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FUSSBALL: «Wir brauchen bessere Strukturen»

Wie ist das Niveau an der Frauen-WM in Kanada zu beurteilen? Wie wird der Nachwuchs in der Innerschweiz gefördert? Bigi Meier, Trainer des NLA-Frauenteams des FC Luzern, gibt Auskunft.
Er warnt eindringlich davor, Frauenfussball mit Männerfussball zu vergleichen: FCL-Coach Bigi Meier (65). (Bild: Pius Amrein)

Er warnt eindringlich davor, Frauenfussball mit Männerfussball zu vergleichen: FCL-Coach Bigi Meier (65). (Bild: Pius Amrein)

Interview Theres Bühlmann

Bigi Meier, wie oft sind Sie während der Frauen-WM nachts aufgestanden, um sich die Spiele anzusehen?

Bigi Meier*: Regelmässig. Ich habe mir alle Spiele der Schweizerinnen angeschaut, denn ich will den Frauenfussball auf höchster Ebene studieren und ihn auch in der Schweiz und in unserer Region weiterbringen.

Wie fällt Ihr Fazit aus?

Meier: Die Frauen präsentieren sich auf einem sehr hohen Niveau. Die Schweizerinnen haben viel in diese WM investiert, die Spielzüge sind gut einstudiert. Sie wirken manchmal aber etwas verkrampft, und mir fehlt die Kreativität. Zudem müssen das Zweikampfverhalten und das Dribbling verbessert werden. Das ist aber alles eine Sache der Erfahrung.

Diese Weltmeisterschaft hat eine hohe Medienpräsenz. Könnte das in der Schweiz und in unserer Region einen Boom auslösen?

Meier: Wenn die Schweizerinnen weiterhin Erfolg haben und gegen Kanada liegt einiges drin –, sage ich Ja. Trotzdem, der Frauenfussball ist in der Schweiz noch lange nicht angekommen, auch in unserer Region nicht. Das belegen die Zuschauerzahlen bei unseren Spielen des Frauenteams beim FC Luzern. Da kommen durchschnittlich etwa 70 Personen.

Und woran liegt das?

Meier: Was die Ausbildung betrifft, sind wir auf dem richtigen Weg. Aber die Strukturen müssen verbessert werden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Meier: Wir müssen die Schweizer Meisterschaft interessanter gestalten. Wir sind eine Zweiklassengesellschaft geworden. Alles dreht sich um den FC Zürich, der hat am meisten Unterstützung. Zudem wandern die besten Spielerinnen ins Ausland ab, das ist für den Schweizer Klubfussball nicht gerade förderlich. Die zweite Klasse muss wieder an die erste herangeführt werden.

Und wie soll das bewerkstelligt werden?

Meier: Indem man unter anderem – die Spielerinnen, die im Ausland engagiert sind, zurückholt und ihnen einen Job, verbunden mit einer Spesenentschädigung, anbietet.

Grundsätzlich muss man doch schon sehr früh bei den Mädchen die Liebe und die Freude zum Fussball wecken, damit sie am Sport dranbleiben.

Meier: Eigentlich fehlen den Frauen 1000 Stunden. Sehen Sie, die Knaben spielen auf dem Pausenplatz Fussball, auf der Strasse einfach überall. Die haben das Fussballgen von klein auf intus. Bei den Mädchen fehlt dies. Das sieht man auch an den teilweise mangelnden Bewegungsabläufen, der letzte Kick ist nicht vorhanden.

Die Mädchen werden aber früh erfasst im D-Junioren-Alter – und können bis zum 15. Altersjahr mit einer Doppellizenz bei den Knabenteams spielen. Da müssten sie es doch eigentlich lernen, sich durchzusetzen.

Meier: Dieses System hat viele Vorteile, aber manchmal wünschte ich mir, die Mädchen würden vermehrt untereinander spielen. Es kommt schon vor, dass in einer gemischten Mannschaft die Buben den Ball in ihren Reihen laufen lassen und die Mädchen so zu kurz kommen.

Wie sieht denn die Entwicklung bei den Mädchen und Frauen regional aus?

Meier: Der Innerschweizerische Fussballverband macht einiges, vor allem zusätzliche Trainings. Mit jenen Spielerinnen, die Sportklassen besuchen, gibt es nun neben dem viermaligen Training in der Woche – noch zwei zusätzliche Einheiten. Ich würde sagen, es geht aufwärts. Der FC Luzern holte sich bei der U 18 den Schweizer-Meister-Titel, da gibt es Spielerinnen mit Potenzial, die sich für höhere Aufgaben empfehlen.

Sie haben gute Vergleichsmöglichkeiten: Gibt es Mentalitätsunterschiede zwischen den Männern und den Frauen im Fussball?

Meier: Frauen spielen Fussball, Männer denken Fussball. Frauen sind da weniger realistisch. Wenn ein Spiel verloren geht, denken sie, das ist Pech. Männer dagegen hinterfragen, weshalb sie nun verloren haben. Aber das ist ein laufender Prozess bei den Frauen, sie müssen noch vermehrt lernen, ihre Persönlichkeit einzubringen.

Auch beim FCL-Frauenteam?

Meier: Teilweise ja, aber sie sind alle mit Leidenschaft dabei und zeichnen sich durch sehr viel Fleiss aus. Ich habe für dieses Amt nicht zuletzt auch zugesagt, weil ich den Frauenfussball weiterbringen will. Ich bin ein Tüftler und will herausfinden, was machbar ist.

Lassen Sie uns noch mal den Frauen- und den Männerfussball vergleichen.

Meier: Frauenfussball und Männerfussball darf man nie vergleichen. Man macht dies im Tennis und beim Skifahren auch nicht.

Sie haben Ihr FCL-Frauenteam also noch nie gegen eine Männermannschaft spielen lassen?

Meier: Einmal, eine halbe Stunde beim Training, gegen eine 4.-Liga-Mannschaft. Ich habe gesehen, dass es da in der Defensive und in der Offensive haperte. Das war das erste und letzte Mal und ich mache eben ungern Vergleiche.

Noch einmal zurück zur Weltmeisterschaft: Das Outing einiger Spielerinnen sorgt neben dem Fussballplatz für Schlagzeilen. Wurden Sie als Trainer eines Frauenteams darauf angesprochen?

Meier: Nein. Früher war das noch ein Tabu, heute ist das überhaupt kein Thema mehr.

Zum Schluss noch ein Tipp von Ihnen: Wer wird Weltmeister?

Meier: Ganz klar: Deutschland.

* André Bigi Meier (65) wohnt in Zürich, spielte einst bei Luzern und GC (fünfmal Schweizer Meister) und war 1999 auch als Interimstrainer beim FC Luzern tätig. Zudem trainierte er den SC Zug und den FC Baden, war Juniorenchef bei GC, Winterthur, Luzern und dem SC Kriens. Seit einem Jahr ist er der Trainer der NLA-Frauenmannschaft des FC Luzern und übernimmt ab der nächsten Saison auch das 3.-Liga-Männerteam des Luzerner SC.

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