FUSSBALL: «Kritik kontern kann ich nur auf dem Platz»

Erstmals steht heute Sebastian Schachten (30) im Super-League-Kader des FCL. Er sitzt gegen den FCZ (20.00) auf der Bank.

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Das war noch im Juni: Sebastian Schachten beim Traininsstart des FC Luzern. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Das war noch im Juni: Sebastian Schachten beim Traininsstart des FC Luzern. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

daniel wyrsch

Verwundert haben sich viele FCL-Anhänger im Juni die Augen gerieben: Die Luzerner verpflichteten mit dem Aussenverteidiger Sebastian Schachten einen 30-jährigen Deutschen. Auf dieser defensiven Seitenposition sollten im Einzugsgebiet der Zentralschweiz genügend eigene Spieler zur Verfügung stehen, lautete die scharfe Kritik an die Transferverantwortlichen beim FCL. Sportchef Rolf Fringer erklärte, er habe den Trainern Markus Babbel und Roland Vrabec die Möglichkeit gegeben, in einem finanziell fixierten Lohnrahmen und ablösefrei ihre Wunschspieler zu holen. Auf Schachten fiel die Wahl der Trainer, weil er neben seiner Erfahrung als Ex-Profi von Borussia Mönchengladbach und St. Pauli nicht nur ein Verteidiger ist, der defensiv gut arbeitet, sondern auch Attribute mitbringt, die man beim FCL in den letzten Jahren zunehmend vermisst hat. Vrabec, der sein Trainer in der 2. Bundesliga bei St. Pauli war, erklärt: «Sebastians grösste Stärke kommt erst zur Geltung, wenn alle anderen nicht mehr ans Limit gehen können. Ich glaube, die Mannschaft wird sehr von ihm profitieren, weil er auf dem Platz ein Riesenmotivator ist.»

Schachten möchte zu diesen lobenden Worten von Vrabec, die gestern Babbel ebenso wiederholt hat, nichts sagen – ausser: «Natürlich freut es mich als Spieler, wenn mich die Trainer in dieser speziellen Rolle sehen. Aber ich selber möchte das einfach so stehen lassen.»

In St. Pauli hoch geschätzt

Beim FC St. Pauli mit seiner aussergewöhnlichen Fankultur, wo Herzblut für den Verein und Einsatzbereitschaft der Profis besonders hoch geschätzt sind, hat Schachten einen erstklassigen Ruf. Die Fans am Hamburger Kiez nannten ihn «Fighting Schachten». Der so Bezeichnete meint: «Einen solchen Übernamen bekommt man nicht geschenkt. Den habe ich mir in St. Pauli in vier Jahren erarbeitet.» Schachten muss selber lachen, als er sagt: «Ich stehe mehr für das Kämpferische als für das Filigrane.»

Nur sei es sehr ärgerlich gewesen, dass er nach dem Klubwechsel im Sommer nicht gleich an der neuen Wirkungsstätte seine Vorzüge präsentieren konnte. Von den kritischen Stimmen, die behaupten, dass ein 30-jähriger Aussenverteidiger aus der 2. Bundesliga als Zuzug für einen Super-League-Klub wenig Sinn macht, hat Schachten gehört. Darauf angesprochen meint er: «Momentan habe ich sehr wenig Argumente, um darauf zu antworten. Kritik kontern kann ich nur auf dem Platz.» Verletzt zu sein sei für einen Spieler die schlechteste Situation überhaupt. «Wenn ich aber schlecht gespielt habe, bin ich dafür verantwortlich und kann im nächsten Spiel eine bessere Leistung zeigen.» Schachten ist ein viel zu kluger Kopf, als dass er wegen der Kritik verbittern könnte. «So ist halt das Geschäft.»

Heute Abend ist er auswärts gegen den FC Zürich nach den monatelangen muskulären Problemen endlich so weit, dass er wenigstens von der Ersatzbank aus (zusammen mit dem kürzlich verpflichteten Migjen Basha) auf den ersten Pflichtspieleinsatz beim FCL hoffen kann. Schachten weiss: «Ich bin erst bei 80 Prozent meines Leistungsvermögens angelangt. Die Spritzigkeit und die Kraft für volle 90 Minuten fehlen mir noch.»

Zwangsläufig hat er die letzten zwei Monate viel Zeit mit Konditionstrainer Christian Schmidt verbracht. «Christian verdient ein grosses Dankeschön. Er hat nicht nur viel dafür getan, dass ich körperlich wieder fit und schmerzfrei bin. Christian hat sich auch meine sportlichen Sorgen angehört und damit einige meiner Probleme abgefedert.»

In Gladbach Französisch gelernt

Überraschend ist, dass Schachten mit dem aus Korsika stammenden Franzosen Schmidt nicht etwa Hochdeutsch spricht, sondern Französisch. Wie kommt ein Deutscher dazu? Schachten erklärt: «Während meiner Zeit in Gladbach hatten wir einige französischsprachige Spieler in der Mannschaft. Mit Steve Gohouri, der zuvor in der Schweiz spielte, und Soumaila Coulibaly konnte ich mich mit meinem Schulfranzösisch unterhalten – und natürlich auch einiges dazulernen.» Beim FCL kommen ihm die Sprachkenntnisse wieder zugute: Schachten freut sich über die Multikulti-Truppe in der Luzerner Kabine.

Seine Frau und der dreijährige Sohn aus Hamburg sind inzwischen bei ihm in Luzern. Schachten erzählt, dass er mit seinem Sohnemann schon zweimal die Baumaschinen-Ausstellung auf der Allmend besuchte. «Bald muss ich ihm einen Bagger kaufen», meint er augenzwinkernd.

Schachten ist froh, ist er wieder mit seiner Familie vereint. Jetzt fehlt zum Glücksgefühl nur noch ein erfolgreicher sportlicher Einstand. Vielleicht schon heute.

Hyypiä ist FCZ-Trainer – aber heute noch nicht

FC ZÜRICH Si/dw. 18 Tage nach der Entlassung von Urs Meier hat der FC Zürich den neuen Cheftrainer präsentiert: Mit dem Finnen Sami Hyypiä (Bild) soll ein ehemaliger Champions-League-Sieger den Klub ab Ende August wieder in ruhige Gewässer führen.
Das Medieninteresse war gross, ganz zur Freude von Präsident und Sportchef Ancillo Canepa. Der Stolz des Zürchers, einen renommierten Namen mit Vergangenheit in der von ihm favorisierten Bundesliga verpflichtet zu haben, war unüberseh- und unüberhörbar. Hyypiä war als Erster kontaktiert worden und war am Ende jener, der nach einem «Prozess, der vom Bauch entschieden wurde» (Canepa), als Topfavorit den Job erhielt. Hyypiä gewann als Abwehrpatron von Liverpool mit Ausnahme eines Meistertitels praktisch alles, was es im Klubfussball zu gewinnen gibt. Der 105-fache Internationale galt während seiner zehn Jahre in Liverpool (464 Einsätze) und zwei in Leverkusen (60) als loyaler, ruhiger und sehr zuverlässiger Innenverteidiger.

In Leverkusen 5., 3. und entlassen
Als Trainer ist der Leistungsausweis des bald 42-jährigen Nordländers indes bescheidener. Ab April 2012 trainierte er erst als Tandem mit Sascha Lewandowski Bayer Leverkusen, im Juni 2013 wurde Hyypiä nach den Rängen 5 und 3 zum alleinigen Chef bestimmt.
Eine Negativserie (nur ein Sieg in zwölf Pflichtspielen) führte trotz ausgezeichnetem Saisonstart zwei Jahre und vier Tage nach Amtsantritt zur Entlassung. Die «Werkself» sah den Champions-League-Einzug bedroht, unter Lewandowski wurde Bayer schliesslich noch Vierter. Auch das zweite Engagement als Klubtrainer endete vorzeitig, dieses Mal freiwillig. Beim englischen Zweitligisten Brighton & Hove Albion trat Hyypiä kurz vor Weihnachten 2014 nach knapp siebenmonatiger Tätigkeit und nur drei Siegen aus 23 Ligaspielen zurück. Er kam mit dieser Massnahme wohl seiner zweiten Entlassung zuvor.
Hyypiä tritt seine Arbeit beim FC Zürich nicht per sofort an, sondern erst per 31. August. Bis dahin bleibt Interimscoach Massimo Rizzo in seiner aktuellen Rolle tätig.

Mit Babbel das Zimmer geteilt
Erfreut darüber, dass Hyypiä bald als Trainer in der Schweiz arbeitet, zeigt sich FCL-Trainer Markus Babbel. Vor 15 Jahren hatten sie bei Liverpool eine Saison lang Seite an Seite verteidigt. Babbel: «Sami ist eine tolle Persönlichkeit, er hatte eine fantastische Zeit als Trainer in Leverkusen, dann sind die erwarteten Resultate leider ausgeblieben.» Babbel erzählt von der Zeit in Liverpool: «Wir teilten zusammen das Zimmer, er hat mir Englisch beigebracht.» Zum Lachen sei Hyypiä zwar «in den Keller gegangen», «aber sein ganzes Standing hat er sich durch Leistung auf dem Platz erarbeitet».
Bei den Liverpool-Fans sei Hyypiä so beliebt gewesen, dass sie seinen Namen als ersten vor den englischen Nationalspielern Fowler, Gerrard und Owen sangen. Babbel pflegt immer noch eine freundschaftliche Beziehung zu Hyypiä und freut sich auf das Wiedersehen. Dabei ist er froh, dass Hyppiä im heutigen Luzerner Gastspiel in Zürich noch nicht an der Seitenlinie des FCZ steht. «Das wäre eine zusätzliche Motivation für die sonst schon spielerisch starken Zürcher gewesen.» Für Hyypiä hat er einen Ratschlag: er soll einen Assistenten nach Zürich holen. «Für mich ist es als Cheftrainer unabdingbar, wie hier in Luzern mit Roland Vrabec eine Vertrauensperson an der Seite zu haben.»