FECHTEN: Aus der Hohlen Gasse auf den Thron

Der nahe bei der Hohlen Gasse wohnende Max Heinzer hat morgen die Chance, den grössten Erfolg seiner Karriere zu erreichen. Eine Aussicht, die ihm in einer bitteren Zeit geholfen hat.

Stefan Klinger
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Fast wie bei Wilhelm Tell den Apfel aufgespiesst: Max Heinzer in der Hohlen Gasse, in deren Nähe er wohnt. (Bild Pius Amrein)

Fast wie bei Wilhelm Tell den Apfel aufgespiesst: Max Heinzer in der Hohlen Gasse, in deren Nähe er wohnt. (Bild Pius Amrein)

So kurz vor dem Ziel legt Max Heinzer auf jedes kleine Detail grossen Wert. So hat sich der 25-Jährige aus Immensee für den knapp sechsstündigen Flug von Zürich nach Doha zwecks der besseren Durchblutung extra Kompressionsstrümpfe unter die Trainingshose angezogen. Zudem ernährt er sich in dieser Woche ausschliesslich von Pasta-Gerichten, um seine Kohlenhydratspeicher vollzuladen. In den letzten Tagen vor dem Grand-Prix von Doha will Heinzer eben noch einmal alles dafür tun, dass er am morgigen Samstag topfit und bestens vorbereitet zum ersten Wettkampf in diesem Jahr antreten kann.

Wegen Piratenfilmen zum Fechten

Denn das Turnier in Katar ist diesmal für ihn weit mehr als ein normaler Saisonauftakt. Max Heinzer, der als fünfjähriger Bub bei der Fechtgesellschaft Küssnacht erstmals ein Fechttraining besuchte, weil ihn die Piratenfilme so faszinierten, kann sich morgen einen Traum erfüllen, für den er in all den Jahren auf der Planche gekämpft hat: Er kann erstmals die Nummer eins der Weltrangliste werden (siehe Box rechts).

«Mein Hauptziel ist, Olympiasieger zu werden. Aber ich habe auch schon immer das Ziel, mal die Nummer eins zu sein», sagt er, «das wäre ein schöner Erfolg. Wenn du in der Weltrangliste an der Spitze bist, zeigt das, dass du über einen längeren Zeitraum auf einem sehr hohen Niveau gefochten hast.»

In der vergangenen Saison hat der Schwyzer zwar fast immer auf einem sehr hohen Niveau gefochten, nur eben am Tag des Olympia-Wettkampfes nicht. Denn da zählte er zu den Medaillenkandidaten – und schied bereits im Achtelfinal aus. Statt dem schönsten erlebte er den hässlichsten Moment seiner Karriere. Ein Tag, der ihn noch lange nervte. Ein Rückschlag, der ihm noch lange zusetzte. Ein bitteres Erlebnis, das er nun aber verarbeitet hat.

«Als ich drei Wochen nach dem Wettkampf in London meinen ersten Vortrag über die Olympischen Spiele und den Umgang mit der Niederlage gehalten habe, hat mich das damals noch sehr mitgenommen, weil alles wieder hochgekommen ist», blickt Heinzer zurück. «Inzwischen bin ich bei diesen Vorträgen viel entspannter und kann auch mal einen selbstironischen Spruch klopfen.»

Heinzer peilt bedeutende Erfolge an

Was ihm bei der Verarbeitung des olympischen Albtraums besonders geholfen hat: seine guten Perspektiven für das Jahr 2013. So kann er nun die Nummer eins der Welt werden, als Erster den Grand Prix Bern zum dritten Mal in Folge gewinnen und mit der Mannschaft an der Team-WM eine Medaille holen. Allesamt bedeutende Erfolge, hohe Ziele – die aber für Max Heinzer keineswegs unrealistisch sind.

Diese Aussicht gab ihm neue Motivation und entfachte wieder seinen Kampfgeist, als er im Oktober, knapp drei Monate nach Olympia, erstmals wieder seinen Degen für ein Fechttraining in die Hand nahm. Und sie spornt ihn seither an, in den 20 bis 25 Stunden Kraft-, Konditions- und Fechttraining pro Woche für neue Erfolge zu rackern.

Ein Trainingsprogramm, in dem sich seit Olympia einiges verändert hat. So wird er nicht mehr fast nur von Co-Nationaltrainer Gianni Muzio trainiert, sondern in zwei der vier Fechteinheiten pro Woche von Nationaltrainer Angelo Mazzoni. «Mit ihm arbeite ich daran, auch Beintreffer setzen zu können», sagt Heinzer, «da ich bisher nur auf Treffer am Oberkörper oder Fuss aus war, war ich für meine Gegner berechenbarer.»

Jede Woche an drei Trainingsorten

Zudem arbeitet Heinzer auf Mazzonis Wunsch hin nicht mehr mit seinem bisherigen Konditionstrainer Andreas Lanz zusammen, sondern mit Franco Impellizzeri an der Zürcher Schulthess- Klinik. Am Umfang hat sich dadurch zwar nichts geändert, aber am Inhalt. Netter Nebeneffekt: Die Konditionstrainingseinheiten muss Heinzer nicht mehr selbst berappen, die Kosten dafür trägt nun der Verband. «Ich betrachte das jetzt mal als einen Test, wie ich mich in diesem Bereich verändere», sagt er, «denn eigentlich war ich mit der Arbeit von Andreas Lanz sehr zufrieden.» Doch vorerst pendelt der für die Fechtgesellschaft Basel startende Schwyzer auf der Jagd nach den optimalen Trainingsbedingungen und -gegnern weiter jede Woche zwischen seinen verschiedenen Trainingsstätten in Basel, Zürich und Bern – und seinem Wohnort Immensee.

Das neue Konditionstraining ist dabei nicht der einzige Test, den Max Heinzer derzeit absolviert. So will er nach den ersten drei Weltcups in einem Monat entscheiden, ob er sein im November 2011 operiertes linkes Sprunggelenk noch einmal ganz neu untersuchen und behandeln lässt. In den Wochen vor Olympia war ihm das Risiko einer neuen Therapie zu gross. Nach der längeren Wettkampfpause war sein Fuss zuletzt zwar in einem deutlich besseren Zustand, ganz gut steht es um sein linkes Sprunggelenk aber noch immer nicht. «Ich habe zwar nicht mehr solche Schmerzen wie vor der Operation», verdeutlicht Heinzer, «aber im Alltag oder beim Krafttraining bin ich im Fuss nicht mehr so beweglich wie früher.»

Mühevoller Kampf um Sponsoren

Von Oktober bis Dezember hat Max Heinzer im Kampf um neue Sponsoren eine Werbebroschüre von sich erstellt und an 70 Unternehmen versandt. Das bittere Los des Athleten in der Randsportart Fechten: Nur von zwei Unternehmen wurde er zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Vielleicht muss er ja schon an diesem Wochenende die Broschüre überarbeiten – und in der Rubrik wichtigste Erfolg etwas hinzufügen: «Weltranglisten-Erster».