Kolumne

Siegen statt in Schönheit sterben: Der FC St.Gallen kann es auch auf die dreckige Tour 

Mein Fussball-Wochenende sah dieses Mal wie folgt aus: Statt für das Spiel des FC St.Gallen entschied ich mich für den fast parallel laufenden Bundesliga-Hit Bayern gegen Dortmund. Es war die falsche Wahl.

Fredi Kurth
Drucken
Teilen
St.Gallen-Trainer Peter Zeidler steht die Erleichterung über den wichtigen Sieg gegen Xamax ins Gesicht geschrieben. (Bild: Keystone)

St.Gallen-Trainer Peter Zeidler steht die Erleichterung über den wichtigen Sieg gegen Xamax ins Gesicht geschrieben. (Bild: Keystone)

Für mich fühlte es sich an wie eine Reise zurück in die 1960er Jahre. Damals durfte ich ab und zu bei FC-St.Gallen-Präsident Elio Cellere Fussball am Fernsehen verfolgen, zumal bei uns zu Hause noch kein TV-Apparat installiert war. Die Söhne Elio junior und Ludi hatten das eingefädelt.

Dieses Mal war ich froh, den deutschen Spitzenkampf per Einladung live zu sehen. Der Grund: Teleclub bot alle möglichen Fussballspiele an – bloss nicht das Spiel der Spiele der Bundesliga-Rückrunde.

Langeweile in München

Nun, der germanische Classico, wie Bayern gegen Dortmund überschwänglich angekündigt worden war, wurde zur grossen Enttäuschung für alle, die nicht Anhänger des Serienmeisters sind. Leader Dortmund versagte beim 0:5 in jeder Hinsicht; auffällig vor allem dessen miserable Reaktion. Ballgeschiebe über Minuten hinweg statt schnelle Bewegung in die Tiefe.

Mein Gastgeber sagte, das sei eben die von Dortmund und Trainer Lucien Favre bevorzugte Spielweise. Sie war  ihm vor rund 40 Jahren bei Lausanne, Xamax und Servette eingeimpft worden. Ballbesitz hier, körperbetonter Konterfussball dort: Das wurde zur fussballerischen Glaubensfrage zwischen West- und Deutschschweiz erhoben.

1977, als sich der FC St.Gallen im Cup-Halbfinal gegen Etoile Carouge durchgesetzt hatte, war dies gar nicht nach dem Gusto welscher Sportjournalisten. Einer formulierte sogar, dass am Ostermontag auf den Höhen von Moudon, oberhalb des Genfersees gelegen, die krachenden Knochen zu hören sein würden, wenn im Wankdorf die Spieler der Young Boys und die St.Galler aufeinanderprallten. So schlimm kam es schliesslich nicht. Schlimm aus Ostschweizer Sicht war höchstens die nicht zwingende 0:1-Niederlage vor 30'000 Zuschauern.

Tempo in Neuenburg

42 Jahre später: Der Match in der Münchner Arena wird in 200 Länder übertragen. Wie viele ausländische Stationen sich die Rechte für den Match Xamax gegen St.Gallen gesichert hatten, ist nicht bekannt. Aber, wie ich in der Nachbetrachtung feststelle, war in diesem Spiel viel mehr Action, vor allem mehr Tempo und natürlich Spannung.

Zeidlers Team gewinnt die von der «Gegentribüne» geforderten vier Punkte in den beiden Schlüsselspielen der englischen Woche. Dabei habe ich an eigentlich an drei Punkte gegen GC und wenigstens ein Remis gegen Xamax gedacht. Eine solche Verteilung hätte dem Spielgeschehen auch viel eher entsprochen.

Ein guter Torhüter ist nicht Glücksache

Und doch gefällt St.Gallen auf der Maladière besser als gegen den Tabellenletzten Grasshoppers, weil nun mehr spielerische Qualität und taktische Balance zu erkennen sind als nur Kampf und Krampf. Vor allem bis zur Pause hat man den Gegner gut im Griff, und es gelingen einige vielversprechende Aktionen nach vorne.

In der zweiten Halbzeit ist Glück erforderlich, wobei die Leistung von Dejan Stojanovic, der in diesem Jahr schon den zweiten Penalty abwehrt und weitere Glanzparaden zeigt, nicht diesem Umstand zuzurechnen ist. Das ist Können. So wie ein treffsicherer Torjäger Gold wert ist, gehört eben auch ein herausragender Keeper zum Gesamtbild einer Mannschaft.

Vor allem aber resultierte nun dieser oft schon geforderte dreckige 1:0-Sieg statt einer ärgerlichen 2:3-Niederlage wie bei den Young Boys.

Abwehr gestärkt, Offensive gebremst

Wenn man die neuesten Tendenzen in Zeidlers Suche nach der idealen Startelf bewertet, kann von einer stabiler wirkenden Abwehr gesprochen werden, von den Schlussphasen gegen Xamax und YB einmal abgesehen. Milan Vilotic und Leonel Mosevich, zuvor lange ohne Spielpraxis, scheinen das Zentrum zu stärken. Silvan Hefti wirkt auf der rechten Aussenverteidigerposition nicht nur im Zweikampf sicherer, sondern er gibt dort auch seinem Spiel nach vorne mehr Format.

Weniger positiv entwickelt sich die Chancenproduktion. Kein einziges Tor gegen Luzern, Lugano und die Grasshoppers, das zeugt von einer gewissen Hilflosigkeit. Die Formbaisse von Vincent Sierro mag eine Rolle spielen. Dereck Kutesa und Axel Bakayoko vermögen ab und zu in die Lücke zu springen.

Barnetta tut der jungen Mannschaft gut

In diesem Zusammenhang wird auch die Barnetta-Frage immer zentraler. Natürlich muss in erster Linie der Spieler selber entscheiden, ob er im Sommer weitermachen will oder nicht. Aber vielleicht macht er die Antwort auch abhängig von dem, was die sportliche Leitung will.

Nach dem Spiel gegen Lugano sagte Peter Zeidler:

«Barnetta nicht von Anfang zu bringen, war ein Fehler.»

In diesen Tagen galt: Immer, wenn er auflief, wurde St.Gallens Spiel besser. Gegen YB schonte ihn der Trainer, aber vielleicht hätte Barnetta in der hektischen Schlussphase beruhigend einwirken können. Gegen Xamax war Kutesa, der für Barnetta kam, nicht nur Torschütze, sondern auch ein belebendes Element. Aber Barnetta, egal wie viel ihm gelingt oder misslingt, gibt dem St.Galler Spiel Struktur, so lange er bei Kräften ist. Er weiss, wohin er gehen und wie er sich bewegen muss. Seine Erfahrung tut der jungen Mannschaft gut.

Wieder einmal die grosse Chance. . .

Nun neun statt drei Punkte Vorsprung auf Xamax: Das ermöglicht im Kybunpark wieder etwas ruhigeres Arbeiten. Umso mehr, als sich die Neuenburger in verdankenswerter Art auf die Sicherung des Barrageplatzes konzentrieren, also lieber GC in Schach halten wollen, statt den achten Platz anzustreben.

Aber wie schnell sich die Situation in der Minispielklasse Super League ändern kann, lässt sich an der neuen Ausgangslage ableiten. Nun liegt St.Gallen nur noch drei Punkte hinter dem Tabellendritten Thun. Am Sonntag im Berner Oberland könnten die Ostschweizer sogar gleichziehen. Und vielleicht klappt es ja endlich einmal wieder mit einem Erfolgserlebnis bei einer solchen Ausgangslage...

Aufgefallen

Es ist eine wunderbare Eigenart des Fussballs, dass sich Millionen von Zuschauern bei einem Spiel wie Bayern gegen Dortmund langweilen, während sich gleichzeitig ein Häufchen von Zuschauern in einem halbleeren Stadion in Neuenburg besser unterhält. Der Langweiler in der Allianz-Arena war allerdings untypisch für die Bundesliga. Das zweitliebste Kind der deutschen Unterhaltungsbranche hinter den Krimis hat sich in dieser Saison erstaunlich entwickelt. Der Titelkampf bleibt trotz der Dortmunder Pleite vom Samstag spannend. Und viele Mannschaften haben sich einem optimistischen Fussball verschrieben. Versuchten sich früher vor allem Leipzig, Hoffenheim und, mit mässigem Erfolg, Bayer Leverkusen mit attraktivem Spiel hinter Dominator Bayern München einzunisten, so hat sich inzwischen die halbe Liga diese Tendenz zum Trend gemacht. Eintracht Frankfurt, Wolfsburg, Werder Bremen, Mönchengladbach und sogar Aufsteiger Nürnberg haben sich dazugesellt. Mehr noch: Mit Ausnahme von Nürnberg sind alle auf Europacup-Kurs oder in der oberen Tabellenhälfte anzutreffen. Die Defensivkünstler von Schalke 04, letzte Saison noch Vizemeister (!), und VfB Stuttgart, als Aufsteiger problemlos in der Liga geblieben, ringen hingegen in den unteren Regionen nach Luft. Natürlich gibt es auch Mannschaften, die sich nach der Decke strecken müssen. Der andere Aufsteiger Fortuna Düsseldorf tut dies mit Konterfussball ebenfalls ganz gefällig. Die Zeiten, als Teams wie Darmstadt, Ingolstadt, Köln oder Paderborn mit Verhinderungsfussball ihr Glück versuchten und dabei Mannschaften ansteckten, die es gar nicht nötig hatten, scheinen vorbei zu sein.

Der Fall Nassim Ben Khalifa hat sich erledigt. Der FC St.Gallen hat eingelenkt und lässt seinen Fussballer wieder am Abschlusstraining teilnehmen. Da es sich beim Entscheid des Kreisgerichts um ein vorläufiges Urteil handelte, wird die grundsätzliche Problematik vorläufig nicht gelöst. Dabei ist sie arbeitsrechtlich relativ interessant, weil sie nicht nur im Berufsfussball, sondern auch in andern Berufszweigen auftauchen könnte. Im Fussball hätte die vor einigen Jahren berühmt gewordene Gruppe Wald, mit der mehrere Spieler des FC St.Gallen generell und nicht bloss vom Abschlusstraining ausgeschlossen worden waren, ebenfalls aussichtsreich klagen können. Auch Orchestermusiker oder Schauspieler, die sich mit dem Dirigenten oder Regisseur überworfen haben, könnten darauf pochen, an der Hauptprobe teilnehmen zu dürfen. Vielleicht käme das Kreisgericht zum Schluss, dass ein zusätzlicher Geiger die Klangqualität nicht stören würde oder in einem Theaterstück eine zusätzliche Statistenrolle dem Ablauf nicht abträglich sei. Schliesslich wäre generell in der Arbeitswelt in Frage gestellt, ob ein Chef einen Arbeitnehmer gegen dessen Willen in ein anderes Büro versetzen darf, obwohl es sich um die vertraglich gleichen Tätigkeiten handelt.

In Thun wird die neu formierte St.Galler Abwehr bereits wieder auseinandergerissen, weil Leonel Mosevich und Milan Vilotic gesperrt sind. Das deutet darauf hin, dass Peter Zeidlers erste Saison beim FC St.Gallen definitiv als Sichtungsjahr abgehakt werden kann. Es zeigt auch, dass inskünftig unerzwungene Experimente kaum noch Sinn machen, weil Teamveränderungen durch äussere Umstände wie Sperren oder Verletzungen ohnehin notwendig werden. (th)

FCSG-Sieg gegen Xamax: Applaus für die Glücksgöttin

Die St.Galler haben den 1:0-Sieg gegen Neuenburg Xamax dem Glück zu verdanken. Und ein bisschen der Tatsache, dass sie im wichtigen Spiel die Nerven nicht verloren haben. Für die jüngste Mannschaft der Liga ist dies doppelt bemerkenswert.
Ralf Streule