FUSSBALL: «Wir müssen noch mehr rackern»

Drei Tage vor dem ersten Luzerner Pflichtspiel fällt der Vergleich mit dem Vorjahresteam durchzogen aus. Doch mit «kollektivem Denken», wie es Trainer Carlos Bernegger sagt, kann die neue FCL-Mannschaft den Unterschied machen.

Daniel Wyrsch
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Braucht von seinen Mitspielern weiterhin Vorlagen: der neue FCL-Stürmer Marco Schneuwly, hier Ende Juni im Testspiel gegen den FC Schaffhausen. (Bild Philipp Schmidli)

Braucht von seinen Mitspielern weiterhin Vorlagen: der neue FCL-Stürmer Marco Schneuwly, hier Ende Juni im Testspiel gegen den FC Schaffhausen. (Bild Philipp Schmidli)

Der FC Luzern hat eine Zäsur erlebt. Auf fast allen zentralen Positionen ist es zu personellen Wechseln gekommen. Drei Tage vor dem Qualifikations-Hinspiel zur Europa League gegen den schottischen Cupsieger St. Johnstone (Donnerstag, 19.30 Uhr, Swissporarena) und sechs Tage vor dem Liga-Start, ebenfalls zu Hause, gegen Sion (Sonntag, 13.45 Uhr) stellen sich Fragen: Wie wettbewerbstüchtig ist die neue Mannschaft? Was hat sich im Vergleich mit dem Vorjahresteam verbessert? Wo sind noch Defizite auszumachen?

Die Mannschaft der Ausgabe 2014/15 ist nach fünf Testspielen, die gegen vier Challenge-League-Klubs sowie Spartak Moskau allesamt gewonnen wurden, noch nicht eingespielt und kann selbstverständlich nicht schlüssig beurteilt werden. Tendenzen sind gleichwohl feststellbar. Vor allem im hart und intensiv geführten Match gegen Murat Yakins qualitativ recht hochwertig besetzte Mannschaft von Spartak Moskau hinterliess Luzern einen schon erstaunlich soliden Eindruck. Dabei ist das Resultat – der FCL siegte 2:0 – nur ein Teil. Wichtiger: Carlos Berneggers Team hielt gegen die sehr aggressiven Russen physisch wie spielerisch stand.

Berneggers deutlicher Aufruf

Trotzdem forderte Bernegger von seinen Mannen am Samstag nach dem 4:1 gegen Biel: «Wir müssen noch mehr rackern. Beim Start geht es sofort von null auf hundert. Fehlende Zeit gilt es damit zu kompensieren, dass jeder über seine Grenze geht und das kollektive Denken im Zentrum steht.»

Im Vergleich zwischen dem aktuellen und dem vorherigen FCL-Fanionteam fällt auf: «Die Stimmung in der Mannschaft ist positiver als im Vorjahr», stellt Klublegende Kudi Müller nicht als Einziger aus dem nahen Umfeld fest. Dagegen sahen die Beobachter der Testspiele: Die zentrale Abwehr bleibt eine Schwachstelle, und in der Offensive stellt sich die Frage: Können die Neuen, Marco Schneuwly und der bislang angeschlagene Jakob Jantscher, die spielerische Klasse und Schlitzohrigkeit von Dimitar Rangelov wettmachen?

Unser Vergleich auf den einzelnen Positionen:

  • Goalie: Bei den Torhütern hat sich, als einzige Position der zentralen Achse, nichts verändert. David Zibung geniesst weiter das Vertrauen des Trainers. Bernegger fordert vom erfahren Goalie: «David muss unsere neu formierte Abwehr lautstark dirigieren.» Zibungs ErsatzLorenzo Bucchi bewies gegen Spartak Moskau und Biel, dass er eine sichere Nummer 2 mit grosser Ausstrahlung ist.
  • Innenverteidiger: Das Stammduo der letzten drei Jahre, Tomislav Puljic/Florian Stahel, musste gehen. Für beide war es eine schwierige letzte Saison gewesen. Schon im Januar kam François Affolter, doch konnte sich der fünfmalige Nationalspieler nicht durchsetzen. Jetzt spielt er an der Seite von Zuzug Kaja Rogulj (von Austria Wien). Während der Kroate ruhig und solide agiert, bleibt Affolter eine Wundertüte.Im Abwehrverhalten und beim Passspiel schleichen sich immer wieder Schnitzer ein – wie zuletzt gegen Biel. Fazit: Affolter muss zwingend konstanter werden, sonst haben die gegnerischen Angreifer ein leichtes Spiel beim Toreschiessen.
  • Aussenverteidiger:Yassin Mikari (zumClub Africain Tunis) wird als dynamischer linker Verteidiger und Flügel in der Offensive sicher vermisst. Claudio Lustenberger bringt vielErfahrung mit. Wenn der Krienser seine physische und kämpferische Power auf den Platz bringt, ist er ein Führungsspieler. Rechtsverteidiger bleibt Sally Sarr, Jérôme Thiesson dürfte derzeit aber die besseren Karten auf den Startplatz haben. Back-up für beide Abwehrseiten ist Fidan Aliti. Die Aussenverteidigung steht insgesamt recht sicher, ist offensiv jedoch unspektakulär.
  • Sechser: Michel Renggli (34) hat seine Karriere mit dem Sieg gegen Thun und dem europäischen Ticket positiv beendet. Nachfolger Thierry Doubai ist physisch stark, hat aber schwere Verletzungen hinter sich. Die Spielpraxis fehlt dem Ivorer (zuletzt bei Sochaux) noch. Als Alternative hat Remo Freuler erfreuliche Ansätze gezeigt. Ingesamt ist die zentrale Position vor der Abwehr nun etwas besser besetzt.
  • Achter: «Das spielerische Element soll Jakob Jantscher in unser Spiel bringen», sagt Bernegger über den Neuen aus Österreich. Jantscher benötigt nach einer schlechten Saison bei Njimegen (Ho) viele Einsatzminuten, um wieder in Schwung zu kommen. Die Variabilität, wie sie Rangelov als spielmachender Mittelstürmer in seiner zweiten FCL-Saison verkörperte, besitzt Jantscher nicht. Dafür macht Freuler erfreuliche spielerische Fortschritte, Wiss dürfte im Mittelfeld die kämpferische Rolle behalten. Gespannt darf man sein, wie Oliver Bozanic nach erstaunlichen 110 Minuten Einsatzzeit an der WM für Australien beim FCL wieder eingegliedert wird. Nur Nebenrollen bleiben derzeit Xavier Hochstrasser und Sava Bento. Nimmt man den Sechser und die Achter zusammen, ist das zentrale Mittelfeld qualitativ in etwa gleich einzuschätzen wie in der letzten Saison. •Flügel: Linksaussen Mikari ist wie erwähnt nicht mehr an Bord, doch Sportchef Alex Frei und Chefscout Remo Gaugler haben mit Claudio Holenstein und Ridge Mobulu Druck machende Alternativen für Jahmir Hyka und Adrian Winter geholt. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, deshalb darf trotz Mikaris Absprung mit mindestens der gleichen Qualität über die Aussenseitengerechnet werden.
  • Mittelstürmer:Der aus Thun gekommene Marco Schneuwly hat in der Vorbereitung die Erwartungen erfüllt. Regelmässig hat er getroffen. «Er ist mein Batistuta», freut sich Bernegger mit einem Beispiel anhand des ehemaligen torgefährlichen argentinischen Nationalspielers. Gleichzeitig macht sich der Trainer Sorgen, ob der Stürmer in den Pflichtspielen genügend Vorlagen bekommt. Eine Idee wäre vielleicht, mit einem 4-4-2 zu spielen. Dann könnte Dario Lezcano (oder Jantscher) an der Seite von Schneuwly stürmen. Lezcano bewies mit zwei Assists gegen Spartak Moskau, dass er den letzen Pass schlagen kann. Fazit: Nur gefüttert mit präzisen Zuspielen gelingt es Schneuwly, die erhofften 10 bis 15 Saisontreffer zu erzielen