FUSSBALL: Anspannung an der Anfield Road

Der FC Liverpool und Chelsea liefern sich beim 1:1 einen fussballerischen Kulturkampf. Jürgen Klopp fordert mehr Augenmass bei der Zwischenbilanz über die Saison.

Raphael Honigstein
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Aufgeladenes Duell: Liverpools Jordan Henderson (links) kämpft mit Chelseas Pedro um den Ball. (Bild: Terry Donnelly/Getty (Liverpool, 31. Januar 2017))

Aufgeladenes Duell: Liverpools Jordan Henderson (links) kämpft mit Chelseas Pedro um den Ball. (Bild: Terry Donnelly/Getty (Liverpool, 31. Januar 2017))

Raphael Honigstein

Feindschaft, Flutlicht, Regen: Die Bühne an der Anfield Road war bestellt für ein grosses Duell zweier Klubs, die sich seit den Nuller-Jahren nicht ausstehen können. Für die Anhänger des FC Liverpool ist der vom russischen Rohstoff-Tycoon Roman Abramowitsch geführte FC Chelsea ein neureicher Emporkömmling ohne Sinn für Romantik und Anstand. Umgekehrt blicken die Londoner verächtlich auf einen Klub, der sich immerfort an der eigenen Historie berauscht, aber seit 27 Jahren keinen Ligatitel mehr gewonnen hat.

Dieser ideelle Konflikt wurde am Dienstag unter der Anwendung von völlig konträren taktischen Mitteln auf dem Rasen fortgesetzt, das Ergebnis war ein fussballerischer Kulturkampf, der das Stadion ins Wanken brachte. «Auf der roten Seite war Bereitschaft, Leidenschaft, Wille, Gier; im blauen Trikot steckten Coolness und Erfahrung», sagte Liverpool-Trainer Jürgen Klopp nach dem Spektakel. Seine Elf hatte mit Hilfe des lärmenden Publikums und läuferischer Intensität die nahezu unverwundbaren Besucher (eine Niederlage in den letzten 15 Partien) nachhaltig erschüttert; Georginio Wijnaldums 1:1-Ausgleich (57.) war der verdiente Lohn für den gewaltigen Aufwand der Reds.

Weder Triumph noch Desaster

Gleichzeitig durfte der 49-jährige Deutsche froh sein, dass die Gäste eine Viertelstunde vor Schluss nicht den Sieg entführt hatten, als Chelseas Sturm-­Ungetüm Diego Costa vom Elfmeterpunkt an Simon Mignolet gescheitert war. Am Ende dieses Lieds von Feuer und Eis stand so weder Triumph noch Desaster, sondern ein wohl temperiertes Unentschieden, mit dem sich ­allseits gut leben liess. Chelsea führt mit neun Punkten weiterhin ungefährdet die Tabelle an, ­Liverpool vermied eine vierte Heimniederlage in Folge und steht auf Platz vier. Da, wo die Mannschaft angesichts ihrer noch stark ausbaufähigen Qualität im Grunde auch hingehört.

Klopp bot das Remis die Gelegenheit, die englischen Medien, aber auch die nicht minder sprunghafte Anhängerschaft der Reds zu mehr Augenmass bei der Bewertung der laufenden Saison aufzufordern. «Wenn uns vor der Saison jemand gesagt hätte, ‹wir stecken euch in eine Zeitmaschine, und nach fünfzehn Spieltagen steht ihr da, wo ihr heute steht›, wer hätte da Nein gesagt?» fragte er rhetorisch. «Wir müssen jetzt cool bleiben und in den nächsten Partien alles versuchen. Lasst uns ein bisschen Spass haben.

Den Appell nötig gemacht hatte eine spürbare Stimmungseintrübung nach dem Jahreswechsel. Bei vielen Liverpool-Fans waren im Zuge einer unvorhergesehenen Negativserie mit nur einem Sieg in sieben Spielen böse Erinnerungen an die jüngere Vergangenheit aufgekommen; an regelmässig enttäuschte Erwartungen und falsche Hoffnungen unter Klopps Vorgängern. Die unter dem Strich erstaunlich gute Bilanz in der Liga – in den vergangenen 25 Jahren hat Liverpool nach 23 Partien nur zweimal mehr Punkte gesammelt – war ausser Augen geraten.

Wie angespannt die Lage war, konnte man merken, als Chelseas David Luiz Mitte der ersten Hälfte mit einem schnell ausgeführten Freistoss traf. In Klopps Rücken murrte es; und in einer Szene hatte sich der Trainer selbst nicht ganz im Griff. «Niemand kann uns schlagen», brüllte er den vierten Offiziellen nach dem verschossenen Costa-Elfer an. «Das stimmt natürlich nicht. Und der Mann war auch der falsche Adressat», gab er hinterher zu.

Niemand läuft so viel wie Liverpool

Starke Energieschübe von der Seitenlinie und von den Fans werden weiter zwingend notwendig sein, um die Truppe in die Champions-League-Plätze zu bugsieren; Klopps Mannschaft muss die spielerischen Defizite mit ihren läuferischen Qualitäten ausgleichen. Niemand läuft mehr auf der Insel. Ohne Doppel- und Dreifachbelastung kann sich Liverpool in den nächsten Monaten ganz auf seine feurige Kernkompetenz konzentrieren. Coolness und technische Effizienz müssen noch bis zur nächsten Saison warten.