FUSSBALL: «Ich muss mich wohl fühlen»

Der FC Luzern und Michel Renggli (33) starten heute in die neue Saison. Der FCL-Captain über seine Familie, über mögliche Ziele nach der Karriere, und warum er immer noch an einen Pokal glaubt.

Interview Michael Graber
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«Wenn ich mal sehr lange im Ausgang bin, stehe ich trotzdem um halb sieben wieder auf»: Michel Renggli, Captain des FCL Luzern, in der Luzerner Altstadt. (Bild Corinne Glanzmann)

«Wenn ich mal sehr lange im Ausgang bin, stehe ich trotzdem um halb sieben wieder auf»: Michel Renggli, Captain des FCL Luzern, in der Luzerner Altstadt. (Bild Corinne Glanzmann)

Michel Renggli, fühlen Sie sich eigentlich alt?

Michel Renggli: Nein, eigentlich überhaupt nicht. Aber ich bin mir bewusst, dass ich im Fussballumfeld als alt gelte. Ich bin ja auch der Älteste in der Mannschaft.

Kürzlich an einem Testspiel haben hinter mir zwei Fünfzigjährige gesagt: «Schau mal der Renggli, der alte Sack!». Macht einen das sauer?

Renggli: (lacht) Nein, im Fussball ist das mit 33 Jahren halt so. Am Anfang hört man so Sprüche vielleicht nicht so gern, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Bereits vor fünf, sechs Jahren war ich zehn Jahre älter als die Jüngsten im Team. Und das wird nicht besser. Ins Grübeln wie einst gerate ich darob nicht mehr.

Was macht Sie gelassener?

Renggli: Ich geniesse die Aktivzeit jetzt noch, freue mich aber auch bereits auf nachher. Und auch darauf, etwas Neues zu suchen und zu machen. Mit dem Alter kennt man auch die Mechanismen des Fussballgeschäfts langsam, spürt durchaus eine gewisse Sättigung. Früher war das alles aufregend und spannend, mittlerweile begreife ich, dass das immer ungefähr dasselbe ist.

Gibt es etwas, das Sie konkret jetzt nicht mehr brauchen?

Renggli: Es gibt immer wieder wellenartige Bewegungen im Fussball, die einem aufzeigen, dass man halt schlussendlich nur eine Art Produkt ist. Insbesondere wenn es um Geld – und somit den Gegenwert für die erbrachte oder zu erbringende Leistung – geht. Der ganze Mensch kann sich im Profifussball nicht vollumfänglich entfalten. Aber im Grossen und Ganzen ist es trotzdem ein interessanter und spezieller Beruf, den ich lange genossen habe und noch ein Weilchen geniessen möchte.

Sie haben die Matura, ein begonnenes Jus-Studium und könnten jetzt auch Anwalt sein. Nie bereut, anders entschieden zu haben?

Renggli: Manchmal denke ich schon, es wäre einfacher gewesen. Aber wenn man ehrlich ist: Es wird von Menschen so viel verlangt, bis sie Anwalt oder Arzt sind. Von daher bin ich nicht sicher, ob ich das wirklich gekonnt hätte. Meine Entscheidungen habe ich immer so getroffen, dass ich mich wohl gefühlt habe. Und ich fühle mich immer noch wohl.

Nach Ihrer Karriere kommen Sie in eine neue Situation: Im Fussball waren Sie in den letzten Jahren immer Routinier. Danach in einem neuen Job sind Sie vielleicht wieder der Lehrling.

Renggli: Ich freue mich darauf, mich wieder wie ein Lernender zu fühlen. Meine Erfahrungen nehme ich aber mit – zumindest solange ich im Fussballbereich bleibe. Abgesehen davon lernt man bekanntlich ein ganzes Leben lang.

Können Sie sich überhaupt vorstellen, einen definitiven Schlussstrich unter die Fussballkarriere zu setzen, oder sieht man später noch den Trainer Michel Renggli?

Renggli: Lange Zeit hatte ich mich gar nicht für den Fussball interessiert – nebst der Tatsache, dass ich ihn selbst spielte und das Spiel liebte. Mittlerweile hat sich der Blickwinkel verändert, und es reizt mich nun auch, die Perspektive ganz zu wechseln und hinter den Kulissen zu arbeiten.

Zurück ins Jus-Studium zu gehen ist kein Thema?

Renggli: Nein, ich habe eine Familie mit drei Kindern, die ich ernähren darf. Ich werde sicherlich nicht noch einmal drei Jahre die Schulbank drücken – das kann ich mir gar nicht leisten. Das ist der Nachteil davon, dass ich nicht ins Ausland gewechselt habe. Im Moment reicht es zeitlich und organisatorisch, wenn jemand aus der Familie ein Master-Studium neben der Familie abschliesst – meine Frau.

Belastet es Sie, dass Sie nach der Aktivzeit vielleicht nur deshalb einen Job bekommen, weil Sie mal der Spitzenfussballer Michel Renggli waren?

Renggli: Bezüglich der Mechanismen in der Gesellschaft mache ich mir keine Illusionen. Ich weiss, was ich kann, und was ich eben nicht kann. Das eine mische ich nicht mit dem anderen. Aus der Tatsache, dass ich als Fussballer gut genug für die oberste Schweizer Liga bin, darf nicht geschlossen werden, dass ich in einem anderen Bereich auch über ausreichende Qualitäten verfüge.

Neben dem Fussballer hat man in der letzten Zeit Michel Renggli auch als fleissigen Facebook-User kennen gelernt. Sind das wirklich Sie, der die Statusmeldungen tippt?

Renggli: Ja, sicherlich. Das mache ich für unsere Fans gerne. Am Computer oder vom Handy aus unterwegs. Irgendwann habe ich gedacht, ich würde gerne etwas von meinen Erfahrungen und Ansichten mit unseren Fans teilen. Ihnen auf eine spezielle Weise etwas zurückgeben.

Dort bekommt man auch einen Eindruck vom Familienmenschen Rengg-li. Wie halten Sie es mit der Privatsphäre Ihrer Kinder?

Renggli: Am Anfang habe ich ganz bewusst darauf verzichtet, mittlerweile ist es aber doch so, dass ich selten und zu speziellen Anlässen mal Bilder von ihnen poste, insbesondere dann, wenn sie beispielsweise an einem öffentlichen Anlass sowieso schon verfügbar sind. Ich bin ja auch mächtig stolz auf sie.

Ihre älteste Tochter hat eine körperliche Behinderung und wurde auch einmal Thema im «Blick». Da konnte man einen richtig sauren Michel Renggli erleben.

Renggli: Ich war stinkesauer. Vor allem wegen der Schlagzeile. Ich habe versucht, diese Geschichte über zwei Wochen zu verhindern, habe mich schlussendlich den Regeln der Medien gebeugt und war insbesondere enttäuscht, dass man das Wort «behindert» in der Schlagzeile verwendet hat. Wir versuchten zu Hause, dieses Wort zu dieser Zeit zu vermeiden. Gerade weil sie bereits in den Kindergarten ging und die anderen Kinder solche Sachen auch mitbekommen. Kinder können manchmal sehr direkt und verletzend sein. Wir hatten schon genügend Zwischenfälle, und ein Kind mit einer Einschränkung hat einen grossen Rucksack auf dem Lebensweg – die Aufgabe der Eltern ist es, sie soweit wie möglich zu schützen und sie trotzdem realistisch auf die Gesellschaft vorzubereiten.

Aber ein Geheimnis war das ja nicht.

Renggli: Ja, das stimmt, wer sich dafür interessiert hat, konnte das sicherlich wissen. Ich finde aber trotzdem, dass es gewisse Grenzen gibt, und bei dieser «Blick»-Geschichte ging es ja darum, einen anderen Menschen anzuschwärzen (Anm. d. Red.: Ex-Assistenztrainer Walter Grüter hatte Renggli gebüsst, weil er damals nach einem Match statt zu den Sponsoren zuerst seine Tochter umarmen ging). Aber für eine solche Geschichte sollte man meine Tochter und insbesondere auch ihre Besonderheit nicht missbrauchen.

Sie entsprechen nur wenigen gängigen Fussballerklischees. Einverstanden?

Renggli: Ich bin ein Familienmensch, und das Familienwohl steht natürlich an erster Stelle. Zudem entsprach es noch nie meinem Naturell, viel in den Ausgang zu gehen. Und alle verantwortungsbewussten Eltern machen sich wohl in einer Umbruchsphase Gedanken über die Zukunft.

Sie selber gehen zum Beispiel nie bis morgens um vier in den Ausgang?

Renggli: Das ist durchaus auch schon vorgekommen, aber im Unterschied zu vieler meiner Mitspieler bin ich dann am nächsten Tag meist auch wieder um halb sieben aufgestanden, um mit den Kindern etwas zu unternehmen.

Gibt es jeweils nach dem Match ein Bier?

Renggli: Eigentlich praktisch nie.

Alle Ihre Kinder tragen englische Namen. Hat das einen besonderen Grund?

Renggli: Uns haben die englischen Namen einfach viel besser gefallen. Zudem mögen meine Frau und ich Amerika sehr. Daran haben wir viele gute Erinnerungen.

Sie wohnen in Beckenried. Hat man in der Innerschweiz keine Mühe, wenn neben dem Peter plötzlich noch eine Casey spielt?

Renggli: Nein, überhaupt nicht. Wir wurden eher komisch angeschaut, weil alle unsere Kinder mehrere Vornamen haben. Da wurden wir schon gefragt: War das jetzt wirklich nötig? Es haben aber alle eine spezielle Bedeutung für uns.

Sie trainieren meist halbtags, und am Wochenende haben Sie Spiele. Kommt man da noch genug dazu, seine Kinder zu sehen?

Renggli: Die freien Halbtage sind super, aber natürlich wird es etwas schwieriger, wenn die Kinder schulpflichtig sind und unter der Woche schon ihr eigenes Programm haben. Meine Frau und ich haben auch fast nie einen ganzen Tag gemeinsam mit den Kindern von den sieben Tagen der Woche, wie ich es in einem normalen Job wohl zum Beispiel am Wochenende hätte. Zudem ist es praktisch unmöglich, dass alle zusammen Ferien haben. Die Fussballerferien fallen in die Schulzeit, und ohne Kulanz – wie in unserem Fall – der Schule ist es nicht möglich, gemeinsame Familienferien zu verbringen.

Fussballer wäre also der Idealberuf für Single-Männer ohne Kinder.

Renggli: (lacht) Ja, und davon gibt es ja auch genug in diesem Job.

Spüren Sie im Alltag einen Unterschied, ob es Ihnen sportlich läuft oder nicht?

Renggli: In der letzten Saison, als es uns sportlich so schlecht gelaufen ist, ist es sehr ruhig geblieben bei den Fans, und wir konnten in Ruhe weiterarbeiten. Die Zurückhaltung der Fans hatte sicherlich auch damit zu tun, dass der ganze Verein und auch ich mehr Nähe zugelassen haben und immer noch zulassen. Ich finde es wichtig, auch mal ins Fanlokal Zone 5 am Bundesplatz zu gehen oder andere Aktionen mit den Fans zu machen. Der Dialog mit den Fans ist wichtig und hat mit Wertschätzung zu tun.

Verstehen Sie, wenn jemand sauer ist, der für ein FCL-Spiel in Sion fünf Stunden Zug fährt und dort einen blamablen Auftritt der Luzerner erlebt?

Renggli: Natürlich verstehe ich das. Im Fussball kann man nicht immer das umsetzen, was man sich vornimmt, und es wäre auch uns nichts lieber als Leistung auf Knopfdruck zu bringen – für die Fans, aber auch für den Verein und uns als Mannschaft.

Weshalb klappt es dann nicht immer?

Renggli: Die Schweiz ist eben ein Ausbildungsland. Sobald jemand richtig gut ist, wechselt er ins Ausland. Darum muss man oft zu Beginn einer Saison wieder von neuem beginnen, und es ist schwieriger, Automatismen aufzubauen.

Heute startet die Meisterschaft wieder. Mit welchen Zielen gehen Sie da rein? Der Meistertitel ist es ja kaum.

Renggli: Nein, den müssen wir aber auch nicht holen. Wir sind derzeit immer noch ein bisschen am Verarbeiten von dem, was letzte Saison passiert ist, als wir in dieses negative Fahrwasser geraten sind. Wenn man die Liga anschaut, ist es eng, viele wollen unter den ersten vier spielen. Daher sind Prognosen schwierig. Ziele kann man sich eher im Cup setzen.

Also den Zweitligisten Murten in der ersten Cup-Runde schlagen?

Renggli: (lacht) Auf jeden Fall. So etwas wie im letzten Jahr – auch wenn nur auf der Tribüne – mit einem Aus in der ersten Runde gegen einen Unterklassigen, will ich nie mehr erleben. Der Cupfinal 2012 gegen Basel war einer der intensivsten Momente meiner Karriere. Leider haben wir verloren damals. Deshalb wollen wir unbedingt noch einmal nach Bern in den Final.

Sie haben noch eine Saison einen Vertrag beim FCL mit Option auf eine zweite. So oder so eine knappe Zeit. Besteht da wirklich noch eine Chance, Sie mal mit einem Pokal zu sehen?

Renggli: (lacht) Grössere Chancen hat man sicherlich im Cup, dort entscheidet die Tagesform. Ich sage immer: Wir müssen dahin kommen, dass wir an einem guten Tag jeden Gegner schlagen können. Und wenn wir das abrufen können. Gerade im Cup gilt es, Stufe um Stufe zu nehmen.

Haben Sie lange gehadert mit der Niederlage im letzten Cupfinal?

Renggli: Ich habe lieber im Penaltyschiessen verloren als in der regulären Spielzeit. Das Spiel war ausgeglichen, und wir wurden vom Schiedsrichter wohl auch etwas benachteiligt. Wir haben gut gespielt damals, aber das Penaltyglück nicht gehabt.

Sportliche Ziele gibt es noch genug. Und wie sieht es sonst aus: Zieht es den Amerikafan Renggli nach der Karriere über den Atlantik?

Renggli: Ich bin wirklich hier daheim. Ich fühle mich als Innerschweizer. Habe eine schöne Wohnung, meine Tochter wird hier vorbildlich betreut, und ich bin mit der Region verwurzelt. Ich will mir hier meine weitere Zukunft aufbauen. Aber träumen darf man natürlich trotzdem.