FUSSBALL: Tomislav Puljic: «Soll ich fliegen?»

Luzerns Abwehrchef Tomislav Puljic (30) steht mit Florian Stahel (28) im Kreuzfeuer der Kritik. Die beiden Innenverteidiger sollen die Hauptschuldigen an der 2:4-Niederlage in Aarau sein. Puljic wehrt sich. Dabei bekommt der Kroate Unterstützung von FCL-Sportchef Alex Frei.

Daniel Wyrsch
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Tomislav Puljic (rechts) unter Druck gegen Aaraus Mittelfeldspieler Remo Staubli. (Bild Philipp Schmidli)

Tomislav Puljic (rechts) unter Druck gegen Aaraus Mittelfeldspieler Remo Staubli. (Bild Philipp Schmidli)

Tomislav Puljic leidet. Er und Florian Stahel (28) – die beiden Innenverteidiger – werden öffentlich als die Sündenböcke der 2:4-Niederlage am letzten Samstag bei Aufsteiger Aarau hingestellt. Puljic findet: «Florian und ich sind nicht die einzigen Schuldigen.» Der 1,92 m grosse Abwehrchef gibt zwar zu, dass er nicht zu 100 Prozent in Form sei, dass die Hitze der letzten Tage und Wochen nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sei, macht aber sogleich auf die ausserordentlichen Gegentore aufmerksam. «Was können wir tun bei drei Treffern auf Corner?» Er habe Juan Pablo Garat zugeordnet bekommen, Stahel musste auf Remo Staubli spielen. Während Staub­li einmal richtig stand und auf einen abgelenkten Ball mit dem Fuss das 2:1 markierte, konnte der Gegenspieler von Puljic nicht treffen. Dafür wurde der Kroate beim 3:1 von Callà umlaufen, sah dabei nicht gut aus. «Ich war bei Callà, versuchte ihn zu blocken, im Sechzehner traf er mit dem linken Fuss genau in die tiefe Ecke.»

«Den inneren Kompass verloren»

Doch für Puljic und alle, die diese Partie im Brügglifeld miterlebt und be­ob­achtet haben, waren die Eckbälle die Schlüsselszenen, die zu dieser klaren FCL-Niederlage führten. Der Hüne ärgert sich 36 Stunden nach dem Match noch immer über die harte Kritik in den Medien zu seiner Leistung: «Wie kann ich an diesen Cornertoren schuldig sein? Soll ich fliegen und die Bälle wegköpfeln? Ich war einzig und allein für Garat zuständig.»

Puljic lässt einen Einblick in sein Innenleben auf dem Platz zu, erklärt, wie er sich in dieser Phase zwischen der 13. und 36. Minute fühlte, als die Luzerner die vier Treffer kassierten. «Nach diesen Gegentoren verlierst du deinen inneren Kompass und damit die Orientierung.»

Bis vor 14 Monaten top

Für Puljic müssen diese 23 Minuten besonders schlimm gewesen sein. Nur knapp 14 Monate sind vergangen, seit er zusammen mit Stahel die beste Innenverteidigung bildete – zählt man die Aussenverteidiger Claudio Lustenberger, Jérôme Thiesson und Sally Sarr dazu, hatte Luzern in der Saison 2011/12 die statistisch stärkste Verteidigung. Alle Protagonisten sind noch da. Die Innerschweizer bekamen am wenigsten Gegentore der gesamten Liga, wurden Zweite und schafften den Einzug in den Cupfinal. Allerdings gibt es zu dieser Zeit einen entscheidenden Unterschied: Damals rannte im defensiven Mittelfeld mit Burim Kukeli einer der fleissigsten Spieler auf Schweizer Plätzen viele Kilometer, um die Abwehr zu unterstützen. Da hatte selbst der heutige Bayern-Spieler Xherdan Shaqiri im Dress des FC Basel kaum eine gefährliche Aktion, wenn er vom Duo Kukeli/Lustenberger in die Zange genommen wurde. Auch Nelson Ferreira (heute Thun) war sich am Flügel nie zu schade, lange Laufwege zurück an den eigenen Sechzehner zu machen. Der damalige Trainer Murat Yakin verzichtete in der Folge auf die beiden ausgesprochenen Teamplayer Kukeli und Ferreira.

Defensive Disziplin vernachlässigt

Abwehrturm Puljic und seine Verteidigung mussten sich letzte Saison mit einer anderen Realität auseinandersetzen. Lange Zeit wurde im Luzerner Mittelfeld nicht mehr so viel gelaufen. Erst als der Abstiegskampf im Frühling akut wurde, Carlos Bernegger für Ryszard Komornicki die Mannschaft übernahm, wurde die defensive Disziplin im Mittelfeld wieder besser – und auch die Offensivspieler arbeiteten bei Ballverlusten sofort für die Abwehr. Von einer solchen Einheit und dem schnellen Umschalten von Abwehr auf Angriff und umgekehrt war am Samstag in Aarau nichts mehr zu sehen. Nach etlichen Luzerner Ballverlusten im Mittelfeld waren vor allem die Aufsteiger vom Brügglifeld schnell mit dem Ball nach vorne unterwegs – die recht weit aufgerückte FCL-Abwehr war weit aufgerissen und musste mehrmals in Corner befreien. Eben zu jenen Eckbällen, die dann die haarsträubenden Zuteilungsprobleme in Berneggers Mannschaft offenbarten.

Puljic: «Als Team zusammenrücken»

Puljic ist sich bewusst, dass er zu den Spielern gehört, die sich schnell steigern müssen, um weitere solche Schlappen zu verhindern. «Ich bin mit meiner Leistung im Moment nicht zufrieden, die Leistungen müssen möglichst bald besser werden.» Der Führungsspieler aus der schönen Hafenstadt Zadar an der Adria besitzt recht grosse Erfahrung, er sagt: «Es sind erst zwei Runden gespielt, wir haben drei Punkte geholt. Jetzt müssen wir Ruhe bewahren und aus unseren Fehlern lernen.» Er nimmt die Worte von Sportdirektor Alex Frei (34) auf und fordert im Hinblick auf den nächsten Match am Sonntag (13.45) in der Swissporarena: «Es ist ein Muss, dass wir als Team zusammenrücken, damit wir gegen den FC Zürich wieder eine starke Einheit sind.»

Von Frei erhält Puljic übrigens Unterstützung und Vertrauen zugesprochen. «Wir erwarten und sind ganz sicher, dass Puljic der Fels in der Brandung und der Leader der Abwehr sein wird», sagt der Sportdirektor.