FUSSBALL: Auf dem falschen Fuss erwischt

Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler lassen kein gutes Haar am Schweizer Nationaltrainer. Damit kann Vladimir Petkovic leben sein Problem ist aber der Konter von Stephan Lichtsteiner.

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Am 5. März 2014, beim 2:2 in St. Gallen gegen Kroatien, läuft Pirmin Schwegler zum letzten Mal für die Schweiz auf. (Bild: Freshfocus/Andy Müller)

Am 5. März 2014, beim 2:2 in St. Gallen gegen Kroatien, läuft Pirmin Schwegler zum letzten Mal für die Schweiz auf. (Bild: Freshfocus/Andy Müller)

Andreas Ineichen

Es entbehrt wohl nicht einer gewissen Ironie, dass der Schauplatz der Medienkonferenz vor dem fünften Spiel in der EM-Qualifikation der Schweizer gegen Estland in Luzern stattgefunden hat. Schliesslich geht es in dem Wirbel um die Nichtnominationen von Tranquillo Barnetta (29, Schalke 04) und Pirmin Schwegler (28, Hoffenheim), den die Boulevardzeitungen in der Schweiz und Deutschland entfacht haben, um zwei Luzerner. Der eine, Schwegler, seines Zeichens 14-facher Nationalspieler, hat gestern im «Blick» verlauten lassen, dass er Nationaltrainer Vladimir Petkovic nicht mehr zur Verfügung stehe. Und das einen Tag nachdem die gleiche Zeitung das Strohfeuer gegen Petkovic eröffnet hatte, indem sie dem Ostschweizer Barnetta unreflektiert die Bühne dafür gab, dem Nationaltrainer kommunikative Schwächen vorzuwerfen.

Lichtsteiner hinterfragt Petkovic

Der «George Clooney des Schweizer Fussballs», wie der Nachfolger des auf der Gehaltsliste des «Blicks» stehenden Ottmar Hitzfeld schon betitelt wurde, hätte den Wirbel wohl ohne zerzaustes Haar überstanden, wenn er nicht von Stephan Lichtsteiner (31) auf dem falschen Fuss erwischt worden wäre. Der zweite Luzerner in dieser Geschichte und eines der wichtigsten Gesichter in diesem Nationalteam getraute sich nämlich, in der «Basler Zeitung» die Nichtnominationen von Barnetta und Schwegler zu hinterfragen. Lichtsteiner sagte: «Für die Schweiz ist es extrem wichtig, auf die sogenannten Identifikationsfiguren aufzupassen.» Und weiter: «Die kulturelle Offenheit ist ein wichtiges Merkmal der Schweiz, und darauf bin ich auch stolz. Aber auch Spieler wie Pirmin Schwegler oder Tranquillo Barnetta, die über Jahre hinweg ihre Leistung gebracht haben, sind wichtig für das Team und die Fans.» Und dann beendete Lichtsteiner das Thema damit: «Das soll keine Kritik sein, der Trainer ist der Chef, er entscheidet, was passiert, und da habe ich mich auch gar nicht einzumischen. Ich habe in dieser Sache einfach eine andere Auffassung – und die kann ich in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit gelebt wird, ja äussern.» Man kann getrost festhalten: Selbstverständlich darf er das. Und trotzdem wird Loyalität zum Vorgesetzten in der Schweizer Sport- und Geschäftswelt für gewöhnlich in engeren Leitplanken definiert. Denn die wichtigste Mannschaft in unserem Land kann in ihrem Auftreten gegenüber der Öffentlichkeit und den Sponsoren unmöglich zu einer Selbsterfahrungsgruppe werden.

Petkovic reagiert gelassen

Folglich war es umso spannender, wie Petkovic mit seiner Körpersprache und seinen Worten auf den Unmut von Barnetta und Schwegler und deren im Aufgebot befindlichen Anwalt Lichtsteiner reagierte. Er betrat gestern Abend gegen 18 Uhr im Beisein von Medienchef Marco von Ah und Innenverteidiger Fabian Schär das kleine Podest im Medienraum der Swissporarena, wirkte sehr entspannt und beantwortete die erste Frage nach dem Wirbel um sein Aufgebot wie folgt: «Wir haben eine gemeinsame Liebe für die Schweiz, und was mich einzig und allein interessiert, sind Fabian und die weiteren 22 Spieler, die im Aufgebot stehen. Wir wollen am Freitag gegen Estland zeigen, dass wir eine gute Mannschaft sind und eine Einheit, die sich weiterentwickelt hat. Wir wollen das Spiel einfach gewinnen.»

Auch Basels Abwehrspieler Fabian Schär verhedderte sich in der Frage nach dem Befinden in der multikulturellen Equipe, wie die Schweiz eine ist, nicht: «Egal, woher wir kommen, wir wollen uns gemeinsam für die Schweiz einsetzen. Unser aller Ziel ist die Qualifikation für die EM 2016 in Frankreich.»

Inhaltlich wäre die Geschichte eigentlich reine Makulatur. Es ist Petkovics gutes Recht, Barnetta wie Schwegler aus sportlichen Gründen bloss auf die Pikett-Liste gegen Estland zu setzen. Die beiden spielten nicht so gut, als dass die Kompetenz von Petkovic hinterfragt werden müsste. Doch bestehen offensichtlich Probleme in der Führung und im Team, die nur durch Erfolge und Glücksgefühle geglättet werden können.