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Das zweite Leben der Eishockey-Heldin Florence Schelling

Florence Schelling war über Jahre das Gesicht des Schweizer Frauen-Eishockeys. Im Winter wäre sie bei einem Genickbruch fast ums ­Leben gekommen. Nun ist sie neue Nationaltrainerin der U18-Frauen und Eishockey-Expertin beim Schweizer Fernsehen.
Etienne Wuillemin
Florence Schelling (links) trägt nun die Hauptverantwortung für die Spielerinnen der U18-Nationalauswahl. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (St.Gallen, 23. August 2018)

Florence Schelling (links) trägt nun die Hauptverantwortung für die Spielerinnen der U18-Nationalauswahl. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (St.Gallen, 23. August 2018)

Die Nervosität wird grösser. Jahrelang war Florence Schelling die Königin des Schweizer Eishockeys. Nun wechselt sie die Seiten. Heute Abend analysiert sie erstmals als Expertin beim Schweizer Fernsehen die Spiele der National League A. «Ich bin sicher, das wird eine grossartige Erfahrung», sagt sie vor dem Début, «im Moment bin ich aber vor allem aufgeregt.»

Schelling sitzt auf der Terrasse der Tennisanlage ihres Heimatdorfes Oberengstringen. Es ist Ende August. Die Temperaturen sind noch sommerlich. Und doch hat die Eishockey-Saison schon begonnen. Ihre eigene Aktiv-Karriere hat sie im Mai 2018 beendet. Nun treibt sie die nächsten Schritte neben dem Eis voran. Nicht nur als TV-Analystin.

Im Juli ernannte der Schweizer Eishockeyverband Schelling zur U18-Nationaltrainerin der Frauen. «Der Anruf kam ziemlich überraschend», erzählt die 30-Jährige. «Raeto Raffainer, damals noch Nati-Direktor, fragte mich geradeaus: ‹Warum hast du dich eigentlich nicht beworben auf die offene Stelle?›» Schelling dachte, der Verband würde wohl jemanden einstellen mit mehr Erfahrung. Doch Raffainer insistierte. Er sagt: «Irgendwann muss der erste Schritt als Chefin an der Bande folgen. Sie war schon als Spielerin eine Leaderin und konnte mit der grossen Verantwortung und dem Leistungsdruck umgehen. Ihre Persönlichkeit, kombiniert mit ihrem Fachwissen, haben mich überzeugt, dass sie eine erfolgreiche Trainerin sein kann.»

Der lange Weg zurück nach dem Skiunfall in Davos

Einige Tage nach dem ersten Telefonat ist der Deal besiegelt. Und Schelling, die massgeblichen Anteil an Olympia-Bronze 2014 hatte, ist voller Vorfreude auf ihr zweites Eishockey-Leben.

Das Pensum als U18-Nationaltrainerin beträgt über das Jahr hinaus etwa 30 Prozent. Das passt. Denn noch ist Schelling erst auf dem Weg zurück ins Leben. Im Winter brach sie sich bei einem Skiunfall in Davos das Genick. Sie hatte Glück im Unglück. «Ich hätte sterben können oder querschnittgelähmt sein», blickt sie zurück. Bis sie wieder vollständig gesund ist, braucht es viel Geduld. «Die Tage sind manchmal schwierig, manchmal besser. Momentan gilt das Motto: ‹Try and fail›.»

Drei Monate lang musste sie eine Halskrause tragen. «Am Anfang habe ich fast nur geschlafen. Das Leben war lange eine riesige Herausforderung. Schon mit einer Treppe im Haus war ich überfordert.» Ohne die Hilfe ihrer Eltern wäre der Alltag nicht zu bewältigen gewesen.

Doch die Fortschritte kommen. Und Schelling gelingt es, weiter lebensfroh zu sein, positiv zu denken. «Der Unfall hatte auch viel Gutes. Ich war gezwungen, nur das Nötigste zu tun. Also habe ich alles aussortiert, was belastend ist. Ich mache nur noch Dinge, die mir gut tun. Dieses Denken möchte ich auch in Zukunft behalten.»

Die ersten Herausforderungen mit ihren U18-Frauen hat Schelling erfolgreich hinter sich gebracht. Ihre Bilanz nach dem Vierländerturnier in Japan: «Grossartig! Es macht mega Spass. Auch wenn es viel zu tun gibt.»

Die kurze Panik vor der Rede in der Garderobe

Die Resultate – 1:4 gegen Deutschland, 1:5 gegen Japan und 2:1 gegen die Slowakei – waren zwar nicht eben berauschend. «Aber der Prozess innerhalb des Turniers gefiel mir.» Dann lacht Schelling. «Früher als Spielerin regte ich mich immer auf, wenn ein Trainer sagte: ‹Die Resultate in den Testspielen sind nicht wichtig› Und wie denke ich jetzt? Genau gleich!» Das erste grosse Ziel ist die U18-WM zwischen Weihnachten und Neujahr. Überhaupt hat sich Schellings Blick verändert. «Als Spielerin musste ich einfach Leistung bringen, Punkt. Jetzt bin ich verantwortlich dafür, dass alle meine Spielerinnen performen. Das ist schon ein anderer Druck.» Nicht nur während des Spiels. Auch in den Tagen des Camps an sich. «Ich muss den ganzen Tag präsent sein, beurteile ständig jede Spielerin. Sei es auf dem Eis, aber auch daneben.»

Als grösste Herausforderung erlebte Schelling die Auftritte vor dem Team kurz vor Spielbeginn und in den Drittels­pausen. «Am liebsten würde man da hundert Dinge erzählen, taktisch, über den Gegner, die eigenen Fehler, und so weiter.» Gleichzeitig ist klar: Die Aufmerksamkeit ist begrenzt. Also versuche sie maximal drei Dinge zu sagen. «Am Anfang machte ich mir wohl einige Gedanken zu viel, hatte fast ein bisschen Panik. Doch dann realisierte ich: Es redet automatisch drauf los.»

Einfach drauf los – so könnte das auch heute Abend sein. Wenn ihr Fokus als Expertin zwischenzeitlich den Männern gilt.

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