Christian Constantin, der inoffizielle Chefcoach des FC Sion: «Wenn wir da sportlich nicht rauskommen, dann war das mein Fehler»

Sion-Präsident Christian Constantin hat sich bei der Suspendierung von Murat Yakin medial mit viel Kalkül inszeniert. In der Partie vom Sonntag beim FC St. Gallen wird er nun zum Trainer. Er kennt den «Zeidler-Fussball».

Ralf Streule
Drucken
Teilen
«Noch weiss ich nicht, wie wir gegen St. Gallen antreten.» Christian Constantin wird bei der Taktik des FC Sion im Spiel gegen den FC St. Gallen ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Bild: (Adrien Perritaz/KEY, Sitten, 19.  April 2019)

«Noch weiss ich nicht, wie wir gegen St. Gallen antreten.» Christian Constantin wird bei der Taktik des FC Sion im Spiel gegen den FC St. Gallen ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Bild: (Adrien Perritaz/KEY, Sitten, 19. April 2019)

Der FC St. Gallen sei der ideale Aufbaugegner für Krisenclubs, behaupten einige St. Galler Anhänger seit Jahren. «Aufbauhilfe Ost» nennen sie dies mit einem Augenzwinkern. Will der Ostschweizer Club diesen zweifelhaften Ruf zementieren, hat er am Sonntag ab 16 Uhr die beste Gelegenheit dazu. Der FC Sion ist zu Gast. Der Club also, der eine Serie von fünf Spielen ohne Sieg hinter sich hat. Und vor allem: eine sehr aufwühlende Woche.

50 Trainerwechsel in der Constantin-Amtszeit

Nicht, dass es im Grunde etwas Aufwühlendes wäre, wenn Präsident Christian Constantin sich von einem Trainer trennt – 50 Mal hat er dies schliesslich in seiner Amtszeit bereits getan. Die Entlassung von Murat Yakin am Dienstag aber hat im Wallis doch etwas mehr Erstaunen und Emotionen ausgelöst als vorherige Trennungen. Dies, weil Constantin Yakin im Herbst als «besten Trainer der Schweiz» betitelte, ihn als Mann auf Augenhöhe akzeptierte und sich offenbar zuvor schon seit Jahren um eine Zusammenarbeit mit dem Trainer bemüht hatte.

Von einem «Schutzprogramm» für Yakin sprach man in welschen Medien im Herbst – und von der Hoffnung, dass im Wallis ein bisschen Ruhe in der Trainerfrage einkehre. Das Yakin-Schutzprogramm begann aber bald zu bröckeln. Der Trainer schien etwas zu sehr auf Präsidentenaugenhöhe auftreten zu wollen – ein grosser Fehler im FC Constantin. Mit einer wahren Medieninszenierung rückte Constantin die Hierarchie zurecht.

Die Yakin-Entourage hat das Vertrauen verspielt

Er begann schon im März, Entscheidungen seines Trainers zu kritisieren. Am Sonntag nach der 0:4-Heimniederlage gegen die Young Boys ging er vollends in die Offensive. Im «Blick» warf er Yakin und dessen Assistenten Marco Otero vor, zu wenig zu arbeiten und sich zu wenig um die Mannschaft zu kümmern im Vorfeld von Spielen. Am Dienstag erfolgte die Suspendierung. Die Yakin-Entourage, der nebst Otero auch Yakin-Berater Donato Blasucci angehört, hatte das Vertrauen des Sion-Präsidenten offenbar verspielt.

Doch die Inszenierung Constantins ging in den Tagen nach der Suspendierung weiter. Er gab bekannt, im Sommer vielleicht doch noch mit dem Trainergespann arbeiten zu wollen. Er gab sich mit süffisanten Aussagen in den Medien als Erzieher Yakins. Vielleicht müsse er den Trainer nur etwas enger führen, dessen Trainingspläne kontrollieren, ihn vielleicht in einen Französischkurs schicken, so Constantin. Es sind bewusste Provokationen, mit einer klaren Absicht. Sie sollen Yakin im Stolz verletzen und zur Kündigung treiben, womit Constantin viel Geld sparen würde. Yakin könnte bei einer Anstellung über den Sommer hinaus kaum das Gesicht wahren. Die NZZ spricht von «stupendem Kalkül» Constantins.

An der Seitenlinie stehen Bichard und Zermatten

Yakin ist beim FC Sion bis 2021 unter Vertrag, Otero sogar bis 2022. Zur Erinnerung: Otero war zuletzt in St. Gallen Nachwuchschef, wurde dort von der neuen Führung – mit einer Abfindung – ebenfalls aus einem laufenden Vertrag entlassen.

Beim FC Sion an der Seitenlinie stehen werden in St.Gallen der U21-Trainer Sébastien Bichard und der Trainerassistent Christian Zermatten, der neben Otero zuletzt kaum mehr Gewicht im Club erhalten hatte. Doch allen Beteiligten ist klar: 

«Das Trainerduo ist ein Trio.»

So hat es der «Walliser Bote» formuliert. Will heissen: Inoffiziell wird Constantin zumindest mitbestimmen, wer spielt und wie gespielt wird.

Der Präsident bestreitet nicht, dass er der inoffizielle Chefcoach sein wird. Dies spiegelt sich auch in der Wortwahl: «Noch weiss ich nicht, wie wir gegen St. Gallen antreten.» Interessant ist dabei die Tatsache, dass Constantin vor zwei Jahren den damaligen Sion-Trainer Zeidler kritisiert hatte. Er sei zu berechenbar und lasse sein Team zu wenig flexibel spielen. Hat Constantin also nun das ultimative Rezept gegen St.Gallen? Der Präsident sagt: 

«Natürlich kenne ich Peter Zeidlers Fussball. St. Gallen wird uns früh attackieren. Aber wir werden defensiv gut stehen. Mit einem Punkt wären wir zufrieden.»

Auf der Trainerbank sitzen wird Constantin nicht, dafür besitze er die nötige Lizenz nicht. Diese Woche aber habe er sich kein einziges Training seiner Mannschaft entgehen lassen. «Ich begleite ab sofort das Team, wie ich es immer in solchen Situationen getan habe. Wenn wir da sportlich nicht rauskommen, dann war das mein Fehler.»

Zeidler fordert Geschlossenheit

Mit einem Sieg im Heimspiel vom Sonntag ab 16 Uhr gegen den FC Sion würde der FC St. Gallen einen grossen Schritt weg vom Barrageplatz und hin zu einem Europacup-Platz machen. Fünf Punkte würden die Ostschweizer dann zwischen sich und den schlingernden FC Sion legen. Doch die Heimbilanz spricht in dieser Saison nicht für die St. Galler. Das Heimspiel gegen Sion im vergangenen Juli verlor Peter Zeidlers Team mit 2:4. Der Trainer erwartet von seiner Mannschaft, dass sie so geschlossen und motiviert antritt wie zuletzt gegen die Grasshoppers, als sie sich zum Sieg gekämpft habe, «obschon es spielerisch nicht lief». (rst)