Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen ist ein typischer Coronafall – was YB besser macht als die Espen

Nein, der FC St.Gallen ist nicht vom Virus angesteckt. Aber die Unwägbarkeiten der Pandemie-Saison haben ihn irritiert und schliesslich vom geraden Weg ins Ziel abgebracht. Die Zäsur seit dem Neustart ist anhand von Zahlen belegbar.

Fredi Kurth
Drucken
Teilen
Traf vor und nach der Coronapause: FCSG-Stürmer Ermedin Demirovic.

Traf vor und nach der Coronapause: FCSG-Stürmer Ermedin Demirovic.

Claudio Thoma / freshfocus

Auf den ersten Blick mag die Statistik trügen: Seit dem Neustart hat St.Gallen in den analogen Partien im Vergleich zur ersten Saisonhälfte genau gleich viele Punkte geholt, nämlich 20. Von Gegner zu Gegner gab es Unterschiede, aber die Summe stimmt. Zum Beispiel verlor St.Gallen vergangenen Sommer daheim gegen Luzern, gewann aber den Corona-Match fulminant. Umgekehrt konnte es den Sieg in Thun nicht wiederholen und verlor stattdessen.

Gegentribünen-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribünen-Kolumnist Fredi Kurth.

Urs Bucher

Was den Unterschied zwischen normaler und verseuchter Saison zum Vorschein bringt, ist die langfristige Entwicklung des FC St.Gallen, die einem Steigerungslauf glich und durch das Virus stark abgebremst wurde. Der FC St.Gallen war im Titelrennen auf der Überholspur, und nichts deutete auf eine Schwäche hin.

Der Direktvergleich zwischen YB und St.Gallen

Tabellenrang
FC St.Gallen
Young Boys
Nach 5 SpielenNach 18 SpielenVor Covid-PauseAktuell2468

Wir erinnern uns: Nach dem 3:3 gegen die Young Boys, das ausserhalb des Kantons Bern jeder Spielbeobachter als schmeichelhaft für den Meister betrachtete, zeigte die Formkurve in Richtung Festigung und Ausbau der St.Galler Leaderposition.

Die Berner brachten vor allem von Reisen kaum noch Punkte nach Hause, was sich nach der langen Pause fortsetzte. Der Weg für St.Gallen schien geebnet, doch Covid-19 brachte nicht nur unseren Alltag und die Wirtschaft durcheinander, auch der Fussball war nicht mehr derselbe, als er endlich wieder rollte.

Bis zum FCZ-Match nur sechs Punkte nach der Pause

Am eindrücklichsten hat sich das Torverhältnis zuungunsten des FC St.Gallen verschoben. In den 23 Partien bis zum Unterbruch der Saison lautete es 51:35. In den elf Runden seit Wiederbeginn hat es sich gegenüber den Young Boys um nicht weniger als 17 verschlechtert.

In der Analyse der einzelnen Partien fällt auf, dass die St.Galler vor allem in der zweiten Halbzeit nicht auf Touren kamen. Auch hier spricht die Tordifferenz, 13:6 bis zur Pause, in der zweiten Halbzeit 5:15 Bände (ohne FCZ-Match). Am krassesten ist die imaginäre Punkteverteilung. Würden die Punkte nach 45 Minuten verteilt beziehungsweise bloss für die zweite Halbzeit, hätte St.Gallen vor der Pause 20 Punkte gewonnen, danach lediglich 6.

Die Partien folgten Schlag auf Schlag, und der Computer meinte es nicht gut bei den Spielansetzungen für den frechen Aussenseiter. Dass ausserdem eine halbe Mannschaft während der Partie ausgewechselt werden durfte, war vielleicht dem Drama förderlich. Doch Teams mit Tempodrang und Stammformation wie beim FC St.Gallen war diese Regelung ein Hindernis.

St.Gallens Führung jammerte nicht. Das ehrte sie. Jammern wäre wahrscheinlich kontraproduktiv gewesen wäre. Als Uli Hoeness als Präsident von Bayern München einmal von einem Reporter gefragt wurde, ob die vielen englischen Wochen nicht zu viel Energieverschleiss bedeuteten, antwortete er:

«Sagen Sie das dreimal den Spielern, dann glauben sie es selber.»

Standing Ovation im Spiel gegen Basel

Peter Zeidlers Kraft der positiven Einstellung hat die Mannschaft vor noch stärkerer Brüchigkeit bewahrt. Und seine Schlitzohrigkeit mit den Einwechslungen gegen den FC Zürich (siehe «Aufgefallen») hat die YB-Meisterfeier wenigstens verzögert. Wenn jetzt die Felle davon schwimmen, kann die Mannschaft immer noch stolz sein auf das Erreichte.

Sie war der Taktgeber in dieser Meisterschaft, sie war das belebende Element, und nichts könnte die schon vor Monaten zurückgewonnene Sympathie besser belegen, als jener Moment, als sich die 1000 Zuschauer vergangenen Mittwoch im Match gegen Basel vom Sitz erhoben und beim Stande von 0:5 ihr Team mit einer Standing Ovation bedachten.

Die Fans unterstützten ihren FC St.Gallen lautstark im Match gegen Basel.

Die Fans unterstützten ihren FC St.Gallen lautstark im Match gegen Basel.

Bild: Keystone

Was YB anders und besser macht

Entschuldigen für den etwas billig errungenen dritten Meistertitel in Serie müssen sich die Berner nicht, sollten sie ihn wirklich holen. Denn es gab für sie auch hohe Siege, und in den Ehrungen werden die Lobesworte von Reife, Abgeklärtheit und bessere Anpassung an die neuen Verhältnisse die Runde machen.

Tatsächlich, wenn die Berner in der YB-Viertelstunde noch ein, zwei Tore benötigten, dann lieferten sie mit Vorreiter Jean-Pierre Nsame auf dem heimischen, synthetischen Untergrund prompt und zuverlässig. Und wenn der Gegner einen haarsträubenden Fehler machte wie Xamax am vergangenen Donnerstag, dann wurde er gnadenlos ausgenützt. Genau darin waren die Berner meisterlich.

Auch vor dem Sion-Match wieder bevorteilt

Definitiv ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Sion dürfte sich am Freitag gegen die Young Boys nochmals vehement gegen den Barrage-Platz wehren. Doch erneut spielt das Virus den Bernern in die Karten: Weil am Dienstag die Walliser zum Nachholspiel beim FC Zürich antreten müssen, haben sie nur zwei Tage Ruhezeit, YB vier.

Es waren neben dem gröberen Nachteil bei den Ruhetagen auch unvorhersehbare Nuancen, die für die Young Boys sprachen. Ob dafür der Verband, der Computer oder Corona die Schuld trägt, sei dahingestellt. Den Verdacht einer Absicht schieben wir beiseite und ersetzen ihn durch einen andern: Der Meister seinerseits hätte sich die mittlerweile zehn Ruhetage Benachteiligung für den FC St.Gallen bestimmt nicht gefallen lassen.

Aufgefallen

Es war eines der abenteuerlichsten Experimente, das sich Peter Zeidler während der Corona-Meisterschaft hat einfallen lassen: Er wechselte einen namhaften Teil seiner Stammformation erst nach der Pause ein. Wohlgemerkt, es ging hier nicht darum, das Quartett Ermedin Demirovic, Cedric Itten, Betim Fazliji und Victor Ruiz wegen Überbelastung zu schonen. Die Absicht war vielmehr, St.Gallens stets starke erste Halbzeit auf die Phase nach der Pause zu verlegen und stattdessen mit einer Aufstellung, wie sie sich sonst erst im zweiten Umgang allmählich bildete, zu beginnen.

Ich hatte nicht gedacht, dass die Rechnung in so krassem Ausmass aufgehen würde. Zur Pause notierte ich ein Chancenverhältnis von 5:3 für den FC Zürich, am Ende lautete es 5:13. Es ist erstaunlich, wie viel das ausmacht, wenn eine plötzlich eingespielte und individuell komplettierte Mannschaft auf eine inzwischen ermüdete Equipe trifft – die Zürcher waren sehr weite Wege gegangen. Ihr Trainer Ludovic Magnin gestand nach dem Match, von den Dispositionen im St.Galler Team verwirrt gewesen zu sein.

Zeidler dürfte kaum Ansprüche auf Copyright erheben, aber vielleicht will er das Verfahren in der neuen Saison als Modell anwenden. Selbstverständlich, ohne vorher anzukündigen, ob er mit St.Gallen I oder St. Gallen II beginnt.

P.S. Die Fifa beabsichtigt, die Regel mit den fünf Auswechslungen in der neuen Saison vorerst beizubehalten.

Mehr zum Thema