FREESKI: Bösch fliegt aufs nächste Level

Der Engelberger Fabian Bösch tritt heute an den X-Games in Aspen an. Der 18-jährige Weltmeister erfüllt sich damit vor rund 115 000 Zuschauern den lang ersehnten Traum.

Claudio Zanini
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Fabian Bösch empfahl sich mit seinem WM-Titel 2015 in Kreischberg (Bild) für die X-Games in Aspen, wo er heute im Big Air am Start stehen wird. (Bild: Keystone/Darko Bandic)

Fabian Bösch empfahl sich mit seinem WM-Titel 2015 in Kreischberg (Bild) für die X-Games in Aspen, wo er heute im Big Air am Start stehen wird. (Bild: Keystone/Darko Bandic)

Verändert habe sich im vergangenen Jahr «nicht viel», sagt Fabian Bösch. Weltmeistertitel, ungewohnt grosse Medienpräsenz, Nomination zum Newcomer des Jahres an der Schweizer Sportlerwahl, Einladung an die X-Games. Aber Veränderung, «nein, eigentlich nicht», meint der 18-jährige Engelberger im Telefongespräch live aus Aspen mit unserer Zeitung. Bösch kokettiert nicht etwa mit falscher Bescheidenheit. In seiner Welt haben Ruhm und Auszeichnungen schlicht eine geringere Bedeutung als das Skifahren selbst. «Das Preisgeld an den X-Games? Ich weiss gar nicht, wie hoch der Betrag ist. Vielleicht 20 000 Dollar?»

Vierzeilige Mail als Einladung

Mit der Einladung an die X-Games, den weltgrössten Anlass für Freestyle-Sportarten in Aspen, Colorado, ging für Bösch der lang ersehnte Traum in Erfüllung. Dafür lassen Topfahrer bei Terminkollisionen auch mal eine FIS-WM sausen. Im vergangenen Jahr wohnten 115 000 Zuschauer dem Event auf dem Buttermilk Mountain bei. Für die X-Games können sich Athleten lediglich durch sportliche Leistungen aufdrängen, nicht aber nach bestimmten Selektionskriterien qualifizieren. Der Veranstalter, der Fernsehsender ESPN, entscheidet selbst, welche Fahrer er dabei haben will. Bösch wurde auserwählt. Das klingt zwar nach edlem Briefumschlag mit Siegelgravur, tatsächlich erhalten die Athleten eine vierzeilige E-Mail mit Link, um die Teilnahme zu bestätigen. Da die Amerikaner Böschs Mail-Adresse nicht kannten, versandten sie die Einladung an Vater Markus – genau an dem Tag, als die Familie den Geburtstag von Fabians Schwester feierte. «Wir haben gerade angestossen, als mein Vater die Einladung bekam. Ich habe mich unglaublich gefreut», erzählt Bösch, der in den USA wahlweise als «Bosh» oder «Bush» ausgerufen wird. Auf seiner Facebook-Fanseite veröffentlichte er am Weihnachtstag das Aufgebot. «Eines der besten Weihnachtsgeschenke überhaupt», kommentierte er das Bild. Es ist die pure Begeisterung eines jungen Mannes, der plötzlich im Konzert der Szenengrössen auftreten darf. Auf einer Bühne, die er bisher nur als Zuschauer kannte.

Alle Variationen von Süssigkeiten

Heute Nachmittag (ab 15.15 MEZ) beginnt der Wettkampf auf dem Buttermilk Mountain für Fabian Bösch. Obwohl er sich seit Januar 2015 Slopestyle-Weltmeister nennen darf, wurde er für die Disziplin Big Air eingeladen. «Mein Wunsch war in erster Linie, dabei zu sein, weil es für mich der wichtigste Event ist. Die Disziplin spielt keine Rolle.» Untergebracht ist das Free-ski-Team samt Trainer und Physios fünf Autominuten vom Wettkampfgelände entfernt. Auch die Fahrer der anderen Nationen sind da. Es ist so was wie ein olympisches Dorf.

Nebst Bösch treten im Big Air die Schweizer Fahrer Elias Ambühl, Kai Mahler und Luca Schuler an. Der Unterschied zu Contests in Europa sei gross. «Im Fahrerbereich ist die Auswahl an Essen und Trinken kaum fassbar. Es gibt alles, auch alle Variationen von Süssigkeiten.» Die Rahmenbedingungen der X-Games sind auf dem Niveau der Olympischen Winterspiele, «denn ohne Akkreditierung kommt man auch als Athlet nirgends hin», sagt Bösch, der in Sotschi 2014 dabei war. Auch sonst sei der Trubel, gerade um die amerikanischen Fahrer, sehr gross. «Schon während der Trainings mussten einzelne Fahrer Interviews geben.»

Big Air im Baseballstadion

Trotz erstmaliger Teilnahme an den X-Games sind Amerika-Aufenthalte und lange Reisen für den Engelberger zur Gewohnheit geworden. «Das gehört halt einfach zu meiner Sportart dazu.» Gerade erst im Dezember war Bösch in Colorado, wo er sich an einem namhaften Freestyle-Contest in Brecken­ridge als einziger Schweizer Freeskier für den Slopestyle-Final qualifizierte und anschliessend den dritten Rang holte.

Vor knapp zwei Wochen begann die jetzige längere USA-Reise. Zuerst stand der FIS-Weltcup in Mammoth Mountain, Kalifornien, auf dem Programm. Bösch erreichte den 29. Platz. Zu Beginn dieser Woche verschob sich der Schweizer Tross von dort nach Colorado an die X-Games. Nächste Woche geht er zurück nach Kalifornien. Da stehen Trainings an, «und vielleicht gehen wir noch für ein paar Tage nach Los Angeles». Dann fliegt das Team an die Ostküste, wo die Freeskier am 12. Februar am Boston City Big Air teilnehmen. Im Fenway Park, einem Baseballstadion, wartet eine 43 Meter hohe Schanze auf die Athleten.

Halber Tag zu Hause in Engelberg

«Nach dem Rückflug von Boston werde ich einen halben Tag zu Hause sein, bevor wir wieder an die nächsten Wettkämpfe abreisen», sagt Bösch und fügt nach einer Pause hinzu, «das ist manchmal schon anstrengend». Für Sightseeing fehle auf den Reisen teilweise die Zeit, manchmal sei auch der Ort nicht geeignet. «In Mammoth Mountain waren wir auf dem Berg versorgt. Da kannst du nicht viel anderes unternehmen als Ski fahren.» Doch eigentlich geht es auch nur darum. So ist der Engelberger wahrscheinlich einer der wenigen Schweizer, die das Promi-Magazin «Glanz und Gloria» auf SRF nicht kennen, darin aber schon selbst mit einem längeren Beitrag vertreten war. «Vielleicht sollte ich mir diesen Beitrag doch einmal anschauen», sagt Bösch fast ein wenig verlegen.