FUSSBALL: FCL-CEO Marcel Kälin: «Uns fehlt eine Identität»

FCL-CEO Marcel Kälin (51) ist seit vier Monaten im Amt. Der Geschäftsführer spricht über die ersten Erkenntnisse und seinen Plan mit dem FC Luzern.

Daniel Wyrsch
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Mann mit Vision: FCL-Geschäftsführer Marcel Kälin, fotografiert im Fanshop in der Swissporarena. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 24. Januar 2017))

Mann mit Vision: FCL-Geschäftsführer Marcel Kälin, fotografiert im Fanshop in der Swissporarena. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 24. Januar 2017))

Daniel Wyrsch

daniel.wyrsch@luzernerzeitung.ch

CEO-Job: «Die Arbeit ist komplex, aber interessant und spannend. Etwas unterschätzt habe ich die zusätzlichen Bereiche, die heute zur Führung eines Profi-Fussballklubs gehören: die politische Arbeit, all die Unterabteilungen mit der Akademie und dem Nachwuchs, die Stadion AG. Positiv feststellen darf ich: Der FCL ist ein KMU. 150 Leute erhalten jeden Monat ihren Lohn, und pro Heimspiel kommen noch einmal 250 Stewards und Helfer dazu, damit ein Match über die Bühne gehen kann. Mein Job ist, den FCL unternehmerisch aufzustellen. Die ersten drei Monate beobachtete ich und stellte folgende Fragen: Wer macht was? Warum wird eine Sache so gemacht? Wo kann man vielleicht etwas optimieren? Ich bin überzeugt, dass der Klub und das Umfeld gute Voraussetzungen haben, um in Zukunft mit dem FCL mehr zu erreichen, als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.»

Sportbereich: «Mir ist entgegengekommen, dass wir sportlich gut aufgestellt sind. Kurz nach Amtsantritt bin ich mit der Mannschaft zu einem Testspiel nach Berlin gereist. Ich spürte, in diesem Team stimmt es, man arbeitet sehr gut zusammen. Die Spieler wollen mit der Mannschaft etwas erreichen. Mir ist klar geworden: Das ist keine Baustelle für mich, also kann ich mich auf die Geschäftsstelle fokussieren und mich zum Beispiel mit diesen Fragen beschäftigen: Wie laufen die Verträge mit den Marketingpartnern? Wie läuft es im Nachwuchs? Wie arbeiten unsere Angestellten?»

Besitzer:«Als positiv habe ich empfunden, dass ich mit den Investoren tagtäglich einen Austausch hatte. Sie haben mich gut eingeführt, und ich spüre deren vollstes Vertrauen.»

Image:«Mich irritiert, dass über den grössten Innerschweizer Fussballverein so viele etwas zu erzählen wissen. Manchmal frage ich mich, wieso wissen diese Leute dies oder jenes? Dinge, die vielleicht gar nicht stimmen. Meine Vorgehensweise ist, nicht einfach dazwischenzugrätschen, wie man in der Fussballsprache sagt, sondern der Sache auf den Grund zu gehen. Ich frage mich dabei: Haben wir ein Imageproblem? Warum werden solche Geschichten erzählt? Warum hat man mit solchen Spielervermittlern zu tun? Warum ist bei den Nachwuchstrainern eine Frage aufgetreten? Schliesslich trägt jeder Juniorencoach mit seinem Handeln zum Image des Vereins bei.»

Identität:«Ein Hauptthema sind für mich die Fragen: Was ist der FCL? Was will er? Ich stellte sie den Mitarbeitern. Bald bemerkte ich, dass die Antworten unterschiedlich ausfallen. Der Profitrainer sagt das, der Nachwuchstrainer etwas anderes, der Verwaltungsrat und der Marketingmann geben noch einmal unterschiedliche Erklärungen ab. Ich frage mich nun: Warum haben nicht alle das gleiche Ziel? Mein Fazit: Uns fehlt eine Identität. Ich finde, man hat beim FCL nach dem Bau des Stadions den Fokus verloren. Zum Beispiel gibt es an der Aussenfassade der Swissporarena und im Innenraum, wo der Rasen ist, kein Klublogo. Kürzlich haben mich Bekannte aus Ennetbürgen gefragt, wo denn das FCL-Stadion sei. Wenn man hier vorbeifährt, sieht man nichts, das auf den Verein hinweist. Überspitzt gesagt könnte das Stadion auch eine Reithalle sein. Wir müssen dem FCL eine Heimat geben, das gibt automatisch eine grössere Identifikation.»

Vision 2021:«Im Jahr 2021 wird der FCL 120-jährig. Das ist für mich der Anlass, auf dieses Jubiläum hin eine Vision ins Leben zu rufen. Alle Mitarbeiter und das Umfeld müssen wissen, wohin der Klub gehen will. Schön war, dass man bei meiner Vorstellung einen Titel mit mir in Verbindung setzen konnte, obwohl ich zur Meisterschaft 1989 kaum etwas beigetragen habe (als Spieler stand er insgesamt acht Minuten auf dem Platz; Anmerkung der Redaktion). Als Sportklub muss das Ziel sein, Titel zu gewinnen. Dieses Begehren spüre ich im Gespräch mit den Fans immer wieder. Die Vision 2021 werden wir im Frühling den Medien vorstellen.»

Zuschauermagnet:«Wenn ich im Publikum sitze, will ich, dass etwas läuft, dass Begeisterung herrscht und Profis spielen, die ich wiedererkenne. Darum brauchen wir Innerschweizer in der Mannschaft. Unsere Junioren müssen wir so stark machen, dass sie im Super-League-Team spielen können. Später können wir wahrscheinlich den einen oder anderen verkaufen. Ich lasse den Sportbereich arbeiten, aber im Hintergrund bin ich quasi der Architekt. Ich schaue, dass richtig gebaut wird. Ich habe freie Hand und die volle Unterstützung unseres Verwaltungsrats. Wir brauchen sportlichen Erfolg, damit wir mehr Publikum anziehen. Unser Ziel muss es sein, dass wir 2000 bis 3000 Zuschauer pro Heimspiel mehr haben (11 021 Fans besuchten in der Vorrunde im Schnitt die Partien zu Hause; Anm. der Red.). Das bringen wir hin, vielleicht aber nicht gleich nächste Saison. Unsere Vorrundenmatches waren alle attraktiv.»

Kontinuität: «Wenn uns Markus Babbel früher oder – hoffentlich – später verlässt, müssen wir bereit sein und einen neuen Trainer haben, der unser offensives System weiterspielen lässt. Nicht der Coach sagt, wie er spielen will, sondern die Chefetage. Das hat enormen Einfluss auf das Konzept des gesamten Vereins. Gerade aber Babbel mit seinem Trainerteam passt gut zum FCL, und er vermittelt eine Mentalität, mit der wir uns Innerschweizer identifizieren können.»

Persönlichkeit:«In der Vergangenheit fehlte die Kontinuität, weil es immer wieder Wechsel in der Führung gegeben hat. Ich glaube, dass ich die Sache mit meiner Person neutral und in aller Ruhe angehen kann. Ich bin nirgendwo verbandelt, das ist ein Riesenvorteil. Ich bin auch positiv überrascht über die Reaktionen aus dem Fussballumfeld. Dort wird mir gesagt, dass ich ein Neuer bin, der niemanden bevorteilt oder benachteiligt. Ich will vermitteln, dass wir aus einer Position der Stärke operieren können. Selbstverständlich bin ich kein Einzelkämpfer, wir sind zusammen ein starkes Team. Ich zähle auf jeden FCL-Mitarbeiter.»

Geldbeschaffung:«Sobald wir uns alle einig sind, was der FCL ist, können wir das nach aussen tragen. Das Generieren von Sponsorengeldern wird uns leichterfallen. Zur dieser klaren Identifikation kommt eine seit längerer Zeit herrschende Ruhe im Klub, die es zu nutzen gilt. Zusammen mit Präsident Philipp Studhalter will ich mit den Fans, Partnern und Firmen den nächsten Schritt machen. Klar ist, dass auch ich an den finanziellen Ergebnissen gemessen werde.»

Samstag, 14.00, Testspiel (Swissporarena): FC Luzern - SC Kriens.