrist hat. Ihn dürfte es nicht gross stören, Frei hat in seiner Karriere Millionen verdient, sodass er nicht mehr arbeiten müsste.

Der Vulkan

Seit dem 8. April ist Carlos Bernegger (44) Cheftrainer in Luzern. Sechs Spiele später hatte der impulsive Schweiz-Argentinier mit einem plötzlich leidenschaftlich spielenden Team den FCL vom Abstiegsgespenst befreit. Das erste Ziel hat der zuweilen wie ein Vulkan eruptierende Bernegger erreicht. Seine Bilanz ist mit 20 Punkten aus 10 Spielen hervorragend. Am 17. Juni fängt die Vorbereitung auf das nächste Ziel an: einen Top-5-Platz in der neuen Saison. Er hat einen Zweijahresvertrag. In dieser Zeit möchte er für möglichst viele schöne Momente sorgen – und sie als Teil der Mannschaft mit den Fans feiern.