Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Interview

Überflieger Jordi Quintillà erklärt die Verwandlung des FCSG: «Nein, es ist kein Wunder, was in St.Gallen passiert»

Jordi Quintillà ist der Kopf des aufstrebenden FC St.Gallen. Der Spanier über das Spitzenspiel in Bern, La Masia und katalanische Separatisten.
Patricia Loher und Christian Brägger
Mit sechs Treffern ist Jordi Quintillà (Mitte) St.Gallens bester Torschütze. (Bild: Ralph Ribi)

Mit sechs Treffern ist Jordi Quintillà (Mitte) St.Gallens bester Torschütze. (Bild: Ralph Ribi)

Es ist kalt geworden. Jordi Quintillà hat sich einen grauen Rollkragenpullover angezogen, als er an diesem Nachmittag zum Gespräch im St.Galler Kybunpark erscheint. Der Spanier kam im Sommer 2018 aus Puerto Rico zum FC St.Gallen. Heute ist der 26-Jährige Dreh- und Angelpunkt der Ostschweizer. Mit dem Tabellendritten hat auch Quintillà einen steilen Aufstieg erlebt, er ist bester Torschütze der St.Galler und war in den Monaten September und Oktober Super-League-Spieler des Monats. Am Sonntag trifft er mit dem FC St.Gallen in Bern auf den Leader, die Young Boys.

Können Sie die wundersame Verwandlung des FC St.Gallen erklären?

Jordi Quintillà: Es ist kein Wunder. Es steckt harte Arbeit dahinter. Es ist nicht einfach, eine solche Geschlossenheit in einem Team zu erreichen.

Unsere Einstellung ist unsere grosse Stärke: Der Drive und die Leidenschaft, die alle dreissig Spieler haben, machen uns aus.

Es scheint im Moment, dass alle in diesem Club zusammenstehen um dem Team zu helfen, ein Spiel zu gewinnen. Nein, es ist kein Wunder, was in St.Gallen passiert.

Kann der FC St.Gallen den Titel gewinnen?

Jeden Tag ist es unser Ziel, ein noch besseres Team zu werden. Wenn das am Ende bedeutet, dass wir den Titel gewinnen: Okay. Wenn das bedeutet, nächste Saison weiter in der höchsten Liga zu sein: Okay. Wenn das bedeutet, Europa League zu spielen, auch okay. Wir denken nicht an den Titel. Denn: Machen wir uns Gedanken darüber, was am Saisonende alles sein könnte, werden wir unseren Fokus verlieren.

Was ist am Sonntag gegen die Young Boys möglich?

Wir sind nicht die Favoriten. Aber wir werden auch in Bern versuchen, so zu spielen, wie schon die ganze Saison.

In welchen Bereichen sind die Young Boys besser als St.Gallen?

Sie haben das bessere Budget (lacht). Aber natürlich: Es wird geprüft, wer momentan das bessere Team ist.

Weshalb sind Sie persönlich jetzt gerade so erfolgreich?

Der Grund für meinen Erfolg liegt darin, dass sich meine Arbeit nun auszahlt. Die Leute sehen, was ich das ganze Leben gemacht habe:

Ich profitiere nun von all den Sondertrainings und den Tagen im Fitnessstudio. Es ist die beste Phase meiner Karriere.

Alles passt zusammen, der Trainer, das Team, der Club. Nach dem 0:0 gegen Basel hat mir ein Fan geschrieben, das sei das beste Spiel gewesen, das er jemals in St.Gallen gesehen habe. Wir powern halt immer, weil unser Coach das will. Wir arbeiten an unserem Stil ja schon seit über einem Jahr und entwickeln uns weiter.

Im Sommer haben Vincent Sierro und Majeed Ashimeru St.Gallen verlassen. Es scheint, als würden Sie befreiter spielen, obwohl der Fokus nun auf Ihnen liegt.

Ich habe viel von Sierro und Ashimeru gelernt. Sie haben mir im vergangenen Jahr sehr geholfen, zu dem Spieler zu werden, der ich jetzt bin. Aber es stimmt, ich habe heute auf dem Platz mehr Freiheiten. Nicht, weil die Beiden weg sind. Sondern wegen mir. Ich gebe mir mehr Freiheiten, der Coach gibt mir mehr Freiheiten. Es ist mein zweites Jahr in St.Gallen. Meine Mitspieler vertrauen mir, ich vertraue mir. Im vergangenen Jahr war ja noch Tranquillo Barnetta da. Er war ein Star, er entschied, dass er den Freistoss treten will. Das habe ich respektiert. Heute bin ich es, der solche Aktionen ausführen will.

Jordi Quintillà hat ein Studium der Sportwissenschaften in der Tasche. (Bild: Lisa Jenny)

Jordi Quintillà hat ein Studium der Sportwissenschaften in der Tasche. (Bild: Lisa Jenny)

Heute sind Sie ein grosser Spieler, der Aufsteiger der Liga.

Ich will von mir immer die beste Ausgabe präsentieren, die es gibt. Das ist mein Antrieb, das ist, wofür ich lebe. Deshalb trage ich auch dieses Armband («Be the better you»). Fokussiere dich auf dich, wie du besser wirst, wie du besser Freistösse ausführen kannst, wie du dem Team helfen kannst, wie du ein guter Sohn oder ein guter Freund sein kannst.

Im Sommer weilten Sie für ein Praktikum in der Nachwuchsabteilung des FC Barcelona. Haben Sie dort ebenfalls diese Sichtweise vermittelt?

Ja. Ich will, dass die Jungen intensiv darüber nachdenken, wie sie besser werden können. Man darf nicht eifersüchtig sein, sondern muss ständig an sich arbeiten. Wir hatten drei Wochen Ferien im Sommer, aber ich habe diese Zeit bei Barcelona durchgearbeitet, um mein Studium der Sportwissenschaften mit dem Praktikum abzuschliessen.

Über Ihrer ganzen Karriere schweben die Jahre als Junior in La Masia, der sagenumwobenen Talentschmiede Barcelonas.

Wenn Sie mich fragen, wie es in La Masia ist, dann sage ich ihnen: Es herrscht Druck, sehr grosser Druck.

Aber man lernt dort, damit umzugehen und sich zu behaupten. Vielleicht gegen deine besten Freunde.

Du teilst das Zimmer mit einem Spieler, der möglicherweise ein Konkurrent auf deiner Position ist. Du lernst damit umzugehen. Das ist das wichtigste, was ich von der Zeit mitgenommen habe.

Sie haben mit Stars wie Lionel Messi trainiert.

Das war speziell. Er ist speziell. Plötzlich siehst du Messi vor dir. Aber wenn du da bist und ständig mittrainierst, denkst du das nicht mehr, es wird normal. Und du musst parat sein, weil du ja auch gegen ihn bestehen willst. Oder gegen Xavi, Andres Iniesta – dein Ziel ist es, auch vor diesen Spielern aufzulaufen. Du bist ja nicht zum Spass da.

Haben Sie oft mit Messi geredet?

Natürlich, aber er ist sehr scheu. Man muss auf ihn zugehen. Xavi, Iniesta, Gerard Piqué, Sergio Busquets – diese Spieler kommen, reden mit dir, fragen, wie es geht. Dani Alves beispielsweise fragte ich, wie er es schaffe, immer hundert Prozent zu geben. Er sagte mir, er versuche aus jedem einzelnen Training das Maximum und einen Vorteil herauszuholen. Das war schon eindrücklich, das will ich mitnehmen. Und dann war ja noch Victor Valdés.

Der Goalie von Barcelona.

Genau. Er war eine grosse Persönlichkeit. Er kam im ersten Training auf mich zu und sagte:

«Hey Jordi, wie gehts? Ich bin Victor Valdés. Du schaust ein wenig aus wie Phillip Cocu.»

Dann ging er zu Pep Guardiola und sagte: «Hey Pep, schau, Phillip Cocu ist wieder im Training.» Und ich lief rot an.

Wer in La Masia Fussball spielt, lebt in einer Blase, oder?

Ja, und es ist schwierig für jeden Spieler, wenn er dann die Akademie verlässt. Das Leben ändert komplett, davor hattest du kein normales Leben. Du musst alles ändern, das Spiel, deinen Stil, die Leute sind anders. Du musst dich neu erfinden.

Ajaccio, Kansas City, FC Puerto Rico. Das sind keine grossen Teams, wenn man La Masia hinter sich hat. Was ist falsch gelaufen?

Als ich Barcelona verliess, wechselte ich zu Ajaccio, das soeben abgestiegen war in die zweite Liga Frankreichs. Wir verloren oft, der Trainer musste gehen, und danach spielte ich nicht mehr. Ich wurde nicht gut behandelt, also wollte ich weg und ging zu Kansas. Nach einem Jahr kam dort der Coach und sagte, ich müsse wegen einer Ausländerklausel gehen. Schauen Sie, im Fussball gibt es einfach solche Karrieren. Jeder hat Hochs und Tiefs.

Ihr drei Jahre jüngerer Bruder machte es besser nach La Masia und ist heute Stammspieler bei Villarreal.

Er ist sehr gut. Er reifte schneller und ist besser als ich, auch wenn ich technisch stärker bin. Er hat aber auch zwei schwierige Jahre hinter sich, beispielsweise spielte er bei Barcelona B in einer Saison keine Minute. Die Fussballkarriere ist ein Marathon, auf 42 Kilometern gibt es gute und schlechte Momente. Ich habe erst im vergangenen Jahr damit begonnen, im Fussball so richtig zu reifen.

Ihr erstes Probetraining in St.Gallen absolvierten Sie noch unter Giorgio Contini.

Mein erstes Training in St.Gallen war sein letztes. Vor der ersten Übungseinheit sagte er zu mir, dass ich nachher zu ihm kommen solle, er wolle mich noch begrüssen. Das verschob sich aber um einen Tag.

24 Stunden später war ich in der Akademie und las, dass Contini entlassen wurde. Ich stand da und dachte: Wow, was ist denn da passiert?

Aber das ist halt auch der Fussball.

Zu Beginn Ihrer Zeit in St.Gallen ging man noch nicht davon aus, dass Sie ein Schlüsselspieler sein würden.

Mir war das bewusst. Ich kam ja aus Puerto Rico. Ich wusste, was meine Rolle in St.Gallen war. Natürlich gab es damals wichtigere Spieler als mich. Aber ich kam mit Selbstvertrauen.

Mit Ihren Leistungen wecken Sie das Interesse anderer Clubs. Ihr Vertrag läuft im nächsten Sommer aus. Bleiben Sie in St.Gallen?

Als ich in Kansas City war, unterschrieb ich für vier Jahre. Ich verwandelte im Cupfinal einen Penalty, wir gewannen und ich war ein umjubelter Spieler. Ich ging mit meiner Freundin durch die Stadt, überall wurden wir angesprochen und um gemeinsame Fotos gebeten. Ich sagte zu meiner Freundin: Hier müssen wir unser ganzes Leben bleiben. Doch dann stellten mich die Clubverantwortlichen frei. Nach bloss einem Jahr.

Dabei hatten Sie in Kansas ein Haus, ein Auto und einen Hund.

Ja, ich hatte alles. Das sagte ich auch dem Trainer. «Hey, Mann: Ich habe hier alles, ich bin glücklich. Warum darf ich nicht bleiben?» Seither denke ich nicht mehr über die Zukunft nach.

Sie sagen also nicht: Ich will unbedingt in St.Gallen bleiben? Vor einer Woche, nach dem Spiel gegen Sion, haben Sie sich noch in diese Richtung geäussert.

Was habe ich gesagt?

Dass Sie bleiben möchten.

Ich liebe St.Gallen. Wenn sich etwas tut hinsichtlich meiner Zukunft, werde ich das mitteilen. Aber wir müssen vorsichtig sein mit dem, was wir sagen. Man kann schnell falsch verstanden werden.

Also liessen Sie sich am vergangenen Samstag von den Emotionen leiten?

Nein. Ich sagte die Wahrheit. Ich bereue es nicht und wiederhole es gerne: Ich bin sehr glücklich hier.

Sie sind Katalane. Wie stehen Sie zu den politischen Unruhen?

Es macht mich traurig für mein Land.

Für Katalonien oder für Spanien?

Für beide. Das Problem ist, dass die einen nicht auf die anderen hören. Das ist das Problem eines jeden Kriegs. Es scheint nicht zu enden.

Wen würden Sie wählen?

Es wird nicht mehr zu Wahlen kommen. Was mir aber sehr am Herzen liegt, ist, dass die Politiker, die im Gefängnis sind, freigelassen werden. Sie sind keine Kriminelle, sie haben niemanden umgebracht und waren nicht gewalttätig. In Katalonien wird so lange nicht mehr gewählt, bis diese Menschen wieder auf freiem Fuss sind.

Sind Sie für ein geeintes Spanien? Oder für ein neues Land Katalonien?

Das ist so eine schwierige Frage. Ich bin kein Politiker, der weiss, was passieren kann, wenn Katalonien sich von Spanien abspaltet. Wenn ich die Mechanismen besser verstehen würde, würde ich Ihnen eine Antwort geben. Ich wünschte, ich könnte eine Antwort geben.

Ist es gefährlich, in der Öffentlichkeit eine Meinung zu vertreten?

Nein. Mir hört eh niemand zu (lacht). Bei Piqué, Carles Puyol oder Xavi wäre das vielleicht anders.

Aber niemand wartet auf die Meinung von Jordi Quintillà. Noch nicht.

Doch wir sind Fussballspieler, keine Experten. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was wir beherrschen.

Aber Sie lesen Bücher und gelten als sehr interessiert am Weltgeschehen.

Ja, ich lese Bücher. Vor allem über Aktienmärkte und darüber, wie man sich selber ständig verbessern kann – auch als Mensch.

Also haben Sie die Bücher von Alain Sutter auch schon gelesen?

Ich möchte. Jedoch ist mein Deutsch noch zu wenig gut. Aber ich habe ja auch noch eine Firma in Spanien, die Zeit in Anspruch nimmt. Deshalb komme ich nicht mehr so oft dazu, Bücher zu lesen.

Wie lange Jordi Quintillà (Mitte) noch das Dress des FC St.Gallen trägt, ist ungewiss. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Wie lange Jordi Quintillà (Mitte) noch das Dress des FC St.Gallen trägt, ist ungewiss. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Eine Firma?

Es ist eine Sportmanagement-Firma. Wir erhalten Aufträge, öffentliche Sportanlagen zu managen. Wäre der Kybunpark zum Beispiel öffentlich, könnte man uns damit beauftragen, das Catering zu organisieren, die Putzequipen oder Leute, die sich um die Medienschaffenden kümmern. Oder die Behörden bezahlen uns, damit wir für ein öffentliches Fitnesscenter Personen suchen, die beispielsweise Pilates oder Yoga unterrichten.

Sie sind mit Ihrer Firma also vor allem im Sport engagiert?

Ja. Im vergangenen Sommer erhielten wir einen Auftrag für ein Gefängnis in Barcelona. Gesucht waren zwei Sportlehrer und zwei Ausbildner. Wir rekrutierten diese vier Männer, sie arbeiteten im Gefängnis, sie spielten mit den Inhaftierten Fussball, Basketball oder sie erteilten Unterricht im Zeichnen.

Haben Sie Ihre Angestellten auch besucht im Gefängnis?

Ja, während meines Praktikums in Barcelona war ich da. Es war eine Bedingung der Gefängnisleitung, ihr war es wichtig, dass ich wusste, wie es da ist. Ich war in drei Gefängnissen. Es war hart. Man sieht sehr Vieles, das einen nachdenklich stimmt. Aber einmal war es uns möglich, mit zehn Mädchen, denen es erlaubt war, das Gefängnis zu verlassen, an den Strand zu gehen um Beachvolleyball zu spielen.

Spitzenspiel wohl ausverkauft

Für das Spiel zwischen den Young Boys und St. Gallen vom Sonntag, 16 Uhr in Bern, waren am Freitag nur noch wenige Tickets erhältlich. Gut möglich, dass das Stade de Suisse mit über 31'000 Zuschauern ausverkauft sein wird. Mit einem Sieg – es wäre der erste in Bern seit 14 Jahren – könnten die drittplatzierten St. Galler den Leader überholen. Die Vorfreude im Team auf «den grossen Test» sei riesig, so Trainer Peter Zeidler. «Wir haben grosse Lust darauf, alles, was wir bisher gut gemacht haben, in Bern noch besser zu machen.» (rst)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.