FIFA: So wurden die FBI-Agenten plötzlich hellhörig

Seit fünf Jahren ermittelt die US-Bundespolizei FBI gegen hochrangige Fussballfunktionäre. Das zusammengetragene Beweismaterial ist aber noch unter Verschluss.

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Fifa-Hauptsitz in Zürich. (Bild: Keystone / Walter Bieri)

Fifa-Hauptsitz in Zürich. (Bild: Keystone / Walter Bieri)

Renzo Ruf, Washington

Die Bilanz ist, zumindest in den Augen der amerikanischen Ermittler, eindrücklich: 41 Fussballfunktionäre und Marketingverantwortliche sind in den vergangenen neun Monaten durch die federführende Staatsanwaltschaft im New Yorker Stadtteil Brooklyn angeklagt worden – und 14 erklärten sich schuldig im Sinne der Anklage.

Der grösste Fisch, der den Ermittlern dabei ins Netz ging: Chuck Blazer, ehemaliger Generalsekretär des Fussball-Regionalverbandes Concacaf, der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständig ist. Der 70-jährige Amerikaner bereicherte sich jahrelang, ziemlich schamlos, an den Fussballkassen und manipulierte wichtige Entscheide über die Austragung von Turnieren und die Vergabe von lukrativen Verträgen. Am 25. November 2013 erklärte er sich vor Gericht in New York für schuldig.

Allein: Trotz dieser positiven Zwischenbilanz ist auch fast fünf Jahre nach dem Beginn der Ermittlungen nicht öffentlich bekannt, welche Beweise die amerikanische Justiz gegen hochrangige Fifa-Funktionäre in den Händen hält. Denn die Staatsanwaltschaft, die bis April 2015 durch die aktuelle Justizministerin Loretta Lynch geleitet wurde, gibt sich zugeknöpft. Die meisten Gerichtsdokumente sind versiegelt; und weil es die 14 angeklagten Funktionäre und Marketingverantwortlichen vorzogen, sich in einem abgekürzten Verfahren für schuldig zu erklären, kam es bisher nicht zu einem öffentlichen Prozess, an dem sich Anklage und Verteidigung ausführlich hätten äussern können.

Warner beging den Fehler

Klar ist aber, wer das Verfahren in Gang gebracht hat: das FBI. Im Jahr 2010 kamen einigen Betrugsspezialisten der Bundespolizei in New York Gerüchte zu Ohren, dass sich Russland die Austragung der Weltmeisterschaft 2018 mittels illegalen Geldspenden sichern wolle. Die beiden Agenten Jared Randall und Michael Gaeta nahmen die Geldströme zwischen dem Fifa-Hauptsitz in Zürich und den diversen Regionalverbänden, die häufig über amerikanische Banken abgewickelt wurden, genauer unter die Augen, wie die Sportpublikation «ESPN The Magazine» kürzlich berichtete. Als Russland im Dezember 2010 den Zuschlag für wie Austragung der WM erhielt, sahen sich die FBI-Agenten bestätigt.

Es war aber nicht Blazer, der den entscheidenden Fehler beging. Es war Jack Warner, langjähriger Kompagnon des Amerikaners sowie einflussreicher Politiker und Funktionär in Trinidad. Warner lud 2011 den katarischen Unternehmer und Fifa-Vizepräsidenten Mohamed bin Hammam in seine karibische Heimat ein. Während eines Gesprächs übergab der korrupte Funktionär aus Katar dem korrupten Funktionär aus Trinidad 40 000 Dollar – damit Warner die Kandidatur bin Hammams für den Chefposten bei der Fifa unterstützen würde. Als Blazer davon erfuhr, soll er derart erzürnt darüber gewesen sein, dass er die Fifa-Zentrale wachrüttelte.

Blazer wartet auf das Strafmass

Umgehend leiteten die Funktionäre in Zürich ein internes Verfahren gegen Warner ein. Dieser allerdings packte seinerseits aus. Er beschuldigte Blazer, mit dem er seit 1990 im Concacaf den Ton angegeben hatte, der Korruption. Der Amerikaner gab sich vorerst ungerührt. Als er im Frühjahr 2011 erstmals durch den FBI-Agenten Jared Randall kontaktiert wurde, schien er keine Ahnung zu haben, dass er bald im Zentrum eines weltweiten Korruptionsskandals stehen würde.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Im Herbst 2011 willigte Blazer ein, mit dem FBI in den Ermittlungen gegen hochrangige Fussballfunktionäre zu kooperieren. Bis im Sommer 2013 gab er der Justiz Einblick in die Betrügereien, die sich unter dem Dach der Fifa ereigneten. Dabei lieferte er vor allem Akteure ans Messer der Justiz, die in seiner Nachbarschaft tätig waren: in Mittel-, aber auch in Südamerika. Was genau er erzählte, ist streng geheim. Blazer wartet immer noch auf seine Strafzumessung. Er soll gesundheitlich angeschlagen sein und sich in einem Spital in Pflege befinden.