FUSSBALL: «Wir haben keinen Hakan mehr»

FCL-Assistenztrainer Thomas Wyss (47) hat beim 1:1 gegen Sion die Schwäche des Teams bei Standardsituationen gesehen. Im Interview nimmt er Stellung.

Interview Daniel Wyrsch
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Eine für den FCL typische Szene: Nach einer zu harmlosen Standardsituation holt sich der gegnerische Goalie (hier Sions Andris Vanins) sicher den Ball herunter. (Bild: Philipp Schmidli)

Eine für den FCL typische Szene: Nach einer zu harmlosen Standardsituation holt sich der gegnerische Goalie (hier Sions Andris Vanins) sicher den Ball herunter. (Bild: Philipp Schmidli)

Thomas Wyss, was braucht es, damit aus einem Fussballer ein guter Freistoss- und Cornerspezialist wird?

Wyss: Es gibt Spieler, die sind dafür prädestiniert, andere weniger. Ein perfekter Freistoss- und Cornerschütze war Hakan Yakin. Für den FCL war es genial gewesen, ihn im Team zu haben. Einen wie Hakan haben wir nun nicht mehr. Letzte Saison hatten wir ein paar Tore nach Standardsituationen erzielt, aber sicher ist es nicht unsere Stärke. Die Standards sind ein Punkt, den wir genauer analysieren.

Was benötigt ein Team, damit es bei Standardsituationen gefährlich ist?

Wyss: Neben einem guten Schützen braucht es Leute, die in die Bälle reingehen und über die nötige Grösse verfügen. In der Liga ist der FC Aarau ein gutes Beispiel. Die Aarauer hatten in der letzten Saison mit Standardspezialist Lüscher sowie den grossen, kräftigen Garat und Ionita Spieler, die Vorlagen verwerteten – ein extrem starkes Trio. Logisch hatte Aarau ein Hauptaugenmerk auf diese Stärke gelegt. Auf höchstem Niveau hat Weltmeister Deutschland in Brasilien gezeigt, dass er eine perfekte Mannschaft ist. Die Standards waren eine zusätzliche Waffe zur spielerischen Klasse und Ausgeglichenheit des Teams. Wir in Luzern spielen mehrere Stufen weiter unten, wir können einen Standardspezialisten nicht einfach so aus dem Hut zaubern.

Trotzdem: Gegen Sion hat der FCL zehn Corner und mehrere Freistösse treten können. Mit der Ausnahme von vereinzelten Eckstössen, die Jahmir Hyka ausführte, hat Adrian Winter alle Standards getreten. Gibt es zu ihm keine Alternativen?

Wyss: Selbstverständlich analysieren wir das. Das heisst aber nicht, dass Adi nicht weiter Standards schlägt. Sein Corner in der 25. Minute war gefährlich, Kaja Rogulj kam nur knapp nicht mehr an den Ball. Manchmal fehlt es unseren Spielern vor dem Tor an der letzten Konsequenz, dort müssen wir mehr Mut haben.

Der Vorteil von Eckbällen und Freistössen ist, dass man sie alleine stundenlang ohne Gegner üben kann. Weltmeister Toni Kroos, der diese Bälle fast immer perfekt in die Gefahrenzone schlägt, soll sich diese unglaubliche Präzision antrainiert haben. Sie waren früher selbst ein guter Standardschütze. Ohne zu üben, kommt man kaum zu dieser Klasse. Übt man das beim FCL auch?

Wyss: Natürlich, wir tun es regelmässig. Alle wollen immer besser werden. Es wäre eine falsche Annahme, wenn man glauben würde, beim FCL seien die Spieler nicht ehrgeizig!

Wie versuchen Sie die Situation beim FCL zu verbessern, damit die ruhenden Bälle gefährlicher werden?

Wyss: Mit eingestreuten anderen Varianten wie einem kurzen Corner und bei den Freistössen mit einem Trick und diversen Varianten. Ich muss an dieser Stelle meine grundlegende Meinung loswerden: Die Mannschaft ist solidarisch, da wächst etwas zusammen. Obwohl uns in den ersten beiden Pflichtspielen gegen Sion und St. Johnstone kein Sieg gelungen ist, dürfen wir nicht nervös werden. Zweimal 1:1 ist so schlecht auch wieder nicht. Und das Cornerverhältnis von 10:1 gegen Sion ist auch sehr positiv zu werten. Gegen einen solch kompakten Gegner zu zehn Eckbällen zu kommen, bedeutet viel Aufwand. Auch wenn uns selbstverständlich klar ist, dass wir mit keinem Tor aus zehn Cornern das Soll nicht ganz erfüllt haben.

Umgekehrt war Sion bei seinen seltenen Standardsituationen brandgefährlich und hat auf diese Weise den Ausgleich erzielt.

Wyss: Unser noch nicht optimales Abwehrverhalten bei ruhenden Bällen des Gegners ist nicht zu leugnen. Man muss sehen, dass wir durch den Weggang von Puljic an Grösse verloren haben, dafür bringt Rogulj wertvolle spielerische Qualitäten mit. Wissen Sie, was ich Ihnen, Ihren Lesern und allen FCL-Interessierten zum Spiel gegen Sion aber unbedingt sagen will?

Sagen Sie Ihre Meinung!

Wyss: Die neu formierte Mannschaft hat am Sonntag spielerisch eine gute Leistung gezeigt. Wir lassen unter Carlos Bernegger einen konstruktiven Fussball spielen, gehen bewusst Risiken ein. Es ist ein neuer Weg für einen Klub, der lange nur für Kampffussball stand. «Gras fressen» ist Grundvoraussetzung. Wir wollen jedoch eine nachhaltige spielerische Kultur beim FCL einbringen, weg vom Hauruckstil der Vergangenheit. Carlos Bernegger ist dazu der richtige, hoch kompetente Trainer.

Zur Person

Thomas Wyss (47) ist seit letzter Saison Assistenztrainer beim FC Luzern. Der frühere Mittelfeldspieler stammt aus Littau, war Profi bei Luzern, GC, Aarau und St. Gallen. Der elffache Nationalspieler nahm 1994 an der WM in den USA teil.

An der WM im Rampenlicht, beim FCL im Offside

dw. Oliver Bozanic (25) ist einer der wenigen Fussballer, für die vor einem Monat in Brasilien ein Bubentraum wahr wurde. Der FCL-Mittelfeldspieler durfte mit Australiens Nationalmannschaft an der WM spielen. Alles in allem hatte er 110 Minuten Einsatzzeit in zwei Gruppenpartien. Zuerst wurde Bozanic gegen die Niederlande eingewechselt. Auf der linken Mittelfeldseite machte er für die «Aussies» gegen die holländischen Weltstars Robben, Van Persie und Co. so viel Druck, dass er einen Handspenalty herausholte sowie spiel- und zweikampfstark die zwischenzeitliche Wende vom 0:1 zum 2:1 einleitete. Am Ende verlor Australien nach einem Tor von Van Persie und einem Goaliefehler dennoch standesgemäss mit 2:3.

Aber Bozanic durfte im abschliessenden Gruppenmatch gegen das ebenfalls in der Vorrunde ausgeschiedene Spanien von Anfang an ran. Zwar setzte es gegen den Ex-Weltmeister ein 0:3 ab, doch Luzerns einziger WM-Teilnehmer durfte mit seinem ganz persönlichen Abschneiden in Brasilien zufrieden sein. Zurück in Luzern erzählte Bozanic begeistert: «Das Turnier war ein fantastisches Erlebnis. Für die Zukunft im australischen Team habe ich gute Perspektiven. Nach den Rücktritten einiger älterer Spieler sind wir noch jünger geworden, Trainer Ange Postecoglou macht einen tollen Job.»

Seither sind zwei Wochen vergangen. Bozanic hat für den FCL im Qualifikationshinspiel zur Europa League gegen St. Johnstone (1:1) die letzten 15 Minuten bestritten. Auf dem ungewohnten linken Flügel zeigte er ein paar gute Aktionen. Zweimal brachte er beispielsweise Dario Lezcano durch clevere Pässe in eine aussichtsreiche Position. Aus Perth – nicht der weltbekannten australischen Metropole, sondern dem ursprünglichen Perth in der «Alten Welt», in Schottland – ist von St.-John­stone-Trainer Tommy Wright zu vernehmen: «Luzern wechselte mit dem Australier Oliver Bozanic einen Spieler ein, der an der WM spielte. Das zeigt, wie stark diese Mannschaft ist.»

Bozanic hat schlechte Karten

Ob das schottische Publikum den WM-Teilnehmer im Rückspiel tatsächlich im Einsatz sieht, steht in den Sternen. Obwohl FCL-Trainer Carlos Bernegger über Bozanic sagte, dass dieser nach 14 Tagen Ferien wie immer topfit zurückgekommen sei, hat er derzeit schlechte Karten. Gegen Sion (1:1) wurde er am Sonntag nicht eingesetzt, obwohl das Wechselkontingent gar nicht ausgeschöpft worden war.

Letzte Saison startete das 50 000-Franken-Schnäppchen Bozanic in den ersten vier Runden beim FCL gleich mit fünf Toren durch. Jetzt muss «Oli» geduldig auf seine Chance warten.