Formel 1 rast zum Corona-Hotspot

Der Rennsport gastiert am Wochenende in Barcelona. Trotz vieler Neuinfektionen geben sich Beteiligte gelassen.

Raphaelle Peltier und Thomas Weitekampf (SID)
Drucken
Teilen
Auf Schutzmassnahmen wird in der Formel 1 viel Wert gelegt. Im Bild die Fahrer Esteban Ocon (links) und Daniel Ricciardo.

Auf Schutzmassnahmen wird in der Formel 1 viel Wert gelegt. Im Bild die Fahrer Esteban Ocon (links) und Daniel Ricciardo.

Bild: Getty (12.8.20)

Die Rennfahrer schauen pragmatisch auf das sechste Saisonrennen in der katalonischen Stadt voraus. Ein Formel-1-Rennen im Corona-Hotspot Barcelona? «Ich erwarte keine Schwierigkeiten», sagt Red-Bull-Star Max Verstappen. «Corona gibt es doch nicht nur in Spanien. Wir müssen einfach vorsichtig sein.»

Allerdings sind die Infektionszahlen rund um die Metropole vor dem Rennen am Sonntag wieder deutlich angestiegen, und das mit der Vorsicht ist bei einem unsichtbaren Virus ja gar nicht so einfach. Das deutsche Robert-Koch-Institut hat Katalonien daher längst wieder zum Risikogebiet ernannt, das Auswärtige Amt warnt vor Reisen dorthin.

Auch international gilt die Region nicht mehr als sicher, die Augen-zu-und-durch-Taktik der Formel 1 wird daher durchaus kritisch beäugt. Innerhalb der Blase ist man sich allerdings recht sicher. Weil der Reisetross auch bislang schon kaum Kontakt zur Aussenwelt hatte. Auch innerhalb der Formel 1 und sogar innerhalb der Teams sind die Bereiche klar getrennt.

Nur drei positive Fälle bei 25000 Coronatests

«Ich bleibe ja in meiner Blase, für mich ändert sich nichts», sagt etwa Weltmeister Lewis Hamilton von Mercedes: «Ich habe weiterhin nur mit ein paar wenigen Menschen direkt zu tun, ich komme am Flughafen an, fahre zu meinem Motorhome an der Strecke. Und dort bleibe ich für vier Tage, so wie zuletzt auch.»

Man ist mittlerweile selbstbewusst im Fahrerlager. 25000 Tests hat die Formel 1 seit dem Auftakt ihrer Geister-Saison Anfang Juli durchgeführt, darunter waren nur drei positive Fälle – und nur ein prominenter: Sergio Perez setzte zuletzt die beiden Rennen in Silverstone aus, in Barcelona wird er im Racing-Point-Cockpit zurückerwartet.

«Ich denke, die Resonanz der ersten Rennen hat gezeigt, dass die Formel 1 alles richtig gemacht hat», sagte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko bei F1-insider.com: «Dass die Rennen im Moment ohne Zuschauer stattfinden, ist ein Kompromiss, den wir eingehen mussten. Alles geht um die hohe Kunst des Abwägens.»

Und so war es zwischenzeitlich auch durchaus eine Option, das Barcelona-Rennen abzusagen und durch einen weiteren, dritten WM-Lauf in Silverstone zu ersetzen. Allerdings vor allem aus organisatorischen Gründen: Da Katalonien auch aus Sicht der britischen Regierung nicht mehr zu den sicheren Regionen zählt, müssen Reisende nach ihrer Rückkehr eigentlich in zweiwöchige Quarantäne. Und eine solche, sagt Marko, «würde den Formel-1-Betrieb lahmlegen». Der Grund: Die grosse Mehrzahl der Teams sitzt in England, und nur zwei Wochen nach dem Rennen in Spanien ist bereits der Grand Prix im belgischen Spa angesetzt. 14 Tage Isolation wären da nicht umsetzbar.

Die Lösung ist eine Sondergenehmigung. Formel-1-Reisende, ebenso wie Teilnehmer anderer Profisportveranstaltungen, können die Quarantäne-Regelung unter bestimmten Auflagen umgehen. «Wir haben trotz des Anstiegs der Coronazahlen in Spanien grünes Licht bekommen», sagt Marko.

Sebastian Vettel erhält neues Fahrgestell

Sebastian Vettel sorgt seit Wochen für staunende Gesichter in der Formel 1. Fahrfehler werfen ihn zurück – und im WM-Klassement reicht es nur für den 13. Rang. Über die Gründe wird gerätselt. Nicht nur Ex-Weltmeister Nico Rosberg vermutet daher externe Faktoren, ein beschädigtes Chassis etwa. Zumindest diese «Ausrede» ist Vettel nun genommen: In Barcelona erhält der viermalige Weltmeister ein neues Fahrgestell. Die Scuderia setzt damit auch ein Zeichen in einer Phase, in der Verschwörungstheorien durchs Netz geistern: Nach Vettels Ausbootung zum Jahresende, so raunen einige, kümmere sich das Team nun vor allem um den Erfolg seines Teamkollegen Charles Leclerc.

Vettel selbst will sich an Verschwörungstheorien nicht beteiligen, eine Antwort hat aber auch er nicht. Ob er glaube, dass Ferrari zwei identische Fahrzeuge einsetze, wurde er zuletzt im britischen Sender Sky Sports gefragt. «Ich weiss es nicht», sagte er nach kurzem Schweigen, «ich denke, es gibt etwas, das ich übersehe. Ich bin aber nicht sicher, was es ist.» «Seltsam» und «etwas frustrierend» sei seine Geschwindigkeit, «ein Fragezeichen». Er muss nun auf Antworten in Barcelona hoffen.