FUSSBALL: Erster Schritt in die Selbstständigkeit

Claudio Holenstein (23) verlässt für seinen neuen Verein FC Luzern erstmals sein Elternhaus. Der steile Aufstieg von Kumpel Fabian Schär gibt ihm viel Zuversicht.

Jonas von Flüe
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Posiert stolz auf der Terrasse des Hotels Gütsch mit dem Luzerner Seebecken im Hintergrund: Claudio Holenstein. (Bild Pius Amrein)

Posiert stolz auf der Terrasse des Hotels Gütsch mit dem Luzerner Seebecken im Hintergrund: Claudio Holenstein. (Bild Pius Amrein)

Mit Luzern ist Claudio Holenstein bereits vertraut. Er wohnt zwar erst seit ein paar Wochen in der Agglomeration, hat die Stadt aber bereits oft besucht. «Ich habe Verwandte in Root», erklärt er. Trotzdem ist er von der Aussicht beim Château Gütsch überwältigt. Hastig zückt er sein Handy und knipst ein paar Bilder vom Seebecken, der Altstadt und der Rigi. Zeit, um die Umgebung zu erkunden, hatte er bislang noch nicht. «Der Sport hat Priorität, wir haben momentan ein dichtes Trainingsprogramm. Sobald ich mehr Zeit habe, werde ich meine Wohnung einrichten und dann, als Letztes, die Region unter die Lupe nehmen», sagt der 23-Jährige, den man durchaus mit FCL-Goalie David Zibung verwechseln könnte.

Waschen, putzen, aufräumen

Luzern ist die erste grössere Station in seiner Karriere. Holenstein hat die letzten acht Jahre beim FC Wil verbracht, eine Saison wurde er zwischendurch nach Gossau ausgeliehen, das 2009/10 ebenfalls in der Challenge League gespielt hat. Uzwil, wo er mit seinen Eltern und zwei jüngeren Schwestern aufgewachsen ist, liegt genau in der Mitte von Wil und Gossau, ist nur rund zehn Kilometer von den jeweiligen Trainingsplätzen entfernt. Deshalb hat Claudio Holenstein sein Elternhaus auch erst jetzt, als er beim FCL einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat, verlassen.

Der Wechsel nach Luzern ist für Holenstein also nicht nur einfach ein neues Kapitel in seiner Karriere, sondern ein erster Schritt in die Selbstständigkeit. «Ich geniesse meine eigenen vier Wände», sagt er, doch die Umstellung ist natürlich gross. In seinem neuen Heim muss er die schmutzigen Kleider selber waschen und ist alleine dafür verantwortlich, dass die Wohnung ordentlich daherkommt und gut geputzt ist. Denn aus der Ostschweiz kommt oft Besuch: Die Familie und seine Freunde wollen sehen, wie und wo er in der Zentralschweiz wohnt. «An meinen freien Tagen bleibe ich lieber hier und entspanne mich. Immer nach Uzwil zu fahren, wäre mir zu stressig», sagt Holenstein, der auf einer Bank eine KV-Lehre mit Berufsmaturität abgeschlossen hat.

Holenstein ist bei weitem nicht der erste junge Fussballer, der aus der Wiler Talentschmiede den Sprung in die Super League geschafft hat. Der prominentester Ex-Wiler stand bis vor zwei Jahren mit ihm auf dem Platz und spielte nun mit der Schweizer Nationalmannschaft an der WM in Brasilien: Fabian Schär. Der 22-Jährige hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich, von der Challenge League in die Champions League sozusagen. «Seine Entwicklung ist ein Paradebeispiel, wie schnell es im Fussball gehen kann», sagt Holenstein, der mit Schär noch ab und zu Kontakt hat und dessen Spiele genau verfolgt. Schär zeige ihm, was man in so kurzer Zeit erreichen kann, denn damals, in Wil, sei die Differenz auf dem Platz zwischen ihnen nicht enorm gross gewesen. Holenstein ist sich aber auch bewusst, dass es viel Glück braucht. «Hätte Gaston Sauro beim FCB vor zwei Jahren eingeschlagen, wäre Fabian nicht auf Anhieb Stammspieler geworden», ist er überzeugt.

Bereits am zweiten Spieltag, am 27. Juli, wenn Basel den FCL empfängt, kommt es zum Aufeinandertreffen der beiden ehemaligen Teamkollegen. Der pfeilschnelle Flügelläufer Holenstein möchte dann unbedingt auf dem Platz stehen. Doch er weiss, dass er sich beim FCL aufdrängen und geduldig sein muss. In Wil hat er in der letzten Saison 34 Spiele absolviert, stand meist in der Startformation. «Ich komme aus einer unteren Liga und muss mich zuerst an den erhöhten Rhythmus anpassen», sagt Holenstein. In Luzern sei alles eine Nummer grösser.

Unbändiger Wille

Den unbändigen Willen, sich in Luzern durchzusetzen, scheint er zumindest zu haben. Profifussballer war immer Holensteins grosses Ziel, wie eine Anekdote beweist. «Meine Mutter hat kürzlich meine Oberstufenlehrerin getroffen. Ich hätte bis im letzten Schuljahr, als alle von einem ‹normalen› Beruf gesprochen hätten, nur Fussball im Kopf gehabt, hat sie meiner Mutter gesagt.» Der heute 23-Jährige liess sich auch nicht unterkriegen, als es mit dem Profifussball nicht im ersten Anlauf klappen wollte und als das Angebot eines Klubs aus der Super League auf sich warten liess. Er ist überzeugt: «Wenn man etwas unbedingt will, kann man viel erreichen. Der Wille ist wichtiger als das Talent. Nicht nur im Sport ...»

Genau diese Einstellung verlangt FCL-Trainer Carlos Bernegger von jedem seiner Spieler.

Hinweis

Alle Porträts der neuen FCL-Spieler sind im Internet unter www.luzernerzeitung.ch/serien nachzulesen. Bisher erschienen sind die Porträts von Marco Schneuwly und Jakob Jantscher.