Obama-Nudeln

Anemi Wick, Luzerner Journalistin, lebt und arbeitet in Hanoi (Vietnam)

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Mahmoud Kahraba muss den FCL per sofort verlassen. (Bild: Keystone)

Mahmoud Kahraba muss den FCL per sofort verlassen. (Bild: Keystone)

Er hat also Reisnudeln mit gegrillten Fleischmöckli gemampft, hier in Hanoi, der amerikanische Noch-Präsident Barack Obama. Also eigentlich kam er ja, um mit den Vietnamesen über die Aufhebung des Waffenembargos, wirtschaftliche Sachen und vielleicht noch so ein bisschen über Menschenrechte zu reden. Aber die Nudeln waren hier ganz klar das grössere Trara. «Bun cha» heisst das Gericht auf Vietnamesisch. Der Food-Fernsehpromi Anthony Bourdain ass es mit dem Präsidenten in einer «Arbeiterbeiz», wie er es nannte, und schrieb dann, Obama habe sich dort auf diesem niedrigen Plastikhocker sitzend pudelwohl gefühlt und könne total gut mit Essstäbchen umgehen.

Der Plastikhocker, auf dem Obama sass, war um die 45 Zentimeter hoch. Das ist nicht niedrig. In ­Vietnam ist das ein Plastikturm. Die normalen Plastikhocker sind hier ungefähr halb so hoch, Kindergartenmöbelgrösse. Gross gebaute Westler klemmen sich die Blutzufuhr in den Beinen ab, wenn sie sich da draufsetzen. Breitbeinig oder schräg, weil sie die Beine nicht unter die ebenso kleinen Tischchen gemurkst kriegen. Die Vietnamesen hingegen können sogar ohne Stühle sitzen, stundenlang können sie in einer Hockstellung verharren. Die Fusssohlen am Boden tragen das ganze Gewicht, die Knie- und Hüftgelenke maximal gebeugt. Versuchen Sie das mal!

Aber zurück zur «Bun cha»: Ich fuhr mit meinem Kollegen Christian zu dieser Beiz, wo Obama gegessen hatte. «Bun cha» gibt es an jeder Ecke, normalerweise nur zum Zmittag, so zwischen 11 und 13.30 Uhr. Das Gericht ist himmlisch, etwas vom Besten, was Hanois Strassen an Essen zu bieten haben. Um Punkt 11 waren wir also an der Le-Van-Huu-Strasse, ganz viele andere Leute waren auch da. Einige fuhren mit teuren Autos vor, aber es hiess, «wir haben keine ‹Bun cha› mehr, alles schon weg». Das war eine knappe Woche nach dem Obama-Besuch. Wir versuchten es mehrmals, weil jetzt wurde es ja erst so richtig interessant.

Beim dritten Anlauf standen wir schon um 8.50 Uhr vor der Beiz und kamen dann auch rein. Den Raum mit dem Obama-Tisch im zweiten Stock hatten sie umgestellt. Es sah anders aus als auf dem Foto mit Obama. Und so begannen wir, die Tische ein bisschen herumzuschieben. Der Authentizität wegen. «Ihr könnt hier nicht einfach Tische herumschieben», sagten die Bun-Cha-Leute. Sie sahen schon früh am Morgen um 9 Uhr ein bisschen erschöpft aus.

Der Raum, weiss gekachelt und mit Neonröhren beleuchtet, war bis auf einen weiteren Tisch noch leer. Die «Bun cha» liess auf sich warten. Grüntee haben wir gerade keinen, hiess es. So wenig Geschäftssinn begegnet man in Hanoi eher selten. In einer Ecke stand am Boden ein vergrössertes Foto vom Bun-cha-essenden Obama. Zum es irgendwo aufzuhängen, konnte man sich wohl noch nicht entschliessen. Ich fand das ja fast schon wieder cool, diese Wir-haben-eigentlich-nicht-so-richtig-Bock-auf-dieses-Gschtürm-Attitüde. Man hätte hier ein Vermögen machen können.