Roger Federer und Stan Wawrinka – zwei zweite Leben und fünf Grand-Slam-Duelle

Nach ihren Knieverletzungen spielten Roger Federer und Stan Wawrinka beide mit dem Gedanken an den Rücktritt. Heute treffen Sie in den Viertelfinals von Roland Garros zum 26. Mal aufeinander.

Simon Häring, Paris
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Roger Federer und Stan Wawrinka treffen sich an den French Open 2019 im Viertelfinal. (Bilder: Claude Diderich/freshfocus)

Roger Federer und Stan Wawrinka treffen sich an den French Open 2019 im Viertelfinal. (Bilder: Claude Diderich/freshfocus)

Roger Federers Märchen

Diagnose: Meniskusriss im linken Knie, Probleme mit dem Rücken. Es ist Sommer 2016, als Roger Federer beschliesst, seine Saison vorzeitig zu beenden und aus dem Hamsterrad, in dem er sich in den letzten zwei Jahrzehnten bewegt hat, auszusteigen. Es fällt ihm leicht, wie so vieles im Leben. Sein Weg zurück beginnt in den Bergen. Er wandert in den Appenzeller Alpen, besucht mit seinen Kindern den Zirkus, verbringt viel Zeit mit Familie und Freunden. Er tut all das, was in den letzten Jahren zu kurz gekommen war.

Ja, Roger Federer findet in diesem Sommer, als er schon 35 Jahre alt ist, Gefallen am Leben neben dem Tennisplatz. Später bekennt der Baselbieter, den Tennis-Zirkus weniger vermisst zu haben, als er erwartet hätte. Und dass er kurz mit dem Gedanken an den Rücktritt gespielt hätte, den er schnell wieder verwarf.

Roger Federer war schon immer einer, der den Blick nach vorne richtete. «Ich brauche die Pause, weil ich noch viele Jahre Tennis spielen will. Weil ich das Spiel liebe, den Wettkampf, die Turniere und die Fans», schreibt er im Sommer 2016. Federer war auch schon immer einer, der den Dingen auch ihr Positives abgewinnt. Er empfindet die Pause nicht nur als Schicksal, sondern auch als Chance. «Diese Erfahrung zeigt mir, wie viel Glück ich in meinem Leben bisher hatte.» Er verwende seine ganze Energie darauf, stark, gesund und in guter Form zurückzukommen, «um im nächsten Jahr offensives Tennis zu spielen».

Roger Federer beim French Open 2019 in Paris. (Bild: Claude Diderich/freshfocus)

Roger Federer beim French Open 2019 in Paris. (Bild: Claude Diderich/freshfocus)

Sein Umfeld bleibt intakt und Federer nimmt sich für die Regeneration viel Zeit. Drei Wochen lässt sich von seinem Physiotherapeuten Daniel Troxler behandeln. Danach baut er mit seinem Fitnesstrainer Pierre Paganini am Fundament für die Zukunft. Es vergehen Monate, bis Federer erstmals wieder mit dem Racket trainiert. «Er ist niemandem etwas schuldig, arbeitet aber jeden Tag, als ob er allen etwas schuldig wäre: So seriös, so intensiv und trotzdem locker. Rogers Leidenschaft für das Training und das Tennis war zuletzt vielleicht noch grösser, als ich je gedacht hatte», schwärmt Paganini im November 2016, bevor er Federer in die Hände der Tennis-Trainer übergibt. In jene von Severin Lüthi und Ivan Ljubicic.

Sie hegen nie Zweifel daran, dass Federer bald wieder zu den Weltbesten gehört. Im Dezember, so erzählt es Lüthi später, habe er zu ihm gesagt: «Roger, du spielst so gut, du kannst in Melbourne gewinnen.» Als Federer im Januar 2017, 192 Tage nach seinem letzten Spiel, zurückkehrt, ist er nur noch die Nummer 17 der Welt. Gleichwohl steht er sofort wieder dort, wo er immer stand: im Mittelpunkt. Zwei Wochen später gewinnt er im Final des ersten Turniers seines zweiten Lebens gegen Rafael Nadal seinen 18. Grand-Slam-Titel. Das Märchen von Australien ist einer der schönsten Geschichten in Federers Karriere.

Stan Wawrinkas Albtraum

Diagnose: Knorpelschaden im linken Knie. Es ist Sommer 2017, als Stan Wawrinka beschliesst, seine Saison vorzeitig zu beenden und aus dem Hamsterrad, in dem er sich in den letzten beiden Jahrzehnten bewegt hat, auszusteigen. Es fällt ihm schwer. Er hatte trotz Knorpelschaden weitergespielt, bis es nicht mehr ging. Das war nicht vernünftig, aber typisch für einen Mann, der es darum an die Spitze geschafft hatte, weil er härter zu sich ist als die meisten anderen. Erst, als es nicht mehr ging, zog Wawrinka die Reissleine und liess sich zwei Mal operieren.

Sein Weg zurück beginnt mit dem Rückzug in sein Inneres. Acht Wochen geht Wawrinka an Krücken, er verkriecht sich in den eigenen vier Wänden. Die Einsamkeit lähmt ihn. Er leidet an depressiven Episoden. Stan Wawrinka war schon immer einer, der sich seiner Schwächen und seiner Verletzlichkeit nicht schämt. Der keine schönen Worte für das sucht, was er nicht als schön empfindet. Und so spielt er auch nicht vor, seiner Pause Gutes abgewinnen zu können. «Es war die einzige Lösung», schreibt er im Sommer 2017. Doch auch für ihn ist klar, dass es nicht das Ende seiner Karriere bedeuten soll, «denn ich liebe diesen Sport und möchte ihn noch viele Jahre ausüben». Er nimmt sich nicht die Zeit, die sein Körper gebraucht hätte und kehrt im Januar 2018 zurück. Weil ihm das Leben mit Routinen, Training, Spielen und Reisen fehlt, der Stress und das Adrenalin des Wettkampfs.

Stan Wawrinka beim French Open 2019 in Paris. (Bild: Claude Diderich/freshfocus)

Stan Wawrinka beim French Open 2019 in Paris. (Bild: Claude Diderich/freshfocus)

Wawrinka hatte die Welt vermisst, die ihn zuvor tief verletzt hatte. «Für mich war es erschreckend und enttäuschend, wie schnell man in Vergessenheit gerät», sagt der Romand über die Zeit, in der er nicht Teil der Tennis-Karawane war. Als er mit Fitnesstrainer Pierre Paganini das Fundament für die Zukunft legt, verkündet sein Trainer Magnus Norman die Trennung. «Für mich ein Schock. Er hat sich in der schlimmsten Zeit meiner Karriere so entschieden», sagt Wawrinka. Die Pause ist für ihn ein Albtraum. Immerhin: Sechs Monate später kommt es zur Versöhnung mit Norman, der seit einem Jahr wieder sein Trainer ist.

Stan Wawrinka, 34, hat viel durchgemacht in den letzten Jahren. Jüngst folgte die Trennung von Freundin Donna Vekic. Anfang Februar 2018 hat er beim Turnier in Marseille Schmerzen im operierten Knie, erlebt einen Zusammenbruch, gibt sein Startspiel nach zwölf Games auf und verlässt den Platz unter Tränen. «Ich fragte mich ernsthaft, ob die Zeit gekommen sei, um zurückzutreten.» Niemand hatte auf seine Rückkehr gewartet. Während Federer gleich sein erstes Turnier gewinnt, wartet Wawrinka seit zwei Jahren auf einen Titel. Nur langsam nähert er sich der Weltspitze wieder an. Doch auch für ihn ist aus dem Albtraum ein Märchen geworden. Auch er hat ein zweites Leben geschenkt bekommen.

Fünf denkwürdige Grand-Slam-Duelle

Australian Open 2011: Titelverteidiger Federer dominiert «Killer» Wawrinka

In Wawrinkas Box sitzt mit Peter Lundgren Federers Ex-Trainer, der sagt: «Stan ist jetzt ein Killer. Vorher war er zu sanft, zu nett.» Zu sehen ist davon wenig: 6;1 6:3, 6:3 für Titelverteidiger Federer. im Viertelfinal. Federer lobt trotzdem: «Stan hat das Zeug zum Grand-Slam-Sieger.» Federer unterliegt im Halbfinal Djokovic.

Wimbledon 2014: Regen als Verbündeter im «Battle of Switzerland»

Wawrinka liegt in der Weltrangliste vor Federer, hat zudem im Final von Monte Carlo das letzte Duell gewonnen. Aber wegen Regens hatte er vor dem Viertelfinal, der «Battle of Switzerland», an drei Tagen in Folge gespielt. Federer setzt sich in den Viertelfinals 3:6, 7:6, 6:4, 6:4 durch. Im Final unterliegt er Djokovic.

Roland Garros 2015: Eine Premiere vor dem «Spiel meines Lebens»

Im fünften Anlauf gelingt Wawrinka mit dem 6:4, 6:3, 7:6 in den Viertelfinals der erste Sieg gegen Federer auf Grand-Slam-Stufe. «Stan war in allen Belangen besser», sagt Federer. «Ich hoffe, er holt jetzt auch den Titel».Der Wunsch geht in Erfüllung: Wawrinka bezwingt im Final Djokovic im «Spiel meines Lebens».

US Open 2015: Machtdemonstration im ersten Schweizer Halbfinal

Federer gewinnt den ersten Schweizer Halbfinal bei einem Grand-Slam-Turnier mit 6:4, 6:3, 6:1. Federer hatte zuvor in Cincinnati triumphiert, im Final Djokovic besiegt und diesen mit dem Halbvolley-Return «Sabr» verunsichert. «Wenn er so spielt, ist er nicht zu schlagen», sagt Wawrinka. Djokovic schafft es dennoch.

Australian Open 2017: Fünfsatz-Epos bei Federers Märchen-Comeback

Wawrinka schmerzt das Knie, Federer bereiten im ersten Turnier nach seiner Pause die Adduktoren Probleme. Das 7:5, 6:3, 1:6, 4:6, 6:3 im Halbfinal bezeichnet er als «Bestätigung für alles, was ich in den vergangenen zwölf Jahren gemacht habe». Im Final bezwingt er Rafael Nadal und feiert seinen 18. Grand-Slam-Titel.