FUSSBALL: Lustenberger vor Comeback als Captain

Beim FC Luzern ist es nicht einfach, anstelle des zurückgetretenen Michel Renggli einen neuen Captain zu finden. Nun wird Rengglis Vorgänger dessen Nachfolger.

Daniel Wyrsch Daniel Wyrsch
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Claudio Lustenberger trägt in allen Testspielen die Captainbinde. (Bild Pius Amrein)

Claudio Lustenberger trägt in allen Testspielen die Captainbinde. (Bild Pius Amrein)

Déjà-vu-Erlebnis für Luzerns Anhänger an den Testspielen: Claudio Lustenberger (27) trägt am linken Oberarm eine Binde. Das unmissverständliche Zeichen, dass er die Mannschaft des FC Luzern wieder auf den Platz führt.

Erinnerungen werden wach an die Saison 2012/13. Der Linksverteidiger war im September 2012 von den Mitspielern zum Nachfolger von Florian Stahel (jetzt FC Vaduz) gewählt worden. Die Situation war schwierig, fünf Wochen zuvor war Murat Yakin entlassen worden. Der neue Trainer Ryszard Komornicki glaubte, mit dem Wechsel des Captains für neuen Schwung zu sorgen. Doch aus dem Motivationsschub wurde nichts. Roger Wehrli, 1989 Captain der Luzerner Meistermannschaft, stellte bald fest: «Für Claudio Lustenberger ist die Binde mehr Last als Freude.» Nach sieben Monaten musste der Krienser Mitte April 2013 das «Bändeli» wieder abgeben. Carlos Bernegger übernahm die FCL-Mannschaft vom glücklosen Komornicki in akuter Abstiegsgefahr. Vor dem ersten von zehn ausstehenden Saisonspielen veranlasste Bernegger eine radikale Massnahme: Michel Rengg­li, den er aus gemeinsamen Zeiten bei GC kannte, ernannte er zum Captain, Lustenberger musste abtreten. Der damalige Präsident Mike Hauser meinte dazu nach dem gelungenen Einstand unter Bernegger (1:0-Heimsieg gegen Lausanne) in unserer Zeitung, dass er von der Rochade nicht besonders überrascht gewesen sei. «Es war mir nicht entgangen, dass es Claudio nicht wohl war in dieser Rolle und ihn die Binde am Arm mehr nach unten statt in die Höhe gezogen hatte.»

Der Spieler selber äusserte sich, als der Ligaerhalt schliesslich souverän mit sechs Siegen und zwei Unentschieden geschafft war. Der Entschluss des Trainers sei für ihn kein Problem gewesen, sagte Lustenberger. Und er gab zu: «Seither kann ich mich wieder etwas mehr auf mich fokussieren.»

Wird aus der Belastung eine Ehre?

Wie Lustenberger das bevorstehende Comeback als Captain beurteilt, ob aus der früheren Belastung eine Ehre geworden ist, war gestern nicht zu erfahren. Der Entscheid von Bernegger sei der Mannschaft noch nicht kommuniziert worden, und auch der Spieler selber wisse noch nicht Bescheid, erklärte FCL-Mediensprecher René Baumann. Heute Vormittag, nur etwas mehr als 48 Stunden vor dem ersten Pflichtspiel gegen St. Johnstone in der Qualifikation zur Europa League am Donnerstag (19.30 Uhr, Swissporarena), wird intern über den neuen FCL-Captain informiert.

Auch wenn Bernegger am Samstag in Sempach nach dem letzten Testspiel gegen Biel (4:1) zuerst lediglich sagte, «die Tendenz spricht für Claudio», ist mit einer plötzlichen Meinungsänderung des Trainers nicht zu rechnen. Seine Aussagen sprachen zu deutlich für Lustenberger. Bernegger: «Es hat mir gefallen, wie professionell er vor 15 Monaten auf meinen Entscheid reagierte, an seiner Stelle auf Michel Renggli als Captain zu setzen.» Diese Reaktion und Loyalität muss den Trainer schwer beeindruckt haben. Dabei war Lustenberger in der letzten Saison kurzzeitig sogar aus dem Aufgebot gefallen. Nun lobt Bernegger: «Claudio hat Fortschritte gemacht, er hat sich persönlich weiterentwickelt, ist frisch verheiratet und hat dieses Amt verdient.»

Kaum eine andere Wahl möglich

Oberflächlich betrachtet ist die Wiederernennung von Lustenberger eine überraschende Kehrtwende. Doch schaut man sich das Kader genauer an, hat es für den Trainer kaum Alternativen gegeben. Denn ein grosser Teil der Spieler ist jung und unerfahren. Auf einen der erfahrenen Zuzüge will Bernegger aus verständlichen Gründen nicht setzen. Kaja Rogulj (von Austria Wien) hat zwar schon Champions League gespielt, aber spricht nur englisch und kroatisch, Thierry Doubai (von Sochaux) vornehmlich französisch. Jakob Jantscher (von Nijmegen) ist als Österreicher zwar deutschsprachig, und Marco Schneuwly (von Thun) redet sogar Freiburger Dialekt, aber Bernegger will einen Captain, der nicht nur das Sprachrohr, sondern «auch eine Identifikationsfigur» des FC Luzern ist. Die Beschreibung passt perfekt zu Lustenberger, der die neunte Saison für die Blau-Weissen in Angriff nimmt. Noch länger ist nur Torhüter David Zibung beim FCL. Dieser war früher auch schon Captain. Nach einer durchzogenen Saison hat sich der gebürtige Hergiswiler vor allem auf seine eigene Leistung zu konzentrieren.

Wiss bleibt Vizecaptain

Von den echten Luzernern mit über 100 Super-League-Spielen bleibt noch Alain Wiss übrig. Der bald 24-jährige Mittelfeldspieler ist das letzte FCL-Eigengewächs, das sich in der ersten Mannschaft durchsetzen konnte. Bald schon acht Jahre ist es her, als er – gerade mal 16-jährig – unter Ciriaco Sforza debütierte. Letzte Saison war Wiss der Stellvertreter von Captain Renggli. Er bleibt es unter Lustenberger. Auch dafür gibt es einen Grund: Die Position von Wiss im zentralen Mittelfeld ist weit konkurrenzierter als jene von Lustenberger als Linksverteidiger. Vor allem weil Yassin Mikari sich in der Sommerpause in Richtung seines tunesischen Vaterlandes zum Club Africain Tunis absetzte. Bleibt Lustenberger fit, kommen zu seinen bisher 234 Ligaspielen in dieser Saison gegen 36 dazu. Bringt er seine physischen und kämpferischen Stärken auf den Platz, ist er ein Vorbild und ein echter Führungsspieler.