FUSSBALL: Schiedsrichterchef Bertolini: «Rot und Penalty»

GC-Goalie Roman Bürki muss für die brutale Attacke gegen Luzerns Pajtim Kasami mit mehreren Spielsperren rechnen. Nichts von der späten Strafe hat der FCL.

Daniel Wyrsch
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Luzerns Pajtim Kasami beklagt sich bei GCs Roman Bürki nach dessen Attacke. (Bild: Philipp Schmidli)

Luzerns Pajtim Kasami beklagt sich bei GCs Roman Bürki nach dessen Attacke. (Bild: Philipp Schmidli)

Schiedsrichterchef Carlo Bertolini (48) hat die Szene mehrmals am Sonntag nach dem Match zwischen Luzern und GC (1:1) angeschaut und gestern nochmals analysiert. In der Kommission der Refs hat er sie diskutiert. GC-Goalie Roman Bürki (22) springt hoch, fängt einen langen Flankenball – gleichzeitig macht er mit dem linken Bein eine Kickbewegung gegen den neben ihm im Strafraum stehenden FCL-Offensivspieler Pajtim Kasami (20). Bürki trifft Kasami mit dem Fuss an der Schulter und am Kopf. Bertolini: «Wir sind uns einig, das war ein klarer Fehlentscheid. Richtig wären die rote Karte für Bürki und ein Penalty zu Gunsten des FC Luzern gewesen.» Schiedsrichter Nikolaj Hänni (37) hatte die Brutaloattacke von Bürki nicht geahndet. In der ersten Halbzeit beim Stand von 1:0 hätte ein Platzverweis plus ein Penalty wahrscheinlich den Sieg für die um den Ligaerhalt kämpfenden Zentralschweizer bedeutet. Bertolini nimmt Hänni in Schutz, obwohl dem Schiedsrichter die Sicht nicht versperrt gewesen sei. «Er war überzeugt, dass die Aktion mit dem Fangen des Balles abgeschlossen ist. Niemand erwartete von Bürki ein solches Verhalten, gerade weil der Torhüter in dieser Situation ungestört ist.»

Vergleich mit Schumacher/Battiston

Bertolini vergleicht den Angriff des Berners im GC-Tor mit einer der hässlichsten Szenen im Weltfussball: 1982 an der WM in Spanien hatte Deutschlands Torhüter Toni Schumacher im Halbfinal den aufs Goal zueilenden Franzosen Patrick Battiston angesprungen und niedergestreckt. Battiston erlitt eine Gehirnerschütterung, Wirbelverletzungen und verlor zwei Zähne. Schumacher meinte nach dem 3:3 in der Verlängerung und dem Sieg im Penaltyschiessen kaltschnäuzig: «Dann zahl ich ihm seine Jacketkronen.»

Bertolini glaubte, dass «diese Typologie von Fouls» nicht mehr existieren würde. Anders als Schumacher vor 31 Jahren entschuldigte sich Bürki nach dem Match immerhin bei dem mit ein paar Striemen an der Schulter davon gekommenen Opfer Kasami. Doch vor der TV-Kamera hatte sich Bürki auf eigenartige Weise verteidigt: «Der Goalie muss sich mit dem Bein voran schützen.» Für Ref-Chef Bertolini ist ein solches Verhalten der Schlussmänner unzulässig. «Das war ein rücksichtsloser Angriff mit dem Fuss auf den Gegenspieler – und er hat ihn dabei getroffen.»

Alles deutet darauf hin, dass Disziplinarrichter Urs Studer (41) ein Verfahren gegen Bürki einleitet. Denn in diesem Fall handelt es sich wohl kaum um einen Tatsachenentscheid des Schiedsrichters, der gemäss Fifa-Zirkular 548 restriktiv über allem stehen würde. «Wenn der Schiedsrichter nicht alles genau gesehen hat, dann besteht eine grössere Möglichkeit für ein Verfahren», erklärt Studer.

Fulham-Coach will Kasami behalten

Ref Hänni musste dem Disziplinarrichter Auskunft geben. Weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt, durfte er öffentlich nicht Stellung nehmen. An seiner Stelle hat Schiedsrichterboss Bertolini – wie erwähnt – in aller Deutlichkeit seine Meinung kundgetan. Studer ist mit Bertolini einig: «Die Fernsehbilder zeigen, dass dem Schiedsrichter offensichtlich ein Fehlentscheid unterlaufen ist.» Studer verteidigt ebenfalls das Verhalten von Hänni. Selbst bei den TV-Bildern sehe man in der Totale nichts, «erst in der näheren Einstellung ist mehr zu erkennen».

Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ
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Luzerns Trainer Carlos Bernegger beobachtet Pajtim Kasami. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
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Stephan Andrist vom FCL jubelt nach dem Führungstor. (Bild: Keystone)
Taulant Xhaka von GC, links, und FCL-Goalie David Zibung geraten aneinander. (Bild: Keystone)
Luzerns Michel Renggli, rechts, gegen GCs Toko. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Daniel Gygax im Zweikampf mit Veroljub Salatic. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Der neue Trainer des FCL: Carlos Bernegger. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Der neue Trainer des FCL: Carlos Bernegger. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Luzerns Mouangue Otele, links, gegen GCs Milan Vilotic. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Der neue FCL-Trainer Carlos Bernegger gibt energisch Anweisungen. Uli Forte von GC Zürich wirkt dagegen eher stoisch. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Luzerns Alain Wiss. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Sally Sarr vom FC Luzern, hinten, und Toko von GC im Flugduell. (Bild: Keystone)
Luzerns Goalie David Zibung klärt bei einem Duell zwischen Milan Vilotic von GC, links, und Tomislav Puljic. (Bild: Keystone)
Michael Lang, Mitte links, und Nassim Ben Khalifa von GC zaubern vor Tomislav Puljic und Goalie David Zibung vom FCL. (Bild: Keystone)
Michel Renngli, links, und Tomislav Puljic vom FCL stoppen Nassim Ben Khalifa. (Bild: Keystone)
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Die Luzerner feiern den 1:0-Treffer. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Pyros zu Spielbeginn. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
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Luzerns David Zibung, links, kassiert das 1:1. GCs Frank Feltscher jubelt. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Luzerns Tomislav Puljic, oben, gegen GCs Amir Abrashi. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Luzerns Pajtim Kasami beklagt sich bei GCs Roman Bürki nach dessen hartem Einsteigen. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Luzerns Michel Renggli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
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Der neue Trainer des FCL: Carlos Bernegger. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
niel Gygax nach einer vergebenen Chance. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Die etwas enttäuschten Luzerner David Zibung, links, und Adrian Winter nach Spielende. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

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Studer ist von Amtes wegen tätig geworden, anders als im Eishockey, wo der Einzelrichter oft von gegnerischen Vereinen angerufen wird, «werden mir glücklicherweise nicht Videos geschickt, die Klubs üben sich in Zurückhaltung», sagt Studer. Er kann als Disziplinarrichter bis zu vier Spielsperren gegen einen Täter wie Bürki aussprechen. Es scheint, dass der 22-Jährige mit dieser Höchststrafe rechnen muss. Luzern hat gar nichts von einer Sanktion des GC-Goalies. Im Gegenteil: Servette, der direkte Rivale um den Ligaerhalt, trifft in der übernächsten Runde auf GC, das wohl ohne Nummer 1 auskommen muss.

Trost fürs unverständliche Einsteigen des ehemaligen Kollegen in der U-21-Nationalmannschaft gibts für Kasami von seinem Verein FC Fulham. Gemäss fulhamfc.com will Cheftrainer Martin Jol den ausgeliehenen Spieler behalten und wahrscheinlich im Sommer zum Premier-League-Klub zurückholen.