KRAWALLE: Nutzten Chaoten Fehler bei Fan-Route?

Zürcher und Luzerner Chaoten gingen aufeinander los, weil die Fan- routen zu nahe beieinander lagen. Die Polizei analysiert, und der FCL ist überzeugt, alles richtig gemacht zu haben.

Drucken
Teilen
Aufruhr im Sektor D1, nachdem Zürcher Anhänger über den Zaun gestiegen sind und auf einen Luzerner eingeprügelt haben. (Bild: Philipp Schmidli)

Aufruhr im Sektor D1, nachdem Zürcher Anhänger über den Zaun gestiegen sind und auf einen Luzerner eingeprügelt haben. (Bild: Philipp Schmidli)

Guy Studer

Scharmützel im Stadion, wüste Strassenschlachten, eine sichtlich geforderte, wenn nicht überforderte Polizei und grosser Sachschaden. So liest sich eine Kurzbilanz der Krawalle nach dem Spiel vom Montag gegen den FC Zürich. Augenzeugen berichten, wie Chaoten vom Zürcher Lager in wilder Zerstörungswut ein Quartier in Angst und Schrecken versetzten (siehe Box).

Polizei bewilligte Fanmärsche

Bereits vor dem Spiel wurden Fanmärsche von Zürcher wie auch Luzerner Fans zum Stadion von der Polizei bewilligt. Der Grund für den Luzerner Marsch: Das Fanlokal Zone 5 am Bundesplatz war geschlossen (Ausgabe von gestern). Gemäss FCL und Polizei hat sich die Besitzerin gegen eine Öffnung an einem Feiertag geweigert.

Auch der Marsch der Zürcher Fans nach dem Spiel vom Stadion zum Bahnhof sei «aufgrund der Lagebeurteilung» von der Polizei abgesegnet worden, wie Polizeisprecher Urs Wigger auf Anfrage bestätigt. Vor dem Spiel hatten sich die FCL-Anhänger auf dem Schwanenplatz besammelt und waren zu Fuss zum Stadion marschiert. Dazu sagt Wigger: «Die Polizei hat von diesem Fanmarsch kurzfristig Kenntnis bekommen. Er wurde aus einsatztaktischen Gründen so toleriert. Mit dem Extrazug kamen kurze Zeit später rund 600 FCZ-Fans beim Bahnhof Luzern an. So konnte ein direktes Aufeinandertreffen der beiden Fangruppierungen verhindert werden.»

Zürcher jagen Luzerner

Auf dem Rückweg aber gelang dies der Polizei nicht mehr. Als Zürcher Chaoten Anfang Voltastrasse bemerkten, dass Luzerner Fans via Villenstrasse/Eschenstrasse zum Bahnhof marschierten, war eine Konfrontation nicht mehr zu vermeiden. Zwar riegelten Polizisten die Moosmattstrasse zwischen den beiden Fanrouten ab. Doch zwischen den Häusern der Voltastrasse hindurch hatten die beiden Lager Sichtkontakt. «Dabei wurde beidseitig aktiv die Konfrontation gesucht», so Wigger. Es kam mehrmals zu Zusammenstössen, wobei gemäss Augenzeugen vor allem Zürcher Chaoten Jagd auf Luzerner machten. Die Polizei setzte Gummischrot ein, um die Krawalle aufzulösen. Wigger bestätigt, dass es zu Sachbeschädigungen gekommen ist an Autos, Gebäuden und deren Einrichtung. Über Verletzte hat die Polizei keine Kenntnis. Ein Zürcher wurde bei den Krawallen verhaftet und befindet sich inzwischen wieder auf freiem Fuss. Ansonsten verfügt die Polizei über Bildmaterial, das nun ausgewertet werde.

Schlägerei bereits im Stadion

Wie aber konnte es kommen, dass die beiden verfeindeten Gruppierungen, die sich im letzten August bereits in der Stadt eine wilde Strassenschlacht lieferten, in Sichtweite zum Bahnhof marschieren konnten? «Der Abmarsch wäre eigentlich so organisiert, dass die Fans nicht aufeinandertreffen», sagt Wigger dazu. Warum beide Lager gleichzeitig unterwegs waren, kann er nicht beantworten. Auch dazu, ob die Wahl der Marschrouten generell nicht sehr durchdacht waren, kann Wigger noch nichts sagen. «Wir werden die Sache intern sicher analysieren.» Warum aber hat man die Fans marschieren lassen und nicht auf den Bustransport gedrängt? Wigger: «Beim Heimspiel im August 2014 gegen den FCZ wurden die Busse mit den Gästefans von den FCL-Fans angegriffen, und es kam zu massiven Auseinandersetzungen mit mehreren verletzten Personen.»

Doch nicht nur in der Stadt kam es am Montag zu Fangewalt. Sogar im Stadion flogen die Fäuste. Nach dem Abpfiff überwanden drei Zürcher Anhänger den Zaun des Gästesektors und gelangten so in den danebenliegenden Sektor D1. Dort gingen sie gezielt auf Luzerner Fans los, vor den Augen von Familien mit Kindern. «Das zuständige Sicherheitspersonal griff weder ein, noch packte und verhaftete es sie», schreibt ein Leser, der im Stadion das Geschehen mitverfolgte. Für ihn ein Zeichen der Überforderung und Unbeholfenheit.

Um dazu ausführlich Stellung nehmen zu können, luden die Verantwortlichen des FC Luzern gestern Medienvertreter ins Stadion ein. Stadionmanager Reto Mattmann schilderte die Situation wie folgt: «Es begann mit einem Bierbecherwurf eines Luzerner Fans, worauf eine Auseinandersetzung mit einem Zürcher entbrannte.» Danach seien die drei Zürcher aus ihrem Sektor dazugestossen. Warum hat man die Aggressoren nicht einfach gepackt? «In solchen Situationen müssen wir abwägen», so Mattmann. «Wir wollen keine Massenschlägerei provozieren, das hat nichts mit Überforderung oder Unfähigkeit zu tun.» Man habe stattdessen Videoaufnahmen der Täter gemacht, die nun ausgewertet würden. «Die Täter sind identifizierbar, wir werden dem nachgehen und Stadionverbote aussprechen.» Beim FCL ist man überzeugt, dass dies die richtige Vorgehensweise ist. Zur Fangewalt im Stadion, deren Bewältigung Sache des FCL ist, sagt Präsident Ruedi Stäger: «Wir müssen hier klar trennen zwischen den Krawallen in der Stadt und dem Vorfall im Stadion.» Im Stadion habe es keine Verletzten gegeben und keinen Sachschaden. «Das sind Jugendliche, die Grenzen ausloten wollen und einander beeindrucken.» Man dürfe einen solchen Vorfall nicht überbewerten. Sicherheitschef Hodel fügt an: «In vier Jahren ist dies der zweite Vorfall im Stadion. Und es war nichts Gravierendes.»

Auftrieb für Polizeigesetz?

Die FCL-Verantwortlichen wollen nicht den Vorwurf auf sich sitzen lassen, nicht alles für die Sicherheit im Stadion zu tun. So sind gemäss Sicherheitschef Marcel Hodel vor und während des Spiels zwei Zürcher Anhänger, die «gegen die Stadionordnung verstossen» hätten, rausgenommen worden. Der FCL hat sie je mit einem zweijährigen Stadionverbot belegt. Seitens FCL bestätigt man auch, dass die Swiss Football League (SFL) im Rahmen ihres Pilotprojekts «Focus One» Videoaufnahmen beim und im Stadion gemacht hat. Die SFL gibt darüber ihrerseits keine Auskunft. Die neusten Vorfälle rund um ein FCL-Spiel kommen zu einem heiklen Zeitpunkt für den Verein. Im Juni berät der Kantonsrat über das revidierte Polizeigesetz. Gemäss diesem drohen dem FCL Beteiligungen von bis zu 80 Prozent an den Polizeikosten. FCL-Präsident Ruedi Stäger wehrt sich dagegen: «Wir bezahlen bereits heute von allen Klubs, gemessen an den Besuchern, mit Abstand am meisten für die Sicherheit.»

Bei der Fanarbeit des FC Luzern war gestern niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Zürcher Chaoten wüten mit Eisenstangen vor dem Café Volta in der Voltastrasse. Kurz darauf kommts zu Krawallen. (Bild: PD)

Zürcher Chaoten wüten mit Eisenstangen vor dem Café Volta in der Voltastrasse. Kurz darauf kommts zu Krawallen. (Bild: PD)