FRANKREICH: Weinpreise im Höhenrausch

Die richtungsweisenden Preise für Bordeaux-Weine starten wieder durch. Bereits liegen sie um ein Viertel höher als im Vorjahr.

Stefan Brändle, Paris
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Regula Wüest tauscht heute Montag die Stadtkulisse am Luzerner Marathon wieder mit jener des Schulhauses in Buchs ein. (Bild: Kurt Grüter)

Regula Wüest tauscht heute Montag die Stadtkulisse am Luzerner Marathon wieder mit jener des Schulhauses in Buchs ein. (Bild: Kurt Grüter)

Stefan Brändle, Paris

Schuld ist das Wetter – es war zu perfekt. Der vergangene Sommer war heiss; im August frischte Regen die Weinberge auf, und zur Erntezeit reiften die Trauben wieder in der Sonne. Das Traumwetter jedes Winzers liess schon damals einen guten Jahrgang erwarten. Bei den ersten Proben der «Primeur-Weine» lief den Experten Anfang April bereits der Rebsaft im Mund zusammen. «Der Jahrgang 2015 hat so exquisite Tannine wie 2001, eine so feingliedrige Struktur wie 1998 und schmeckt am Gaumen so aromatisch wie 2005», schwärmte die aufstrebende, gerade mal 34-jährige Bordeaux-Meisterin Stéphanie de Boüard-Rivoal vom Château Angelus.

Annahmen waren zu vorsichtig

Mitte Mai mutmassten die ersten Weinhändler, die Preise dürften um 10 bis 15 Prozent über dem Vorjahr liegen. 2014 war ein korrekter Jahrgang gewesen, etwas besser als die drei mageren Vorjahre 2011 bis 2013.

Jetzt zeigt sich, dass die ersten Annahmen für den jüngsten Jahrgang noch zu vorsichtig waren. Wie die Londoner Weinbörse Liv-ex (London International Vintners Exchange) in ihrem neusten Blog schreibt, «beschleunigt sich der Schritt der Primeur-Kampagne 2015 stark». Die Topmarken des Bordelais bringen ihren Wein – der noch immer in den Fässern reift – im Schnitt 25 Prozent teurer in den Handel als im letzten Jahr. Und das will etwas heissen bei den ohnehin stolzen Preisen, die Weinliebhaber für Produkte aus dem renommiertesten Rebgebiet der Welt zahlen.

60 Euro pro Flasche

Im östlich von Bordeaux gelegenen Sektor Saint-Emilion sind die Zuschläge noch höher. Château Canon setzt den Flaschenpreis nun zum Beispiel auf 60 Euro; das sind 56 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Im Rebgebiet Pomerol beträgt die Hausse vereinzelt 36 Prozent, im Médoc 32 Prozent. So zahlt man für einen Château Smith Haut Lafitte (Pessac-Léognan) nun ebenfalls 60 Euro.

Diese stolzen Preise widerspiegeln laut ihren Machern die seit fünf Jahren unerreichte Weinqualität. Der Weinexperte Neal Martin vergleicht die Ernte von 2015 mit den Spitzenjahrgängen 2009 und 2010. Im Zuge der 25-prozentigen Preishausse für den neusten Bordeaux-Jahrgang steigen an den Weinbörsen auch die Preise für ältere Rotweine dieser Gegend.

Ausdruck des guten Geschäftsgangs in Bordeaux ist auch das neue Weinmuseum, das Bürgermeister Alain Juppé vergangene Woche eröffnet hat. Die 81 Millionen Euro teure «Cité du Vin» befindet sich in einem karaffenförmigen Bau und soll das neue Wahrzeichen der Stadt werden. Jährlich werden bis zu einer halben Million Besucher erwartet.

Zu viele Pestizide

In letzter Zeit mussten sich die Winzer allerdings auch gegen Vorwürfe wehren, sie setzten zu viele Pestizide ein. Laut Medienberichten werden die Rebberge auch in Spitzengebieten wie dem Médoc bis zu 18-mal im Jahr damit besprüht. Insgesamt kommen im Bordelais jedes Jahr 2700 Tonnen Pestizide zum Einsatz. Das entspricht einer zehnmal intensiveren Nutzung von Pestiziden als in der französischen Landwirtschaft. Der Vorsteher des mächtigen Berufsverbands der Bordeaux-Weine, Bernard Farges, hat nun erklärt, er sei für die «Verminderung oder gar das Ende der Pestizide» in den Weinbergen. Labor- und Feldtests sind im Gang.