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FUSSBALL: Roger Wehrli sagt für Meisterfeier ab

Beim FC Luzern ist die Nervosität gross, auf Kritik reagiert man sehr empfindlich. Medienchef René Baumann hat versucht, Klublegende Roger Wehrli in seiner Meinung als Kolumnist zu beeinflussen.
Daniel Wyrsch
Der einzige Luzerner Meistercaptain: Roger Wehrli stemmt am 10. Juni 1989 den Pokal in die Höhe. (Archivbild FCL)

Der einzige Luzerner Meistercaptain: Roger Wehrli stemmt am 10. Juni 1989 den Pokal in die Höhe. (Archivbild FCL)

Roger Wehrli (58) hat als Captain des FC Luzern den grössten Moment der Klubgeschichte mitgeschrieben. Am 10. Juni 1989 war es, als der FCL mit dem 1:0-Heimsieg gegen Servette (mit Karl-Heinz Rummenigge) den einzigen Meistertitel feierte. 24 000 Zuschauer gerieten beim Siegtor von Jürgen Mohr (heute 55) aus dem Häuschen. Jedem der Anwesenden ist von diesem regnerischen Abend bestimmt auch in Erinnerung geblieben, wie Hansi Burri (heute 49) mit der Trophäe zu den Fans sprintete. Kurz vor der Spielfeldbegrenzung liess sich der Sempacher ungebremst auf die Knie fallen, rutschte einige Meter weit und hielt dabei den Meisterpokal in die Höhe.

Zu diesem Zeitpunkt stand der Captain schon nicht mehr auf dem Rasen. Nachdem Wehrli die goldene Trophäe als Erster in die Höhe gestemmt hatte, ging er alleine in die Kabine. Seine Mutter war am Vortag gestorben, natürlich war ihm nicht nach Feiern zu Mute, sodass er für sich einige Minuten der Stille beanspruchte. «Alle Achtung, dass er dem Team im schwierigen Spiel gegen Servette beistand», verneigt sich Mitspieler Burri heute noch. «Roger Wehrli lebte seine Leaderrolle. Die Szene mit dem Sprint hätte der Captain nie zugelassen, dazu hatte er uns zu fest im Griff», sagte Burri im Rückblick vor zwei Jahren zu unserer Zeitung.

Jubiläumsfeier ohne den Captain

Nächsten Sonntag, rund um den «Final» um den Qualifikationsplatz für die Europa League gegen den FC Thun, sind vom FCL die Meisterhelden mit ihren Frauen in die Swissporarena eingeladen worden. Wehrli wird wie vor 25 Jahren beim Fest nicht dabei sein, er hat schweren Herzens für den Jubiläumsanlass abgesagt. Was ist passiert? Wehrli hat am letzten Freitag in seiner Kolumne für unsere Zeitung geschrieben, was seit Monaten in Luzern gemunkelt wird: «Sportchef Alex Frei und Trainer Carlos Bernegger passen nicht mehr zusammen. Das Verhältnis zwischen den beiden hat sich empfindlich abgekühlt.»

Bernegger gab am gleichen Tag bekannt, dass er das Angebot von 1860 München ablehnt. Doch bei ihm und Frei war trotz anderslautenden Erklärungen von Einigkeit keine Spur zu sehen. Diese eisige Kälte zwischen den beiden machte unsere Zeitung in der Samstagausgabe zum Thema. Daneben ein Kommentar, der mit der erwähnten Einschätzung von Wehrli begann und dem Hinweis, dass sich Präsident Ruedi Stäger und Holding-Chef Marco Sieber möglichst schnell mit Frei und Bernegger zusammensetzen und dem Konflikt annehmen sollten.

Der gut gemeinte Ratschlag ist bei FCL-Medienchef René Baumann (57) offensichtlich nicht angekommen. Er hat am Samstagvormittag Wehrli angerufen. Nicht im Auftrag der Klubleitung, wie Baumann auf Anfrage sagt. Er habe es in seiner Freizeit getan. «Ich fühle mich als Kollege von Roger Wehrli, kenne ihn seit 30 Jahren. Damals schrieb ich als Journalist über den FCL, bei dem er spielte.» Baumann: «Ich wollte von Roger wissen, wie er zu seiner Meinung kommt. Da ich ihn nur selten in Luzern sehe.» Weiter appellierte er an dessen mehrjährige Zugehörigkeit als Profi zum Verein. «Ich sagte ihm, dass ich es nicht verstehe, wie er als Ex-FCL-Spieler eine solche Meinung öffentlich vertreten könne.»

Wehrli fühlte sich dadurch vom Luzerner Medienchef angegriffen und unter Druck gesetzt. «René Baumann sagte mir am Telefon, dass ich von der Zeitung als bekannter früherer Spieler ausgenutzt werde. Das stimmt nicht: Seit ich vor zwei Jahren als Kolumnist angefragt worden bin, ist meine Meinung immer korrekt veröffentlicht worden. Wer mich kennt, weiss, dass ich mich andernfalls längst gewehrt hätte.» Wehrli ist überzeugt: «Der FCL reagiert nervös, weil meine Kritik genau den wunden Punkt trifft.»

Wie der legendäre Libero und Meistercaptain schon in der Profizeit bekannt war, ist er geblieben: konsequent. «Vorläufig habe ich genug vom FCL, ich gehe erst wieder an einen Anlass, wenn eine neue Führung dem Klub vorsteht.» Für Wehrli war das Telefonat kein Gespräch unter Kollegen, sondern eines mit dem Medienchef, der den Klub vertritt.

Baumann sagt über Wehrlis Absage für die Jubiläumsfeier der Meisterhelden: «Ich bedaure es sehr, dass er nicht kommt. Roger ist selbstverständlich immer noch eingeladen, falls er es sich anders überlegt.» Wehrli macht keinen Rückzieher, er wird am Sonntag seine frühere Mannschaft allein feiern lassen.

Sofortiger Rücktritt als Kolumnist

Doch dabei bleibt es nicht. Auch die Leser unserer Zeitung müssen ab sofort auf die sehr beachtete Wehrli-Kolumne verzichten. «Meine Frau und unsere beiden erwachsenen Söhne sind am Sonntag zusammengesessen. Sie haben mir geraten, damit aufzuhören.» Hintergrund: Der fünfmalige Schweizer Meister und 68-fache Nationalspieler arbeitet als Plattenleger im eigenen Betrieb. 12-Stunden-Tage wie am letzten Samstag sind nicht selten. «Ich brauche Erholung und keine schlaflosen Nächte.»

Wehrli dankt den Lesern «für die vielen Komplimente, die ich erhalten habe, und selbstverständlich auch für die negativen Reaktionen».

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