Kommentar

Das Ostschweizer Herz blutet - die Analyse zum Rücktritt von Tranquillo Barnetta

Die Identifikationsfigur des FCSG hat per Ende Saison den Rücktritt vom Fussball bekannt gegeben. Sein grünweisses Herz kann kein Neuzugang ersetzen.

Christian Brägger
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Sportredaktor Christian Brägger. (Bild: Urs Bucher)

Sportredaktor Christian Brägger. (Bild: Urs Bucher)

Nun ist es raus, Tranquillo Barnetta hört zum Ende dieser Saison auf. Nach 17 Jahren als Fussballprofi hängt der bald 34-Jährige seine Schuhe an den berüchtigten Nagel. Der grösste Spieler, den der FC St.Gallen jemals selbst herausgebracht hat, ist damit rein sportlich gesehen in knapp einem Monat Geschichte. Das Ostschweizer Herz blutet.

Wer am vergangenen Samstag noch bis zum Schluss voller Hoffnung im Stadion harrte, der sah in der 92. Minute gegen Luzern ein Prachtstor. Eines, wie es eben nur Barnetta bieten kann. Er traf direkt mit einem wunderbaren Schlenzer aus knapp 20 Metern – doch es änderte nichts mehr an der Niederlage zum 140-jährigen Bestehen des FC St. Gallen. Die Szene verdeutlicht, dass Barnetta nicht irgendwer ist für die Ostschweizer. Er ist Hoffnungsträger, Eigengewächs, Leit- und Identifikationsfigur. Er stillte die Sehnsucht der Anhänger nach der grossen, weiten Fussballwelt, eine Welt, in der sich ihr FC St. Gallen selten bewegt. Es war manchmal etwas gar viel der Last.

In der Notkersegg aufgewachsen, debütierte Barnetta mit 17 Jahren in der ersten Mannschaft des FC St. Gallen. Bald zog er weiter, rockte Deutschland und die Schweizer Nationalmannschaft. Barnetta gewann 2002 mit der U17-Auswahl den Europameistertitel, lief 75-mal für das
A-Nationalteam auf und traf dabei zehnmal, unter anderem an der WM 2006 gegen Togo oder im legendären Wembley gegen England. In der
1. Bundesliga spielte er für Leverkusen, Frankfurt, Schalke 04 und Hannover insgesamt 260-mal, es gab Auftritte in der Champions League. Ehe er im Karriereherbst für ein letztes Auslandabenteuer nach Amerika zu Philadelphia zog.

Schliesslich löste Barnetta, der trotz aller Erfolge stets der nette Junge von nebenan blieb, sein Versprechen ein und kehrte zum
FC St. Gallen zurück, um hier dereinst Adieu vom Sport zu sagen.
Weil er damals bereits 31 Jahre alt und der Körper von zahlreichen Verletzungen gezeichnet war, meinten die Kritiker, dass die Rückkehr zu spät erfolgte. Barnetta strafte sie nicht immer Lügen, aber das war in der unruhigen St. Galler Zeit auch kein einfaches Unterfangen; die Trainer Joe Zinnbauer, Giorgio Contini und Peter Zeidler setzten nicht bedingungslos auf ihn. Dabei ist Barnetta doch stets ein Spieler, der das Vertrauen spüren muss, um Leistung zu zeigen.

Nun ist also Schluss. Der FC St.Gallen verliert seine Galionsfigur, die ihn in die neue Saison hätte tragen sollen, ja müssen. Mehr denn je ist ungewiss, wie es mit den Ostschweizern weitergehen wird, die Prognose ist nicht besonders günstig, weil so vieles ungewiss ist für die kommende Spielzeit. Vor allem wird fortan etwas fehlen: Nicht nur der eigentümliche Laufstil, dieser zwar auch, aber vor allem der Mensch Barnetta, sein Fussballgeschick und seine Tore. Und ganz besonders Barnettas grünweisses Herz, das kann kein Neuzugang ersetzen – es wird nie Geschichte sein.