FECHTEN: Ihre Leichtigkeit beflügelt sie aufs Neue

Manon Emmenegger (17) hat in dieser Saison noch härter trainiert. Das zahlt sich bereits jetzt aus.

Marco Morosoli
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Die Baarer Degenfechterin Manon Emmenegger startet zum ersten Mal an einer Europameisterschaft. (Bild Werner Schelbert)

Die Baarer Degenfechterin Manon Emmenegger startet zum ersten Mal an einer Europameisterschaft. (Bild Werner Schelbert)

Wer einmal mehr aufsteht, als er umfällt, gewinnt. Diese Lebensweisheit hat sich auch die Baarer Degenfechterin Manon Emmenegger zu Herzen genommen. Kürzlich war sie am European Cadet Circuit in Göteborg in der Vorrunde – nach drei Siegen und zwei Niederlagen – auf dem 56. Rang platziert. Ihre Aktien auf ein gutes Abschneiden waren dadurch nicht mehr hoch gehandelt. Doch sie strafte alle Lügen und kämpfte sich auf den 14. Platz hoch. Und war damit die beste Schweizerin im Norden. «Damit hätte ich nicht mehr gerechnet», sagt die zierliche Kantonsschülerin. Eine Eigenart des Fechtens liegt darin, dass nach der Vorrunde die Karten neu gemischt werden. «Diese Phase musst du einfach überstehen. Auf wen du dann triffst, ist Zufall», sagt Manon Emmenegger.

Wichtig für eine gute Rangierung ist aber noch eine weitere Fähigkeit: «Du darfst dich nicht auf eine Kampftaktik versteifen.» Deshalb ist beim Kampf mit dem Degen das Abtasten so wichtig. «Ich muss ja herausfinden, ob ich eher mit einer aggressiven Vorgehensweise zum Ziel komme oder ob Abwarten die bessere Taktik ist.» Einige der Gegnerinnen kennt Emmenegger natürlich auch von früheren Kämpfen. Eine Kartei mit den Stärken und Schwächen der Widersacherinnen hat sie aber nicht angelegt. Sie wäre mittlerweile sicher sehr umfangreich, denn die 17-jährige Baarerin ist seit zehn Jahren aktiv.

Schon viele Erfahrungen gesammelt

Auf diese Saison hin hat Manon Emmenegger ihren Einsatz intensiviert. Der Grund dafür ist der Tessiner Franco Cerutti. Er ist seit letztem Sommer beim Zuger Fechtclub als Trainer engagiert. «Sein Engagement hat mir einen neuen Kick gegeben», sagt das junge Fecht­talent. Der erfahrene Fechtlehrer, er hat mehrere Jahre in den USA gearbeitet, ist von Manon Emmeneggers Leistung in der laufenden Saison sehr angetan: «Sie arbeitet sehr konsequent auf Ziele hin. Ihr Selbstvertrauen ist intakt. Das zeigt sich auch darin, dass sie immer positiv eingestellt ist.» Sie verfüge auch, so Cerutti, für ihr Alter schon über eine grosse Erfahrung: «Sie weiss offensiv wie defensiv zu überzeugen. Sie will immer perfekt sein.» Der Tessiner Fechtmeister attestiert seiner Schülerin auch die Fähigkeit, «im richtigen Augenblick die richtige Lösung zu wählen».

Für die Europameisterschaften der Junioren in Jerusalem (22. Februar bis 4. März) wagt das Baarer Degentalent für die Einzelwettkämpfe am 25. Februar keine Rangprognose. «Ich bin ja überhaupt froh, dass ich da fechten darf. Eines ist sicher: Die Konkurrenz wird stark sein», sagt sie bescheiden. Klar ist für sie vor allem eines: «Ich werde mein Bestes geben. Ich will mir nicht vorwerfen müssen, ich hätte nicht alles versucht.» Hart wird es in Israel so oder so sein: «Nach der Vorrunde gibt es auch dort ein Ausscheidungsturnier. Eine Niederlage, und du bist weg.» Dieses abrupte Ende möchte Manon Emmenegger einfach so lange wie möglich hinauszögern. Zwei Tage später wird die Baarer Degenfechterin zudem zusammen mit ihren drei Schweizer Kolleginnen im Teamwettkampf mitmachen. «Da musst du dich umgewöhnen, kannst nicht mehr nur für dich schauen.»

Drei Trainings pro Woche

Um optimal auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet zu sein, nutzt Manon Emmenegger derzeit jede Trainingsminute. Aktuell sind pro Woche drei Übungslektionen eingeplant. Und das neben dem normalen Schulbesuch. Fehle sie einmal, so die Teenagerin, dann hole sie den Stoff später nach. Für die EM wird sie jetzt – ausserhalb der ordentlichen Schulferien – für ein paar Zusatztage um eine Dispens bitten müssen. «Bis jetzt wurde mir dies immer bewilligt», sagt sie. Obwohl sie sportlich viel gefordert werde, so Emmenegger, «bin ich in der Schule guter Durchschnitt.» Zupass käme ihr, dass «ich für die Schule nicht so viel Zeit aufwenden muss». Ihre Kunst, sich auf ein Ziel zu fokussieren, hilft ihr also auch im Alltag. Denn sie hat an den Wochenenden immer einen vollen Terminkalender. Pro Saison kommen rund 20 Turniere zusammen.

Trachtentanz als Ausgleich

Doch neben all diesen sportlichen Aktivitäten findet Manon Emmenegger noch Zeit für ein anderes Hobby: Trachtentanz. Der Vorteil dieser Betätigung: Geübt wird an einem Tag, an dem kein Fechttraining angesagt ist. «Tanzen ist ein guter Gegensatz zum Fechten», sagt die 17-Jährige, die in der Kantonsschule als Schwerpunktfach Biologie und Chemie gewählt hat. Es erstaunt deshalb nicht, wenn Emmenegger sagt: «Neben Fechten und Tanzen bleibt nicht mehr viel Zeit für anderes.» Doch sie findet das nicht so schlimm. Fechter seien wie eine Familie. Ihre eigene Familie sieht sie auch noch oft. Das hängt damit zusammen, dass ihre um zwei Jahre ältere Schwester Solange beim Zuger Fechtclub beim Nachwuchstraining mithilft. Und auch Manons Eltern sind eng mit dem Klub verbunden. Ihre Mutter gehört seit kurzem dem Vorstand an. Dass das engere Umfeld auch das Fecht-Gen besitze, so der erfahrene Fechttrainer Franco Cerutti, sei mitverantwortlich für die guten Leistungen der EM-Teilnehmerin. Der Tessiner geht noch einen Schritt weiter: «Manon Emmenegger ist ein Aushängeschild des Fechtklubs.» Und das will sie noch lange bleiben.

Auf die kommende Saison hin wird Manon Emmenegger in der Kategorie Junioren an den Start gehen. Ihr Erfolgsrezept ist das gleiche wie bei den Kadettinnen: «Wenn ich am Fechten bin, dann merke ich nicht, was rund um mich herum läuft.» Sie sieht es ja dann noch früh genug auf der Anzeigetafel.